TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Asuny (Polen) – Durch Polens grüne Wiesen zieht sich die Grenze zu Kaliningrad wie mit dem Lineal gezogen. Die russische Exklave ist der westlichste Außenposten von Kriegstreiber Wladimir Putin (73) mitten in Europa und seit dem Überfall auf die Ukraine eine andauernde Drohkulisse. Genau hier entsteht das gewaltigste Festungswerk der modernen Nato-Geschichte: die „Operation Ostschild“.

Hier, im ehemaligen Ostpreußen, trifft BILD Major Dominik Płaza (34). Der Presseoffizier der polnischen Armee spricht selbstbewusst über das Projekt, das die Polen im Alleingang auf die Beine gestellt haben. „Wir wollen den potenziellen Feind davon abhalten, in unser Territorium vorzudringen, und seine Beweglichkeit einschränken. Wir bereiten uns auf einen großangelegten Konflikt wie in der Ukraine vor.“ Während andere noch zögerten, kündigte Polen deshalb im Frühjahr 2024 an, die Landschaft an der Grenze zu Russland in ein Bollwerk zu verwandeln.

Gräben, Sperren und Minen zum Schutz vor Putin

Unzählige Panzersperren stehen jetzt in einer scheinbar ewigen grauen Reihe aus Beton und Stahl. „Hedgehogs“ (engl. für Igel) werden sie genannt. Jede Panzersperre wiegt 1,2 Tonnen. Davor ein etwa drei Meter tiefer Graben und Stacheldraht, der die 200 Kilometer der russischen Grenze markiert.

Die Beton-Igel werden im Falle eines Angriffs mit massiven Stahlseilen verkettet. „Wir haben das mit einem Schützenpanzer getestet“, erklärt Płaza stolz. „Das Fahrzeug rammte die Igel. Durch die Stahlseile haben sie sich um den Panzer gewickelt. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Es funktioniert perfekt.“ 

Polnische Grenzpolizei kontrolliert BILD-Reporter

Rund 2,5 Milliarden Euro werden investiert, um die Grenze Polens zu Kaliningrad hier und im Osten zu Belarus abzuriegeln. 2400 Panzersperren werden pro Kilometer verbaut. Hinter der ersten Linie sollen im Kriegsfall 100 Meter Minenfeld liegen, dahinter eine zweite Linie Panzersperren. Früher rollten hier noch Züge in das russische Staatsgebiet ein. Als der Soldat gerade über die stillgelegten Bahngleise steigt, erscheinen Beamte der polnischen Grenzpolizei: „Zeigt eure Ausweise! Keine Fotos mehr!“, fordern sie. Płaza bleibt gelassen. „Ich rede kurz mit ihnen, damit sie uns nicht in Ketten abführen“, scherzt er.

Doch die Grenzschützer, die dem Innenministerium unterstellt sind, wurden nicht über den BILD-Besuch informiert. An dieser Grenze versteht keiner Spaß. Es folgt eine rigorose Kontrolle: Ausweise werden geprüft, die Kameras untersucht. Jedes Foto, das auch nur im Hintergrund russisches Staatsgebiet zeigt, muss sofort gelöscht werden. Sonst könnte Russland ihnen Spionage vorwerfen, erklären die Beamten. Nach über einer Stunde rücken die Grenzpolizisten wieder ab.

Ab Juli soll die Bundeswehr kommen

„Ich als polnischer Bürger fühle mich durch den Ostschild sicherer“, sagt Major Płaza. „Mit jeder Panzersperre, die wir aufstellen, wird meine Familie sicherer.“ Dabei lernt Polen aus dem Ukraine-Krieg. „Die Ukraine ist für uns eine wichtige Quelle für neue Lösungen“, erklärt er. Von dort übernehme man die Erfahrungen mit Drohnenschwärmen, elektronischer Kampfführung und dem Bau von Schutzbunkern. Zum Ostschild gehört auch, dass ganze Landstriche gezielt wieder aufgeforstet und Moore künstlich unter Wasser gestellt werden, um sie für russische Kettenfahrzeuge unpassierbar zu machen.

Bald soll zusätzliche Unterstützung kommen: Pioniere der Bundeswehr werden ab Juli an der Grenze erwartet, um beim Ausheben der Gräben und Errichten der Panzersperren zu unterstützen – rund 550 Kilometer entfernt von Berlin.