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Selenskyjs beste Frau soll Trump auf ihre Seite ziehen

· War chronicles

Der Kyjiwer Politikbetrieb gilt nicht erst seit der Ära von Wolodymyr Selenskyj als chaotisch. Umso überraschender, dass selbst das Umfeld des Präsidenten nichts von der anstehenden Regierungsumbildung im Vorfeld mitbekommen hat. Noch vor fast genau einem Jahr, als Julija Swyrydenko von der Wirtschaftsministerin zur Regierungschefin befördert wurde, verbreiteten sich entsprechende Gerüchte Wochen vorher. Am vergangenen Sonntag aber soll gar die 40-Jährige selbst nur geahnt haben, warum Präsident Selenskyj sie zum Gespräch in sein Büro bittet.

Nach nur einem Jahr im Amt verlässt Julija Swyrydenko den wichtigsten Verwaltungsposten im Land. Die überraschende Entscheidung zieht automatisch auch die Entlassung der gesamten Regierung nach sich. Das heißt: Auch wenn einige alte Minister im nächsten Kabinett bleiben, müssen sie vom Parlament neu bestätigt werden. 

Politisch dürfte sich allein durch die Entlassung von Swyrydenko in Kyjiw wenig ändern. Ähnlich wie ihr Vorgänger Denys Schmyhal gilt die Wirtschaftsexpertin als frei von Ambitionen und als Technokratin. Selenskyj seinerseits setzt mit dieser Entscheidung seinen Kurs fort, wichtige Personen in der Regierung auszutauschen, die mit seinem ehemaligen Stabschef Andrij Jermak in Verbindung gebracht werden. Jermak musste Ende 2025 nach dem Bekanntwerden der Korruptionsaffäre rund um die sogenannte Operation Midas zurücktreten. Der umstrittene Rechtsanwalt ist inzwischen einer der Angeklagten. Jermak soll Teil eines Netzwerks von Personen gewesen sein, die an der Vergabe von Aufträgen großer Staatsunternehmen, wie etwa des Atomkonzerns Enerhoatom, mitverdient haben.

Jermak hat Swyrydenko einst gefördert und Selenskyj empfohlen. Nachdem die Korruptionsvorwürfe gegen Jermak konkret wurden, ging sie aber auf Distanz zu ihm. Anders als ihr Förderer gilt Swyrydenko selbst in den Reihen der Opposition als unbestechlich. Ihre Reputation ist weitgehend makellos. Angesichts des Ausmaßes der Midas-Affäre, in die ehemalige Minister und Vertraute des Präsidenten verwickelt sind, ist das eine Seltenheit im Team von Selenskyj. Einen politischen Grund, die Premierministerin zu entlassen, hatte Selenskyj wohl nicht.

Selenskyj will Momentum ausbauen

Dass sie dennoch geht, liegt vor allem daran, dass Selenskyj seine beste Ministerin derzeit nicht in Kyjiw braucht, sondern in Washington D. C. Offiziell heißt es, Swyrydenko solle sich um die Beziehungen zu den USA kümmern. Höchstwahrscheinlich wird die 40-Jährige den Botschafterposten in den USA übernehmen. Diese Position hat in den Jahren des Krieges mit Russland an Bedeutung gewonnen. Viele in der ukrainischen Hauptstadt halten sie für wichtiger als etwa den Posten des Außenministers und vielleicht sogar des Premiers.

Der Personalwechsel fällt in eine Zeit, in der sich das Verhältnis beider Länder spürbar gebessert hat. Das Treffen zwischen Selenskyj und dem US-Präsidenten Donald Trump beim Nato-Gipfel in Ankara war aus ukrainischer Sicht die bisher produktivste Begegnung der beiden Männer. Sie dauerte länger als ursprünglich angedacht. Trump scheint mittlerweile von den ukrainischen Erfolgen im Luftkrieg mit Russland überzeugt. Aus Kyjiwer Regierungskreisen heißt es zudem, dass die Pläne für eine Lizenzproduktion der dringend benötigten Abfangraketen für Patriot-Systeme auf ukrainischem Boden weit fortgeschritten sind.

Gerne würde Selenskyj das neu gewonnene Momentum ausbauen. Swyrydenko als Botschafterin in die USA zu schicken, ist als entsprechendes Signal an Trump und seine Regierung zu verstehen. Swyrydenko kennt Trumps Team. Sie hat ein gutes Verhältnis zu dem US-Finanzminister Scott Bessent. Nachdem etwa die erste Kyjiw-Reise von Bessent und sein Treffen mit Selenskyj zum sogenannten Ressourcen-Deal im vergangenen Jahr in einem Streit geendet waren, übernahm Swyrydenko die Verhandlungen und besänftigte den US-Minister.