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Berlin/Donbass (Ukraine) – Der Krieg in der Ukraine schreibt viele schreckliche Geschichten. Zwischen täglichen Angriffen auf Zivilisten, Berichten über Leid und Tod und einer scheinbar aussichtslosen Situation für die Menschen, die seit mehr als vier Jahren Putins Angriffen ausgesetzt sind, scheint Hoffnung oft in weiter Ferne. Doch es gibt diese kleinen Lichtblicke im Dunkeln und Geschichten voller Liebe und Freiheit. Kim (43) und Ihor (31) haben sich genau hier gefunden – an der hart umkämpften Front im Donbass, mitten im Kreuzfeuer russischer Angriffe.

Die beiden sind Sanitäter der 79. Brigade der ukrainischen Armee. Sie evakuieren täglich verwundete Soldaten von der Front. Dass sie sich ausgerechnet hier lieben gelernt haben, war reiner Zufall. Kim besorgte zu Beginn der Vollinvasion Evakuierungsfahrzeuge aus Schweden. Ihors Einheit benötigte dringend ein Sanitätsfahrzeug. Sie begannen, regelmäßig zu schreiben, und fanden zueinander – mitten im Krieg. Im April dieses Jahres haben sie nur wenige Kilometer von der Front entfernt geheiratet. Der Junggesellenabschied fand gemeinsam auf einem Schießstand statt. Das Leben sei zu kostbar, um Zeit getrennt zu verbringen, sagt Kim im Gespräch mit BILD in Berlin.

Dort, wo Drohnen sind, kann keiner überleben

In der deutschen Hauptstadt können sie ein paar ruhige Tage genießen. In ihrem Alltag müssen sie schnell handeln, vor allem der massive Beschuss durch russische Drohnen erschwert die Rettungseinsätze von der Front. „Dort, wo Drohnen arbeiten, sollte eigentlich überhaupt niemand mehr sein dürfen, weil es überhaupt keine Chance gibt, das zu überleben“, sagt Kim.

Die Einsätze, die am meisten im Gedächtnis bleiben, seien die, die einen seelisch traumatisieren. „Das sind die Einsätze, die nicht erfolgreich waren“, erklärt die gebürtige Kasachin. Besonders verfolgt Kim die Erinnerung an einen 21-jährigen Soldaten. Ein Granatsplitter hatte ihn schwer am Brustkorb verletzt. Sie versuchte alles, um ihn am Leben zu halten. Während der Evakuierung begann er, nach seiner Mutter zu rufen. Schließlich sagte Kim zu ihm: „Ja, ich bin deine Mama, ich bin sehr stolz auf dich, ich liebe dich.“ Sie hielt ihn im Arm, bis sie ihr Ziel erreichten. Dort war er bereits gestorben.

Vom Floristen zum Soldaten an der Front

Während Kim als Sanitäterin unmittelbar mit den Verwundeten arbeitet, übernimmt Ihor als Offizier die Koordination der Einsätze, plant Evakuierungsrouten und organisiert die Versorgung der Teams. Im April 2022, zwei Monate nach Beginn der russischen Vollinvasion, erlebte Ihor seinen Schlüsselmoment des Krieges.

Als Fahrer eines Evakuierungstrucks begleitete er eine Spezialeinheit, die russisch besetzte Dörfer zurückerobern sollte. „Wir waren von allen Seiten umzingelt“, so Ihor zu BILD. Der einzige Ausweg führte durch russisch besetztes Gebiet. Nach zwei Stunden Flucht unter Dauerbeschuss erreichten sie die ukrainischen Stellungen und konnten den Großteil ihrer Einheit retten. Für Ihor und seine Kameraden ist dieser Tag ein Wendepunkt. Jeder von ihnen habe an diesem Tag einen „zweiten Geburtstag“ bekommen, erzählt er. Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, blieb nicht: Nach einer kurzen Pause stand schon die nächste Evakuierung an.

Der Alltag im Krieg hat Ihor und Kim verändert. „Das Einzige, was dir bleibt, ist zu träumen“, sagt Kim nachdenklich. „Es gibt kein Gestern mehr. Eine Zukunft gibt es auch nicht. Es gibt nur das Heute.“ Was der Krieg ihnen gleichzeitig gegeben habe, sei ein Gefühl innerer Freiheit. Für sie könne der Weg nach dem Krieg deshalb nur darin bestehen, weiter zu helfen – Menschen oder Tieren –, aber dabei frei zu bleiben.