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Sebastian Kurz’ Startup erreicht Bewertung von drei Milliarden US-Dollar

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Einst residierte Sebastian Kurz am Wiener Ballhausplatz im Kanzleramt, das einem barocken Stadtpalais ähnelt. Heute empfängt Kurz in einem modernen Glaspalast, der sich elegant in die Skyline von Tel Aviv einfügt. Die Wirkungsstätten und Arbeitswelten könnten unterschiedlicher nicht sein. Gleich geblieben sind der unbändige Ehrgeiz und das unfassbare Tempo, mit dem Sebastian Kurz Erfolgsmeldungen produziert. Mit 27 Jahren wurde Kurz Außenminister, mit 31 Jahren österreichischer Bundeskanzler – der jüngste aller Zeiten. Heute, mit 39 Jahren, steigt er zu den bedeutendsten Startup-Gründern Europas und Israels auf.

Sein Unternehmen DREAM hat eine Finanzierungsrunde über 260 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Damit steigt die Unternehmensbewertung nach eigenen Angaben auf drei Milliarden US-Dollar. Für das Unternehmen, das erst vor dreieinhalb Jahren gegründet wurde, markiert die neue Finanzierungsrunde einen wichtigen Meilenstein. Die Series-C-Runde wird von den Investmentfonds Bicycle Capital und Group 11 angeführt, gemeinsam mit Beteiligung von Bain Capital, Tru Arrow Partners mit Investor James Rothschild, Antler aus Norwegen und weiteren globalen Investoren.

Angesichts der klangvollen Namen der Investoren und der drei Milliarden hohen Bewertung würden manch andere Gründer über die Flure ihres Unternehmens schweben. Doch Sebastian Kurz und seinem israelischen Mitgründer Shalev Hulio ist keinerlei Triumphgebaren anzusehen. Konzentriert und schnellen Schrittes bewegen sie sich durch die stilvoll-modernen Büroräume in Tel Aviv.

Fast demütig ist ihr Ton, als sie im Büro von Hulio Platz nehmen. „Als wir vor dreieinhalb Jahren dieses Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut haben, konnten wir überhaupt nicht wissen, ob es funktionieren würde. Jetzt sind wir sehr glücklich, dass wir weitermachen können“, sagt der Unternehmer Kurz, um dann doch einen kurzen Moment lang wieder wie ein Politiker zu klingen: „Aber wichtiger als unser persönlicher Erfolg sind uns die Werte, die wir für ganze Nationen schaffen können.“

Seine Überzeugung: „Der nächste Cyberkrieg wird von KI gegen KI geführt.“ Um Staaten, Militär, Sicherheitsbehörden, Gesundheitsdaten und kritische Infrastruktur vor Cyberangriffen zu schützen, entwickelten Kurz und Hulio die Idee, zwei bislang getrennte Welten zusammenzuführen: die Expertise der besten Hacker und die Leistungsfähigkeit Künstlicher Intelligenz. Auf dieser Grundlage entwickelte das Unternehmen ein speziell für Cybersicherheit ausgelegtes KI-Modell, das von international führenden Experten trainiert wurde.

Daraus entstand eine Plattform, die staatlich gesteuerte Cyberangriffe frühzeitig erkennt und abwehrt – noch bevor sie kritische Infrastruktur oder staatliche Einrichtungen beschädigen können. „Die meisten Angriffe, die wir verhindern konnten, kamen aus China, Russland, Iran und Nordkorea“, erklärt Hulio, der innerhalb des Unternehmens die Technologie verantwortet. Er bringt einen großen Erfahrungsschatz als Mitgründer und späterer Leiter der NSO Group mit, einem israelischen Tech-Unternehmen, das für seine Spyware Pegasus bekannt wurde. „Russland nutzt großangelegte Phishing-Kampagnen. China baut KI-gestützte Angriffsstrukturen auf.“ Das Alleinstellungsmerkmal von DREAM sei, dass es Staaten bei der Cyberabwehr unabhängig machen könne.

Kurz: Sind seit diesem Jahr profitabel

„Länder sollen nicht von den USA oder China abhängig sein. Wir entwickeln Lösungen, die Regierungen selbst besitzen, selbst betreiben und selbst kontrollieren können. Die Daten müssen nicht in eine Cloud hochgeladen werden und werden mit niemandem geteilt.“ Der Kundenkreis wachse rasant – in Europa, im Nahen Osten und in Südostasien. Aufträge in Höhe von rund 300 Millionen US-Dollar stehen in den Büchern. Seit diesem Jahr sei das Unternehmen mit seinen 350 Mitarbeitern profitabel, so Kurz.

Ob die Gründer von DREAM angesichts des rasanten Wachstums schon von einem Börsengang träumen, wie ihn Elon Musk gerade mit SpaceX hingelegt hat? „Ein Börsengang ist eine Option, eine sehr realistische Option für ein wachsendes Unternehmen wie unseres“, sagt Kurz. Der nächste große operative Schritt sei aber zunächst die Expansion des Standortes in Abu Dhabi. Auch die Entscheidung für ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Deutschland sei gefallen. Nur auf den Ort habe man sich noch nicht festgelegt, sagt Hulio. „Wichtig ist für uns eine direkte Flugverbindung nach Tel Aviv.“

Hulio: „Daran musste ich mich als Israeli gewöhnen“

Die Kombination der israelischen und der westeuropäischen Mentalitäten und Fähigkeiten scheint eines der Erfolgsgeheimnisse von DREAM zu sein. Allein modisch unterscheiden sich der Kanzler und der israelische Tech-Guru. Kurz ist glattrasiert und trägt ein weißes Hemd. Hulio trägt ein schwarzes T-Shirt, Bart und fällt durch ein lebensfrohes Lächeln auf.

Am Anfang hätten sich die kulturellen Unterschiede zwischen den Gründern manchmal bemerkbar gemacht, erzählt Hulio. „Sebastian kann 20 Meetings in eine Stunde quetschen. Er ist sehr diszipliniert. Das muss ihm erstmal einer nachmachen. Und wer zu einem Meeting eine Minute zu spät kommt, gilt in Sebastians Augen schon als unpünktlich. Daran musste ich mich als Israeli erstmal gewöhnen“, sagt Hulio und lacht. Er habe während seiner Laufbahn schon mit einigen guten Leuten zusammengearbeitet.

Sebastian Kurz sei allerdings der beste Partner, den er je gehabt habe. „Was er innerhalb kürzester Zeit in der Politik erreicht hat, gelingt ihm nun in der Tech-Welt. Sebastian ist ein brillanter Geist. Hätte er sich schon als junger Mensch für das Unternehmertum entschieden, stünde er heute schon in einer Reihe mit Elon Musk“, sagt Hulio sehr ernsthaft.

Der Altkanzler ist wiederum voll des Lobes für seinen Mitgründer, der schon vor DREAM als Star der israelischen Tech-Branche galt. „Für mich ist Shalev ein Genie. Wenn ihm jemand sagt, es gebe keine Lösung für ein technisches Problem, stachelt ihn das an und er pusht das Team bis ans Limit. Während seiner Laufbahn hat er immer wieder technologische Durchbrüche erreicht, die nicht für möglich gehalten wurden.“ Ein wenig gilt dieser Satz wohl auch für ihn selbst. Während andere Spitzenpolitiker oft vergeblich eine Rolle in der Wirtschaft suchen oder wie andere Altkanzler ihr Geld als Gas-Lobbyisten für Diktatoren machen, ist Kurz der Durchbruch als Unternehmer gelungen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

Jan Philipp Burgard ist Axel Springer Global Reporter für den Nahen Osten.