Berlin – Am Anfang waren es ein paar Hundert Mitglieder, zum Ende des Krieges neun Millionen. Die NSDAP wurde zu einer riesigen Massenpartei. Die Begrenzung auf rund 10 Prozent der Bevölkerung war von Diktator Adolf Hitler (1889 – 1945) so vorgesehen.
Hitler hatte in seiner Propagandaschrift „Mein Kampf“ formuliert: „Anhänger einer Bewegung ist, wer sich mit ihren Zielen einverstanden erklärt, Mitglied ist, wer für sie kämpft.“ Der Politikwissenschaftler Professor Jürgen W. Falter (82) von der Uni Mainz hat in seinem Buch „Hitlers Parteigenossen“ (Campus, 2020) die Mitgliederkartei der NSDAP ausgewertet. Eine Kartei, die sie jetzt fast komplett mit der KI und BILDplus durchforsten können.
Aber was bedeutete die Mitgliedschaft? Professor Falter zu BILD: „Dass jemand in der NSDAP war, bedeutet nicht automatisch, überzeugter Nationalsozialist gewesen zu sein. Viele, vor allem nach 1933, traten der NSDAP aus opportunistischen Gründen bei, um Karriere zu machen, um jemandem einen Gefallen zu tun, weil es von einem erwartet wurde, oder auch um sich oder andere zu schützen. Dafür gibt es vielfach Belege.“
Begrenzung der Mitgliedschaft
Die Mitgliedschaft hatte laut Falter jedoch ganz konkrete Folgen: „Wer der NSDAP beitrat, unterstützte sie, ob er es wollte oder nicht: mit seinen Mitgliedsbeiträgen, mit seiner Mitgliedschaft, auf die die Partei verweisen konnte, gerade auch im Ausland, wo sie sich als vom Volk einhellig getragene Partei mit millionenfacher Unterstützung legitimieren konnte.“
In seinem Buch erklärt Falter, dass Hitler die Zahl der Mitglieder begrenzen wollte, um den „revolutionären Charakter nicht zu verwässern“. Hitler schrieb, eine Organisation würde sonst „ihre Kampfkraft“ verlieren. Der Diktator wollte keine Opportunisten und gab als Richtlinie aus: „Von diesen aufdringlichen Parasiten den Staat und die Partei zu säubern, wird besonders für die Zukunft eine wichtige Aufgabe sein.“
Wer wurde Mitglied?
Mitglied werden durfte nur, wer, so die Nazisprache, „arischer Abkunft“ ohne „jüdische Blutsteile“ war. Die sogenannte „Kriegskindergeneration“, also Menschen, die während des Ersten Weltkriegs Kinder waren, waren überproportional vertreten. Sie waren zahlreicher dabei als „Frontkämpfer“, die in den Schützengräben kämpften – also die Jahrgänge zwischen 1880 und 1900. 40 Prozent der Mitglieder waren Arbeiter.
Die früh Beigetretenen, die sich teils noch Straßenschlachten mit Nazigegnern lieferten, nannte man „Alte Kämpfer“. „Septemberlinge“ wurden von der alten Garde jene genannt, die nach dem ersten größeren Wahlerfolg im September 1930 ins Partei-Boot sprangen. Und die „Märzgefallenen“ – ebenfalls ein Spottwort – waren jene, die erst nach der Machtergreifung 1933 in die Partei wollten.
Tatsächlich wurden nach der Machtübernahme auf einmal viermal so viele Beamte wie zuvor Mitglieder, darunter allein sechsmal so viele Lehrer, wie Professor Falter in seiner Studie herausstellt.
Der Mitglieder-Boom führte zur zeitweisen Schließung der Aufnahmelisten. So durften etwa von Mai 1933 bis Mai 1937 nur noch Angehörige der Hitlerjugend, der SA und der SS beitreten. Als die Schleusen 1937 wieder geöffnet wurden, folgte eine Rekordwelle von mehr als 2,7 Millionen Neueintritten in einem einzigen Jahr.
Was bedeutete es, wenn man NICHT Mitglied war?
Aber was bedeutet es eigentlich, wenn man KEIN Parteimitglied war? Falter zu BILD: „In den Jahren des Erfolgs des Dritten Reiches, die bis etwa zum Kriegsausbruch dauerten, erlebten Hitler und seine Gefolgschaft massenhafte Zustimmung auch bei denjenigen, die keine überzeugten Nationalsozialisten waren, wie Sebastian Haffner in seinen Anmerkungen zu Hitler schreibt.“
Der renommierte Publizist und Zeitgeschichtler Haffner (1907-1999) ging davon aus, dass es etwa ein Drittel überzeugte Nationalsozialisten gab, ein Drittel Opportunisten und Mitläufer und ein Drittel, die nichts vom Nationalsozialismus hielten.
Falter: „Damit dürfte er richtig liegen. Aktiver Widerstand war selten, aber der war auch lebensgefährlich. Stillschweigendes Mitmachen auch bei denjenigen, die keine überzeugten Nationalsozialisten waren, war der Alltag in der totalitären Diktatur des Dritten Reiches. Wer weiß, wie wir uns unter diesen Umständen, wo hinter jeder Ecke die Gestapo lauerte und für Dissidenten das KZ drohte, verhalten hätten. Moralische Selbstgewissheit der Nachgeborenen und selbst ernannten Antifaschisten macht noch keine Helden.“