Sinnlose Meetings und überbordende Bürokratie – daran krankt Deutschlands Produktivität
Der Wirtschaftsstandort Deutschland leidet unter den fehlenden Innovationen und sinkender Produktivität. Eine neue Umfrage von Censuswide unter 1000 Büroangestellten, die WELT vorliegt, zeigt, dass 45 Prozent glauben, dass in ihrer Firma zu viel über Probleme geredet wird, statt dass Aufgaben effizient erledigt werden. Es gäbe einen „unternehmensübergreifenden Appetit auf Neuausrichtung“. Und der ist dringend notwendig.
Denn den Unternehmen läuft die Zeit davon. In den kommenden Jahren werden viele Beschäftigte in Rente gehen. Wächst die Produktivität nicht, droht Deutschland den Anschluss zu verlieren. Pro Stunde erwirtschaftet ein Arbeitnehmer laut Bundesbank-Zahlen heute aber noch immer ungefähr so viel Geld wie schon im Jahr 2019.
Bürokratische Abläufe sind dafür mitverantwortlich – ein Klassiker aus dem Bereich der Produktivitätsbremsen und auch in der neuen Umfrage auf dem Spitzenplatz. 28,7 Prozent der befragten Angestellten sagten, dass interne Bürokratie ihre Produktivität ausbremse. 26 Prozent der Umfrageteilnehmer stimmten außerdem der Aussage zu, dass unklare Verantwortlichkeiten und Prozesse eine Ursache seien. E-Mails, zu lange Konferenzen und häufige Unterbrechungen sahen 23 Prozent als Produktivitätskiller an. Immerhin: Weil es um interne Faktoren geht, könnten die Firmen noch reagieren.
Pläne für Entlastungen gibt es durchaus: In insgesamt 60 Prozent der Unternehmen der befragten Angestellten sind Maßnahmen zum Bürokratieabbau geplant. 33 Prozent wollen Formulare und Dokumentationen reduzieren, wo sie können, oder Verantwortlichkeiten besser organisieren. 26 Prozent der Firmen geben auch deshalb an, mehr künstliche Intelligenz in Meetings, aber auch für die Priorisierung von Aufgaben oder Zusammenfassungen von E-Mails oder Chat-Nachrichten einsetzen zu wollen.
Eine tiefgreifende Lösung ist das gleichwohl nicht unbedingt. Die Macher der Umfrage raten den Chefs sogar zu Vorsicht bei der KI: Sie könne etwa die Zusammenarbeit im Team beschädigen, da sie sich „selten“ auf diese konzentriere.
Gute Teamarbeit fördert die Produktivität aus Sicht der Beschäftigten aber ungemein – und sie ist offenbar äußerst empfindlich. So waren Empathie und Loyalität für 47 Prozent der Umfrageteilnehmer entscheidend für eine gute Zusammenarbeit und damit Effizienz. 28 Prozent sagten sogar, dass sich Siezen unter Kollegen negativ auswirken könnte.
Kostenreduktion statt Produktivitätsgewinne
Was aber tun, wenn Leistung in der eigenen Firma nicht anerkannt oder gewürdigt wird? WELT fragte den Karriereberater Markus Karbaum – der Experte geht nicht davon aus, dass das grundsätzlich ein Hemmnis für die Karriere sein muss.
Er rät dazu, in einem solchen Umfeld den Fokus auf andere Faktoren für den beruflichen Aufstieg zu legen. „Beruflicher Erfolg ist immer leichter möglich, wenn Erwerbstätige auf Leistungen und Erfolge verweisen können“, sagt Karbaum. „Auf einer unproduktiven Stelle ist dies oft erschwert oder gar nicht vorzuweisen. Dann ist es nur noch möglich, auf alternative Indikatoren auszuweichen.“
Denkbar sei in solchen Fällen, auf Kosteneinsparungen oder die Optimierung von Prozessen zu verweisen. Diese müssen allerdings messbar sein, damit das Argument beim Chef auch wirklich zieht. „Die reine Behauptung reicht nicht aus. Das Argument muss sein: Auch in einer schwierigen Marktlage habe ich wesentliche Beiträge geleistet“, so Karbaum.
Schnelle Auswirkungen auf die Karriere bringe eine hohe Produktivität in langsamen Firmen auch – aber natürlich nicht sofort. In manchen Unternehmen, sagt der Experte, kann es sich auch für ambitionierte Mitarbeiter lohnen, einfach etwas abzuwarten.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Felix Seifert ist Redakteur im Ressort Wirtschaft und Innovation. Er schreibt unter anderem über die Themen Karriere, Verbraucher, den Standort Deutschland und Immobilien.