Berlin – Ex-Außenminister und -Vizekanzler Sigmar Gabriel (66, SPD) warnt vor einer zu großen Angst vor Wladimir Putin. In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) spricht er sich erneut für Verhandlungen mit Russland aus – und wiederholt die steile These, dass es unter einer Kanzlerin Merkel den Ukraine-Krieg nicht gegeben hätte. Nebenbei watscht der Ex-SPD-Chef auch noch seine eigene Partei ab ...
Gabriel reagiert in dem Interview auf Warnungen, dass Putin noch in diesem Jahrzehnt Nato-Territorium angreifen könnte. Das würde er selbst „nicht ganz so ernst“ sehen: „Solche Debatten führen nicht weiter, und sie machen nur Angst“, meint der Ex-Minister. Man dürfe Putin nicht unterschätzen, sagt Gabriel weiter: „Aber wenn Russland bei Tiktok auf Soldatensuche gehen muss und nach fünf Jahren Krieg gerade einmal 20 Prozent des Territoriums der Ukraine besetzt hat, scheint mir das kein Ausweis gigantischer militärischer Stärke zu sein.“ So wie zu der Zeit, als die Sowjetunion zusammenbrach, verfüge der Westen noch immer über sein „magisches Dreieck“ aus wirtschaftlicher Stärke, militärischer Abschreckungsfähigkeit und Diplomatie.
Angela Merkel soll mit Putin verhandeln
Wie schon im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer schlägt Gabriel Verhandlungen mit dem Kriegstreiber vor – und wiederholt den Vorschlag, Altkanzlerin Angela Merkel solle als Vermittlerin eingesetzt werden. Sie habe zwar gesagt, dass sie gar nicht will – „aber würden die Europäer sie bitten, würde sie garantiert nicht Nein sagen“, meint Gabriel.
Überhaupt lobt Gabriel seine Ex-Chefin für ihre Russland-Politik: „Ich gehe so weit, zu sagen: Wäre Angela Merkel Kanzlerin geblieben, hätte es keinen Krieg gegeben.“ Sie habe noch auf ihrem letzten Ratsgipfel 2021 gefordert, eine Verhandlungsgruppe aus Europa nach Moskau zu schicken. Mit ihrem Weggang fehlte danach „eine treibende Kraft“.
Lob gibt es vom SPD-Mann aber auch für Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU). Der mache „vor allem eine gute Außenpolitik“ und habe „im Iran-Krieg gegenüber Trump eine Position eingenommen, die den amerikanischen Präsidenten zwar verärgert hat, aber notwendig war.“
SPD ist „lebensmüde“
Hart geht der heutige Politikberater dagegen mit der eigenen Partei ins Gericht: „Merz versucht durchaus, zu erklären, in welcher Lage wir sind. Aber meine Partei, die SPD, benimmt sich in der Koalition immer noch so, als ob sie Minister in einer fremden Regierung hätte. Sie entsendet ihre Minister und spielt dann Opposition.“ Dieses Verhalten sei „natürlich lebensmüde“. Denn sie habe „nur eine einzige Chance: Sie muss mithelfen, dieser Regierung zum Erfolg zu verhelfen.“