Roboter nehmen uns die Jobs weg, der Wald stirbt – das sagten die Menschen in den Achtzigerjahren. Heute heißt es: KI nimmt uns die Jobs weg, das Klima kippt. Dazu kommen Brexit, Maga, AfD – überall der Wunsch, zu alten Zeiten zurückzukehren. Und ein Krieg in Europa, den kaum jemand für möglich gehalten hätte. Wer die Nachrichten verfolgt, denkt unwillkürlich: Hatten wir das nicht alles schon einmal? Sorge vor neuer Technik, Angst vor Umweltzerstörung, Überdruss an der Demokratie – drehen wir uns im Kreis?
Wir wollen in der neuen Folge von von Historikerin Ute Frevert wissen: Wiederholt sich Geschichte? Ute Frevert ist eine der prägendsten Historikerinnen Deutschlands. Sie war Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und hat dort den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ aufgebaut und geleitet. Frevert lehrte auch in Bielefeld sowie Yale und ist Trägerin des Leibniz-Preises.
Im Gespräch geht es um die großen Muster der Geschichte – und ihre Grenzen: So glaubte der erste Geschichtsschreiber Thukydides an die ewige Wiederkehr der Geschichte. Für Thukydides, sagt Frevert, war Geschichte im Grunde eine Anleitung: Wer die Muster der Vergangenheit kennt, kann klüger handeln. Diese Ansicht hielt sich jahrhundertelang. Doch sie täuscht, betont die Historikerin. Zwar gebe es wiedererkennbare Muster – in der Angst vor neuer Technologie, im Aufstieg und Fall von Imperien, in der Sehnsucht nach starken Führern. Doch mindestens genauso prägend seien die Überraschungen, die Zufälle, das Nichtableitbare. „Wenn man genau hinschaut, sieht man mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten“, sagt Frevert. So spiele der Zufall in der Geschichte eine sehr große Rolle. Frevert nennt die Französische Revolution oder den Fall der Berliner Mauer als Beispiele für solche überraschenden und alles verändernden Wendungen. „Geschichte lässt sich nicht einsortieren. Sie überrascht uns immer wieder – und genau das macht sie so faszinierend und so wichtig.“
Weiterhin analysiert Frevert im Gespräch, wie und warum Politiker wie Putin, Xi Jinping und Donald Trump dennoch suggerieren, dass Geschichte sich in großen Bögen abspiele. Sie geht auch darauf ein, inwieweit historische Vergleiche wie USA und Römisches Reich, Bundesrepublik und Weimarer Republik zulässig oder irreführend sind. Und weshalb Gefühle Geschichte nicht nur begleiten, sondern sie verändern können.