New York City (USA) – Die Straßen sind mit grün-weiß-roten Flaggen geschmückt, aus den Restaurants strömt der Duft von Pizza und Pasta, in der Luft liegt Dolce Vita. Auf den Bildschirmen laufen die Spiele der Weltmeisterschaft – nur Stimmung kommt hier nicht auf, denn ein Team fehlt: das italienische. Zum dritten Mal haben sich die Azzurri nicht für die WM qualifiziert. BILD zu Besuch im „Little Italy“ von New York City.

Das Viertel in Manhattan ist zwölf Meilen vom Stadion entfernt, in dem in knapp vier Wochen das Finale stattfindet. Es war einst die Heimat von Tausenden italienischen Einwanderern. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier rund 40.000 Italiener. Davon ist nur noch wenige geblieben, doch auf zwei Straßenzügen lebt die italienische Tradition bis heute weiter. Umso größer ist die Enttäuschung in diesem WM-Sommer.

Daumen drücken für Ancelotti

„Ein Imperium ist gefallen“, sagt Carmela Lanzetta (70) über den Niedergang des italienischen Fußballs. Vor 51 Jahren kam sie nach New York – um Englisch zu studieren. Und die Freiheit der Weltmetropole zu fühlen. „Du kannst hier sein, wer du willst, und tragen, was du willst“, sagt sie zu BILD. Heute führt sie hier ein Restaurant. Sie liebt die Stadt. Und trotzdem: „In erster Linie schlägt mein Herz für Italien. In zweiter für die USA.“ Besonders beim Fußball.

Dass die italienische Mannschaft das dritte Turnier in Folge verpasst – für sie kein Wunder. „Die junge Generation in Italien kümmert sich nicht mehr so um Fußball“, sagt sie. Aber irgendwann – so prophezeite sie – werde Italien zurückkommen und es allen zeigen. Bis dahin drückt sie einem anderen Team die Daumen: Brasilien. „Wir unterstützen Brasilien wegen Carlo Ancelotti. Er ist Italiener und ein guter Trainer. Ich bin sicher, dass Brasilien ins Finale kommt.“

Auch Alberto Damasco (31) vermisst die Azzurri: „Es ist traurig, dass Italien nicht dabei ist. Die Weltmeisterschaft ist nicht so gut wie früher.“ Damasco kam aus Venedig nach New York, um im Restaurant seines Onkels zu arbeiten. Ganz ohne Italien interessiert ihn die WM kaum. Einen Tipp, wer den Titel holt, hat er trotzdem: „Ich denke, Portugal wird Weltmeister. Ich habe einfach so ein Gefühl. Ich mag Ronaldo nicht, aber er hat alles gewonnen, und ihm fehlt nur noch dieser eine Titel.“

Junge Generation kennt WM (fast) nur ohne Italien

Viermal wurde Italien Weltmeister: 1934, 1938, 1982 und 2006. Dazu kommen zwei EM-Titel. Generationen italienischer Kinder träumten davon, einmal wie Totti, Pirlo oder Buffon zu spielen. Für Nicholas Calvello-Macchia (23) sind die goldenen Zeiten ohnehin nur Geschichte: „Ich erinnere mich nicht mehr, dass Italien bei der Weltmeisterschaft etwas gerissen hat. Als sie den Titel geholt haben, war ich noch zu klein. Danach kam nichts mehr.“ Der 23-Jährige wurde in New York geboren, seine Eltern kommen aus Italien. „Meine Cousins haben alle Poster von den großen Stars zu Hause hängen. Ich würde diese Erfahrung gerne teilen. Für mich ist es enttäuschend“, sagt er. Ausgerechnet dort, wo New York noch ein bisschen Italien ist, scheint die große Fußball-Nation gerade ferner denn je.