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Ein Fall von cineastischer Trittbrettfahrerei

· Culture

Für den Fall, dass es die Menschheit eines hoffentlich doch ferneren Tages tatsächlich geschafft haben sollte, sich umzubringen, würden wir uns gern was wünschen (die Idee haben wir aus Ludwig Hirschs „1928“ geklaut). Dass nämlich das Einzige, was von ihr übrig bleibt und eines Tages gefunden wird von außerirdischen Intelligenzen, nicht unbedingt das Gesamtwerk von Rita Falk und Jörg Maurer, Volker Klüpfel und Michael Kobr ist. Oder vielleicht eben doch.

Vielleicht sollte man gerade diese krachlustigen süddeutschen Regionalkrimis samt ihrer Verfilmungen in ein Kästchen legen, ein paar so garstige, harte, böse, schwarzhumorige bajuwarische Serien wie „Hindafing“ dazupacken und ein paar Folgen der „Rosenheim-Cops“. Sie werden daraus lernen, die Außerirdischen, wie wir waren und dass uns eigentlich nicht zu helfen war.

Bayern, das sollte Markus Söder nur bedingt freuen, ist in den Geschichten der Kommissare Eberhofer in Niederkaltenkirchen (Falk), Jennerwein in Garmisch-Partenkirchen (Maurer) und Kluftinger in Kempten (Klüpfel/Kobr) ein besserer Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Lage im Land, als es jeder Highbrow-Metropolen-Roman je sein könnte. Hier geht es um alles und alles geht um, was auch im Hunsrück, am Fuß des Brockens und auf Hiddensee umgeht. Und alles wird auf Witz komm raus auf die blutige Spitze getrieben.

Weswegen von Regionalkrimi zu sprechen, im Zusammenhang mit den Grundsteinlegern des deutschen Cosy-Crime-Comedy-Booms, in die Irre führt: Die Kluftingers, Eberhofers und Jennerweins sind Globalkrimis, die auch nördlich des Siedewurst-Äquators so gut funktionieren, dass beispielsweise die anarchisch durchgedrehten Eberhofer-Filme von Ed Herzog noch jede Kinosaison gerettet haben, in der einer von ihnen auf die Leinwand kam. „Steckerlfischfiasko“, Eberhofers jüngster und zehnter Film-Fall, hatte fast zwei Millionen Zuschauer.

Mit einem Eberhofer alle zwei Jahre, so dachte, hoffte man fast, wäre der Bedarf an sanft satirischen, weiß-blauen Mord-und-Totschlaggeschichten im Kino eigentlich gedeckt. Der Kluftinger, der von Klüpfel und Kobr sechs Jahre vor Eberhofer und Jennerwein auf die literarische Mörderjagd geschickt wurde, hat es mit den fünf Verfilmungen seiner 14 Fälle genauso bloß auf die öffentlich-rechtlich bespielten Flachbildschirme geschafft wie Jörg Maurers Hubertus Jennerwein. „Föhnlage“, der eigentlich erste Fall für den aus München zurück ins scheinbar beschauliche Garmisch kehrenden Ermittler, hatte der Bayerische Rundfunk vor 15 Jahren ins Fernsehen gebracht und seinen – damals von Martin Feifel gespielten – Kommissar dann sanft entschlafen lassen.

Cineastische Trittbrettfahrerei

Dass Jennerwein – gespielt von Florian Brückner (der Pumuckls neuer Meister Eder im Kino ist) – nun kurz vor seiner literarischen Volljährigkeit rechtzeitig zum beginnenden Weihnachtsgeschäft auf der großen Leinwand ermitteln darf, kann man als Fall von verspäteter cineastischer Trittbrettfahrerei begreifen. „Hochsaison“ – das Drehbuch hat maßgeblich Florian Brückners Bruder Maximilian geschrieben, der wiederum ein herrlich fieser Bürgermeister in der grandiosen Bayern-Satire-Serie „Hindafing“ war, sieht ein bisschen aus wie ein Eberhofer, den man auf Weißbier-Entzug gesetzt hat.

Was vor allem an Florian Brückners Jennerwein liegt. Der zieht, nachdem ihn der Bus aus München rechtzeitig zum Neujahrsspringen und zu seinem ersten Mordfall direkt vor der großen Olympiaschanze am Gudiberg ausgesetzt hat, als cooler, geradezu preußisch geradliniger Ermittler ins verschlafene Garmischer Polizeipräsidium ein. Jennerwein umgibt ein Geheimnis (er leidet unter Bewegungsblindheit und wegen der Wahrnehmungsstörung ist er aus der hektischen Hauptstadt nach Hause geflohen). Das vor allem unterscheidet ihn von all den anderen komischen Krimi-Kollegen. Und dass ihm Humor und komödiantischer Irrsinn eher fremd sind. Für die sind, da gibt es eine strenge Aufgabenteilung in „Hochsaison“, die anderen zuständig. Ob man ihn Hubsi nennen darf, wird er gefragt. „Ja“, knorzt er zurück, „genau ein Mal.“

Die anderen kennt man zum Teil aus andern bayerischen Mordgeschichten. Sophia Thonig, Jennerweins Kommissarskollegin, die ihn bewundert, ist die neue Büroleiterin der „Rosenheim-Cops“, Helmfried von Lüttichau war Staller in „Hubert und Staller“, Gerhard Wittmann ist Eberhofers Bruder Leopold. Regelmäßig werden – damit man nicht vergisst, wo man ist – hübsche Bergbilder und Lüftelmalereien von den Garmischer und Partenkirchener Hausfassaden als dramaturgische Raumteiler eingebaut. Der Tourismusverband des Werdenfelser Landes darf sich freuen. Es liegt sogar ordentlich Schnee (mal mehr, mal weniger; bei der Continuity wurde ein wenig geschlampt).

Anders als die meisten Eberhofers, denen die kriminelle Logik aufgrund der (vermuteten) Einnahme von bewusstseinserweiternden Drogen bei der Drehbucharbeit zwischendurch völlig egal war, funktioniert die von Hannu Salonen routiniert ins Bild gerückte „Hochsaison“ ganz gut als Kriminalfilm. Ein dänischer Skispringer wird beim Neujahrsspringen über dem Sprunghügel vom Himmel geschossen und stirbt. Der Täter verschickt Bekennerbriefe in die Gemeinde wie Schnee, der vom Himmel fällt. Mehr Schüsse fallen. Die Zeit läuft Jennerwein davon. Der Druck wächst. Was vor allem daran liegt, dass der Bürgermeister (Cornelius Obonya) Angst bekommt um seine schöne Bewerbungskampagne für die Olympischen Winterspiele 2038.

Es geht um alles und alles geht um in Garmisch-Partenkirchen. Ökologie und Korruption und Mobbing und Beleidigte-Leberwursthaftigkeit. Jede Pistenraupe ist schneller als das Erzähltempo. Die übliche Western-Musik wird geklampft und gejodelt wird auch. Die Bayern sind, wie die Bayern (und wir alle in der deutschen Provinz) halt so sind in Cosy-Krimi-Komödien. Muss man nicht im Kino gucken. Und in die Kiste für die Außerirdischen muss es auch nicht.