Mindestens 18 Tote nach großflächigem russischen Angriff auf Kyjiw
Russland hat Kyjiw in der Nacht zum Donnerstag elf Stunden lang mit Raketen und Drohnen angegriffen. Bei den Attacken sind laut Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko mindestens 18 Menschen getötet und 86 weitere verletzt worden.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland 74 Raketen und 496 Drohnen ab. Der Angriff traf alle zehn Stadtbezirke Kyjiws auf beiden Seiten des Dnipro. Viele Einwohner suchten Schutz in U-Bahn-Stationen, nachdem Präsident Wolodymyr Selenskyj und weitere Behörden erste Warnungen herausgegeben hatten. Klitschko sprach von einem andauernden »wütenden feindlichen Angriff« auf die Hauptstadt.
Schäden in allen Stadtbezirken
Die ukrainische Militärverwaltung teilte mit, dass an 30 Stellen im gesamten Stadtgebiet Schäden gemeldet worden seien. Betroffen waren demnach vorwiegend Wohngebäude und zivile Infrastruktur. Dem ukrainischen Innenminister Ihor Klymenko zufolge wurden 20 Wohngebäude beschädigt. Nach Angaben des Katastrophenschutzes waren fast 500 Einsatzkräfte, rund 100 Spezialfahrzeuge und ein Hubschrauber im Einsatz.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte laut der Nachrichtenagentur AFP, einen »massiven Angriff« auf Kyjiw ausgeführt zu haben. Das Ministerium behauptete, es seien »Unternehmen der Rüstungsindustrie und Energieanlagen« ins Visier genommen worden.
Menschen in Hochhaus eingeschlossen
Besonders schwer von den Angriffen getroffen wurde unter anderem der Bezirk Schewtschenkiwskyj. Dort wurden nach Angaben von Bürgermeister Klitschko fünf Menschen verletzt, darunter ein Sanitäter, der sich in äußerst kritischem Zustand befindet. Außerdem seien in dem Bezirk ein Hotel und zwei fünfstöckige Wohnhäuser beschädigt worden. Im Bezirk Desnjanskyj wurden Menschen in einem beschädigten neunstöckigen Wohnhaus eingeschlossen und auch in anderen Bezirken kam es laut Katastrophenschutz zu Bränden und weiteren Schäden an Wohngebäuden.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha forderte die Verbündeten seines Landes auf, die Luftverteidigung der Ukraine zu stärken. Eine weitere Nacht des Schreckens zeige, dass Entscheidungen über die Lieferung von Luftverteidigungssystemen und Flugkörpern nicht verzögert werden dürften, schrieb er auf der Plattform X.
Reaktionen aus Deutschland und der EU
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas pochte als Reaktion auf die russischen Angriffe auf weitere Sanktionen gegen die Führung in Moskau. Sie werde vorschlagen, zusätzliche Einrichtungen zu sanktionieren, die den militärisch-industriellen Komplex Russlands unterstützten, schrieb Kallas auf X. »Je mehr Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden«, fügte sie hinzu.
Auch die Bundesregierung verurteilte die jüngsten russischen Luftangriffe auf Kyjiw und weitere Teile der Ukraine. »Die erschütternden Bilder der Zerstörung nach der letzten Nacht zeigen einmal mehr: Russland setzt seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit unverminderter Brutalität fort.« Präsident Wladimir Putin zeige keinerlei Verhandlungsbereitschaft und setze weiter auf Raketen- und Drohnenterror gegen die Bevölkerung, während Russland an der Front enorme Verluste erleide. Deutschland werde deshalb laut dem Auswärtigen Amt gemeinsam mit seinen Partnern den Druck auf Russland weiter erhöhen und die Ukraine in ihrem Abwehrkampf weiter unterstützen. »Um diese Unterstützung wird es auch kommende Woche auf dem Nato-Gipfel in Ankara gehen«, kündigte ein Sprecher an.
Ukraine griff Raffinerie an der Wolga an
Russland hatte seine Angriffe auf Kyjiw in den vergangenen Wochen verstärkt. Gleichzeitig führten ukrainische Drohnenangriffe auf russische Militär- und Energieanlagen zu Treibstoffknappheit und unterbrochenen Lieferketten in Russland.
Das ukrainische Militär griff in der Nacht zum Donnerstag auch russische Ziele an. Getroffen wurde unter anderem eine der größten russischen Ölraffinerien in der Region Nischni Nowgorod östlich von Moskau. Der ukrainische Generalstab teilte mit, dass der Angriff einen Brand auslöste. Zudem griffen ukrainische Einheiten laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Siwerskyj Donez in der russisch besetzten Region Luhansk an, die nach Angaben des Generalstabs von russischen Streitkräften für den Transport von Personal und Waffen genutzt wurde.