Kolonialismus als Kunststück – Daniel Kehlmanns gewagter Roman „Afrika“
Leutnant Gustl ist wieder da. Als Zerrspiegelbild, als literarisches Spielmaterial und als Gegenüber für ein vertracktes literarisches Schattenboxen in Daniel Kehlmanns neuem Roman „Afrika“. Der genannte Offizier ist die Hauptfigur in einem der wichtigsten Stücke der österreichischen Literatur – aber auch der literarischen Moderne der ganzen Welt.
Die Novelle „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler besteht aus einem einzigen ununterbrochenen inneren Monolog, dem Gedankenstrom des jungen Mannes, nach dem sie auch benannt ist – das war im Jahre 1900, als sie erschien, revolutionär. Gustl gerät wegen einer absoluten Nichtigkeit abends in eine Situation, in der ihn der Ehrenkodex seiner Zeit und seiner Kaste zwingt, am nächsten Morgen zu sterben.
Wenn der österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann nun einen österreichischen Diplomaten in einem historischen Roman, der im späten 19. Jahrhundert spielt, als Beleidigten in einen Ehrenhandel schickt, der mit dem Tod des Diplomaten enden könnte, dann begibt er sich damit wissentlich in die größtmöglichen Fußstapfen. Kehlmann verkleidet sich zu seinem und zu unserem Vergnügen erzählerisch als Arthur Schnitzler – so wie er in der Serie „Kafka“, zu der er 2024 das Drehbuch geschrieben hat, in einer Cameo-Szene als Arthur Schnitzler aufgetreten ist. Das muss in der frühen Entstehungszeit von „Afrika“ gewesen sein. Es ist ein wenig so, als wäre Thomas Mann in Goethe-Kleidung herumgelaufen, als er „Lotte in Weimar“ schrieb.
Preußischer Leutnant wird beleidigt
Einen Leutnant gibt es bei Kehlmann wie bei Schnitzler. Der ist dieses Mal allerdings Preuße und übertrifft, was kaum vorstellbar erscheint, Schnitzlers K.u.K.-Gustl noch an Dummheit, Brutalität und Ehrendünkel. Er ist allerdings kein Protagonist, sondern nur eine verhängnisvolle Nebenfigur. Jener Leutnant, der Strese heißt, fühlt sich abends in einer Berliner Kneipe vom österreichischen Legationsrat Strinetzky beleidigt. Er beleidigt jenen daraufhin formal zurück als „Strolch“ und „elende österreichische Witzfigur“, und von da an sind beide in einer gnadenlos ablaufenden Maschinerie gesellschaftlicher Zwänge gefangen, die zu ihrem Tod führen kann. Alles läuft auf ein Pistolenduell im Berliner Grunewald zu.
In der preußisch-deutschen Hauptstadt, wo der Legationsrat Strinetzky als zweiter Mann der österreichischen Botschaft den Dienst eines höheren Beamten tut, findet im Winter 1884/85 die Kongokonferenz statt. Auf diesem Verhandlungsmarathon, zu dem der Reichskanzler Otto von Bismarck – damals der bewunderte und gefürchtetste Mann Europas – eingeladen hatte, einigten sich 14 Mächte über die Aufteilung ihrer kolonialen Ansprüche. Man kann sich fragen, wieso Österreich-Ungarn dabei überhaupt eine Rolle spielte, aber es waren auch das Osmanische Reich und Russland vertreten, die sich beide ebenfalls im Niedergang befanden und keine eigenen Interessen in Afrika hatten.
Dunkler noch als der damals noch sogenannte „dunkle Kontinent“, gewissermaßen als das eigentliche phantasmagorische Afrika, erscheint bei Kehlmann die Stadt Berlin. Strinetzky und seine Frau Rosa, die viel klüger ist als er – kein Kunststück –, leiden nicht nur unter der kulturellen und modischen Zurückgebliebenheit der Emporkömmlingsmetropole und unter der Verbissenheit ihrer Einwohner. Sondern auch, weil in der Stadt während der Konferenz einige wahrhafte Fürsten der Finsternis wandeln und intrigieren.
Der schlimmste von allen ist König Leopold von Belgien, dem es bekanntlich am Ende gelang, das riesige Gebiet des Kongo als Privatkolonie für sich zu ergattern. Offiziell tritt er hier als Philanthrop auf, doch selbst der schlichte Strinetzky erkennt, was für ein „höllischer Mensch“ er ist. Im Kongo hat Leopold ja dann, wie wir heute wissen, eines der grauenhaftesten Ausbeuterregime der Menschheitsgeschichte errichtet.
Doch das wusste im Jahre 1884/85 noch keiner. Und so kann Kehlmann ausgerechnet diese verhängnisvolle Konferenz als Hintergrund für eines seiner komischsten Bücher nutzen. Humor war ja von jeher wesentlicher Bestandteil seines Könnens. Das immer wieder zitierte Paradebeispiel ist die Stelle in „Die Vermessung der Welt“, in der Alexander von Humboldt den Eingeborenen das schönste deutsche Gedicht vorträgt – Goethes „Wanderers Nachtlied“ – und die Deklamation zu einem kulturell und linguistisch bedingten Kommunikationsunfall wird. Auch die Boshaftigkeit, mit der Kehlmann aus aufgeblasenen historischen Persönlichkeiten wie Leni Riefenstahl in „Lichtspiel“ oder dem Polyhistor Athanasius Kircher in „Tyll“ die Luft herausließ, zeigte ihn als großen Humoristen.
Man kann nun Kehlmanns neues Buch genauso wie „Tyll“ als Schelmenroman lesen. In diesem Genre müht sich traditionell eine Hauptfigur, die das Weltgeschehen nur bedingt durchschaut, damit, allerlei große Bedrohungen zu überleben. Und so ist auch Strinetzky während der ganzen 250 Seiten weniger mit dem Schicksal Afrikas beschäftigt als einerseits mit dem verzweifelten Bemühen, eine Unterschlagungsaffäre zu vertuschen, und andererseits mit dem Versuch, dem Duell doch noch zu entgehen.
Wie dem Leutnant bei Schnitzler wird auch dem Legationsrat bei Kehlmann in der Zeit vor dem drohenden Tod erst intensiv bewusst, wie wertvoll das Leben ist und welche Alternativen zu seinem banalen und nicht sehr glücklichen Dasein es vielleicht noch gegeben hätte. Und wie Schnitzler enthüllt Kehlmann das Drama des Helden und der drei wichtigsten Nebenfiguren, indem er uns ihre Gedanken präsentiert. Außer ins Hirn von Strinetzky schauen wir in die Köpfe seiner Frau, des großen Afrikaforschers Henry Morton Stanley, der als Agent von König Leopold agiert, und des eisernen Kanzlers Bismarck.
Alle vier werden mehr oder weniger stark von Ängsten und Vorsicht getrieben. Am geringsten noch Frau Rosa, die viel zu geschickt ist, um ihre Affäre mit einem hübschen jungen, aber etwas stumpfen deutschen Heldenmaler auffliegen zu lassen. Auch die Sorgen Bismarcks, jemand könnte eine Intrige einfädeln, die er ausnahmsweise mal nicht durchschaut, wirken harmlos, verglichen mit denen von Stanley und Strinetzky: Der Forscher wird geplagt von Albträumen, in denen grauenhafte Erlebnisse seiner Afrikareisen wiederkehren. Und er lebt in ständiger Panik, seine erschwindelte Identität (in Wirklichkeit ist er kein Amerikaner, sondern ein walisischer Waisenhauszögling, der ganz anders heißt) könnte auffliegen.
Kehlmanns Kunststück besteht darin, dass der Humor umso böser und größer wird, je größer die Angst seiner Protagonisten wird. So ist der absurde Zickzackkurs, mit dem Strinetzky versucht, dem Tod, der totalen Entehrung und dem Zuchthaus zu entgehen, zugleich existenziell, tieftraurig (weil einem der arme Tor ans Herz wächst) und sehr unterhaltsam.
Man kann es frivol finden, zu lachen vor dem Hintergrund einer Tagung, die historisch zum Tod von ähnlich vielen Menschen geführt hat wie die Wannseekonferenz. Aber gerade die Abwesenheit der Opfer lässt den Leser das „Herz der Finsternis“ umso lauter schlagen hören – viel mehr, als wenn Kehlmann einen sauber sortierten Roman geschrieben hätte, in dem er gute Afrikaner und vielleicht ein paar gute Weiße den Dunkelmännern der Kongokonferenz plakativ gegenübergestellt hätte. An der kolossalen Hybris der Diplomaten, die da einen Kontinent aufteilen, den sie alle nie betreten haben, lässt Kehlmann keinen Zweifel, ohne dass er dafür erzählerisch allzu dick auftragen muss.
Ein schlechter Erzähler hätte die einzige schwarze Figur im ganzen Buch irgendetwas Plakatives sagen lassen: den Soldaten Sabac el Cher, der als kindlicher Sklave dem deutschen Prinzen Albrecht in Ägypten als Gastgeschenk überreicht wurde. Er gibt sich als superassimilierter, kaisertreuer, goethefrommer Preuße. Nur einmal, kurz vor Strinetzkys Duell, als er dessen Panik erkennt, legt sich „ein Ausdruck aufmerksamer, fragender Ironie“ auf sein Gesicht. Vielleicht ist das ein Moment authentischer Distanz des geborenen Afrikaners zu dem ganzen weißen Zirkus. Vielleicht auch nur die leise Verachtung des preußischen Offiziers, der in der Schlacht bei Königgrätz gefochten hat, für den zivilen österreichischen Angsthasen. Kehlmann löst das Rätsel nicht auf.
Daniel Kehlmann: Afrika. Rowohlt, 250 Seiten, 24 Euro.