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Die Wahrheit über Antisemitismus, die der US-Schriftstellerpräsident nicht lesen will

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Die gute Nachricht: Der amerikanische PEN-Club existiert noch. Die schlechte: Er hat gerade einen weiteren Schlaganfall erlitten – sein Präsident, der äthiopisch-amerikanische Schriftsteller Dinaw Mengestu, ist am vergangenen Donnerstag zurückgetreten. Grund für den Rücktritt ist ein anhaltender Streit um Israel, den Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen, das Wörtchen „Genozid“ und die Rolle israelischer bzw. jüdischer Autoren in Amerika.

Rekapitulieren wir. Vor zwei Jahren verlor die Schriftstellerorganisation ihre Generaldirektorin Suzanne Nossel, eine Anwältin, die in Harvard studiert hatte. Nossel brachte Erfahrungen aus ihrer Arbeit für das State Department und verschiedene Menschenrechtsorganisationen mit. Unter ihrer Ägide verwandelte sich der amerikanische PEN-Club in ein intellektuelles Kraftwerk zur Verteidigung der Meinungsfreiheit. Der amerikanische PEN-Club – der zuvor etwa so populär wie ein Orchideenzüchterverein gewesen war – wuchs auf 7000 Mitglieder an; der Etat steigerte sich von etwas mehr als zwei auf 15 Millionen.

Doch dann verfassten mehr als ein Dutzend Schriftsteller einen wütenden Brief, in dem sie Nossel, die Jüdin ist, bezichtigten, eine Propagandistin Israels zu sein, die Muslime hasse. Im Kern ging es darum, dass der amerikanische PEN-Club sich in öffentlichen Statements weigerte, Israel des Völkermords an den Palästinensern zu bezichtigen. Nossel trat zurück. Sie leugnet, dass ihr Rücktritt eine Reaktion auf den erwähnten Wutbrief war.

Der amerikanische PEN-Club sagte 2024 auch seine jährliche Preisverleihung ab. Das von dem Schriftsteller Salman Rushdie ins Leben gerufene „World Voice Festival“, bei dem Autorinnen und Autoren aus aller Welt in New York in einen öffentlichen Dialog treten, musste leider ebenfalls ausfallen. Es wäre sonst unweigerlich zu Radau gekommen.

Nun also der nächste Akt des Trauerspiels: der Rücktritt des Präsidenten von PEN America. Dinaw Mengestu hat vier Romane geschrieben, die mit Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt wurden; in den meisten von ihnen geht es um Erfahrungen äthiopischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Den – weitgehend repräsentativen – Posten als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs hatte Mengestu erst vor acht Monaten, im Dezember 2025, angetreten.

Der Grund für seinen Rücktritt war ein Artikel, der auf der Webseite von PEN America veröffentlicht wurde. Darin geht es um einen Boykott israelischer und jüdischer Autoren in Amerika (der Artikel verwendet das feinere Wort „Moratorium“). Die Literaturagentin Deborah Harris, die in Jerusalem arbeitet, berichtet, dass amerikanische Lektoren auf ihre Angebote entweder nicht mehr reagieren oder sie sofort zurückweisen. Manche Lektoren hätten sie gebeten, künftig keine israelischen Autoren mehr anzubieten. Dazu muss man wissen, dass Harris in der Branche keine unbekannte Größe ist. Sie hat Giganten der israelischen Literatur ebenso wie völlig unbekannte Debütanten vertreten. In einem normalen Jahr bringt sie in amerikanischen Verlagen fünf bis zehn Autoren unter.

Seit dem 7. Oktober 2023 war es kein einziger.

Neben Deborah Harris werden in dem Artikel auch noch andere Zeugen zitiert. Mehr als 30 israelische und jüdische Autoren berichten, sie seien in amerikanischen Verlagen nicht mehr geduldet. Vielleicht das verrückteste Beispiel ist der Schriftsteller Etgar Keret, ein überzeugter Linker, der von sich selbst sagt, er habe das Privileg, sowohl in Israel als auch im Ausland boykottiert zu werden. Er unterzeichnete eine Petition, in der die Regierung aufgefordert wird, den Zivilisten im Gazastreifen keine Nahrungsmittel zu verweigern.

Ein rechter israelischer Fernsehsender forderte deshalb einen Boykott der Unterzeichner. Es gab Todesdrohungen nicht nur gegen Keret, sondern auch gegen seine Frau. Ihre Haustür wurde mit einem X markiert. Gleichzeitig kam ein Interview mit einem australischen Fernsehsender nicht zustande, in dem es um Kerets Mutter, eine Überlebende des nationalsozialistischen Völkermords, gehen sollte: Anti-israelische Aktivisten hatten mit gewaltsamem Protest gedroht.

Keret erzählt, dass andere Schriftsteller sich weigerten, mit ihm gemeinsam auf Literaturfestivals aufzutreten. Nicht, weil sie anderer Meinung gewesen wären – sondern weil sie fürchteten, gemeinsam mit einem Israeli gesehen zu werden. Jüdisch-amerikanische Autoren, die gar keine Israelis sind, berichten ebenfalls, dass sie seit dem 7. Oktober geschnitten werden. Das gelte auch für Juden, die keine Zionisten sind.

Diesen Artikel betrachtet Dinaw Mengestu als „unethisch“. Warum? Weil er als Angriff auf die BDS-Bewegung gelesen werden könnte, die zum Boykott Israels aufruft. Und das wiederum sei ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Noch einmal langsam und zum Mitschreiben: Ein Artikel, der einen Angriff auf die Meinungsfreiheit schildert, ist laut Dinaw Mengestu ein Angriff auf die Meinungsfreiheit, weil er den Boykott gegen Israel gefährdet.

Klar, dass man deswegen als Präsident des PEN-Clubs zurücktreten muss. Bleibt am Ende nur eine Frage: Wie viele Schlaganfälle wird diese Organisation noch überleben?

Transparenzhinweis: Hannes Stein ist Mitglied des amerikanischen PEN-Clubs.