TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Berlin – Friedrich Merz (70, CDU) will, dass sich die Deutschen seltener krankmelden, hohe Fehlzeiten in Unternehmen seien ein „Wettbewerbsnachteil“. Schwarz-Rot beschloss deshalb Anfang Juli, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und ein verpflichtendes Attest ab Tag eins einzuführen. Widerspruch kommt jetzt von der mächtigen AOK-Chefin. Ein Missbrauch der bisherigen Regelungen sei nicht feststellbar, so Carola Reimann (58).

Die Krankschreibung per Telefon sei „gerade bei Infektionswellen ein gutes Mittel, um Ansteckungen zu vermeiden und medizinisches Personal zu schützen“, so die Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Die Regelung wurde erstmals 2020 eingeführt. Dass sie nicht ausgenutzt wird, zeigten auch Erfahrungen aus der Corona-Pandemie. Da „haben wir keine Veränderung im Krankschreibungsverhalten der Ärzte gesehen“, so Reimann gegenüber der Funke Mediengruppe.

Krankschreibung ab Tag eins „unsinnig“

Auch das zweite Vorhaben der Bundesregierung gegen hohe Krankenstände lehnt die AOK-Chefin ab! „Wenn ab dem ersten Tag eine Krankschreibung vorliegen muss, bindet das eine unglaubliche Kapazität, die wir für die Versorgung nicht zur Verfügung haben. Das ist doch unsinnig“, sagte sie. Schon heute könne ein Arbeitgeber verlangen, dass einzelne oder alle Beschäftigten ab dem ersten Tag eine Bescheinigung vorlegen. „Eine Pflicht in der Breite halte ich für falsch“, sagte Reimann.

Reimann warnt vor steigenden Zusatzbeiträgen

Mit Blick auf die Finanzen der Kassen warnte Reimann vor weiter steigenden Zusatzbeiträgen. „Im Moment kann niemand ausschließen, dass die Zusatzbeiträge weiter ansteigen“, sagte sie. Die Kassen hätten im ersten Halbjahr zwar mehr als zwei Milliarden Euro Überschuss erzielt. Das sei aber „nur die halbe Wahrheit“. Die Leistungsausgaben stiegen weiter um sieben bis acht Prozent. „Das eigentliche Problem ist die Ausgabenseite. Die ist ungebremst dynamisch.“

Das geplante Beitragssatzstabilisierungsgesetz mit Einsparungen von 18 Milliarden Euro hält Reimann für nicht ausreichend. „Die ursprünglichen Schätzungen zur Finanzlücke im kommenden Jahr sind jetzt schon Makulatur.“