TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

Kiew – Einmal mehr legen Russlands Raketen in der Nacht Teile von Kiew lahm – doch dieses Mal führt der Angriff zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (48) und Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko (55). Selenskyj wirft der Stadt vor, sich nicht gut genug auf die Attacke vorbereitet zu haben. Klitschko kontert mit drastischen Worten: Der Präsident betreibe „Manipulation“ und verbreite „Lügen“.

Dabei ist die Lage in der Dreimillionenstadt ernst: Nach russischen Angriffen leiden Einwohner und Unternehmen unter langen Strom- und Wasserausfällen, auch die Fernwärme ist betroffen. Eine heftige Energiekrise droht. Bei einem neuen Raketenangriff wurde zudem die Nordbrücke über den Dnipro beschädigt und vorläufig gesperrt. Nach Angaben Klitschkos gab es in Kiew fünf Verletzte. Selenskyj erklärte, Russland habe in der Nacht 36 Raketen auf Kiew und das Umland abgefeuert.

Selenskyj: Beschlüsse „nicht umgesetzt“

Doch statt Einigkeit im Kampf gegen die russischen Attacken verschärft sich der politische Streit in Kiew. Selenskyj machte auch „nicht umgesetzte Beschlüsse auf städtischer Ebene zur Vorbereitung auf die Heizperiode“ für die Versorgungsprobleme verantwortlich. Im Klartext: Klitschko bereite seine Stadt nicht auf die Attacken vor! Der weist das zurück und dreht den Spieß um: Vertreter der Stadt seien zu den Krisenberatungen des Präsidenten schlicht nicht eingeladen gewesen. Laut Reuters beklagt Klitschko außerdem, die Zentralregierung verzögere die Genehmigung eines Notfallplans für Kiew.

Klitschko: Er kennt die reale Situation nicht

Besonders scharf reagierte der Bürgermeister auf den Vorwurf, Kiew habe sich unzureichend vorbereitet. „Widerwärtig sieht das alles in Bezug auf die Einwohner der Hauptstadt aus“, schrieb Klitschko. Damit werde auch die Arbeit jener Helfer herabgewürdigt, die „unter Einsatz ihres Lebens unter Beschuss rund um die Uhr praktisch Unmögliches leisten“. Zudem zweifelte Klitschko an Selenskyjs Kenntnis der „realen Situation um die Energieversorgung“.

Kiew sei Teil des ukrainischen Verbundnetzes, argumentierte Klitschko. „Und wenn dieses Netz im ganzen Land zerstört wird, kann es nicht an manchen Orten noch leuchten, während Klitschko an anderen alles abgeschaltet hat.“ Der Konflikt zwischen beiden Politikern schwelt bereits seit Jahren: Immer wieder werfen sie einander vor, Zuständigkeiten zu überschreiten. So heftig wie aktuell war der Streit aber selten.