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Mit dem Leben bezahlen immer die einfachen Leute

Ich hielt mich genau bis zu dem Tag für einen unbedingten Pazifisten, an dem ein autoritärer Staat bei mir zu Hause einfiel und mich mit meinen Kindern zur Flucht zwang.

Keine 72 Stunden nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine stand ich in der Schlange, als einer von Hunderttausenden Freiwilligen, den ersten, die nun in die Armee eintraten.

Trotz allem ist die gesamte Ukraine noch nicht besetzt. Millionen von Kindern konnten bereits wieder nach Hause zurückkehren. Darunter auch meine eigenen, die zuvor anderthalb Jahre als Geflüchtete in Deutschland gelebt hatten. Besonders dankbar bin ich Deutschland daher für die Hilfe, die es Frauen und Kindern zukommen ließ, aber auch für die militärische Unterstützung. Hätten wir nicht bewaffneten Widerstand geleistet, hätte man niemandem Waffen liefern müssen. Man hätte sich damit begnügen können, seinen zu äußern, wie angesichts der Situation der Uiguren in China, oder mit der Bemühung, wenigstens ein bisschen humanitäre Hilfe zu leisten, wie für die hungernden Menschen in Gaza.

Bis zur Invasion Russlands, und auch seither, war ein dauerhafter Frieden mein größter Wunsch und ist es immer noch. Aber nicht allen Völkern und nicht allen Generationen ist ein solcher gegönnt. Die Armee als Institution ist mir nach wie vor zuwider, aber ich mag die Menschen um mich herum: Die allermeisten sind wie ich. Zivilpersonen, denen es bis zur Invasion nicht im Traum eingefallen wäre, zur Armee zu gehen.

Meine eigene, früher unbedingte Position bezeichne ich heute als abstrakten Pazifismus. Gegen Bomben und Raketen hilft keine Petition. Gewaltfreier Widerstand bedeutet im Falle der russischen Besatzung Tod und Folter, wie in Butscha. Auch von Zivilpersonen.

Erich Maria Remarques , Heinrich Bölls oder , Kurt Vonneguts , Ernest Hemingways und Joseph Hellers hatte ich schon als junger Mensch und dann immer wieder gelesen. Mahatma Gandhis Buch über Methoden des gewaltfreien Widerstands habe ich aus dem Englischen ins Ukrainische übersetzt.

In der Armee dann kam ich ins Grübeln und befragte Google: Was hatte Mahatma Gandhi eigentlich vor und während des Zweiten Weltkriegs unternommen? Anscheinend hatte er äußerst höfliche, mit ehrerbietigen Anredeformeln gespickte Briefe an Hitler geschrieben, worin er ihn dazu aufrief, nicht Krieg zu führen (man nimmt an, dass diese Briefe von der britischen Spionageabwehr abgefangen wurden, um zu verhindern, dass die Nationalsozialisten Auszüge daraus für ihre eigene Propaganda verwendeten).

Ich schätze Gandhis Methoden nach wie vor, doch sie funktionieren nicht immer. Nicht respektvolle Briefe haben Hitler und den Holocaust gestoppt, sondern die Menschen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft haben.

Mir ist bewusst, dass Pazifismus in verschiedenen Ländern und Situationen verschiedene Ausprägungen haben kann. Der Pazifismus eines Menschen, der sich weigert, bei einem Angriffskrieg mitzumachen und Kriegsverbrechen zu begehen, ist nobel. Doch der Pazifismus eines Menschen, der gewaltsamen Widerstand verweigert und damit andere zu Kummer und Leid verurteilt, ist bestenfalls kurzsichtig, schlimmstenfalls aber heuchlerisch.

Mir ist ebenfalls bewusst, dass Deutschland ein ganz anderes Päckchen aus historischen Lasten und Traumata zu tragen hat als die Ukraine. Gleichzeitig kann ich als Außenstehender nicht alle deutschen Dilemmata in Gänze nachvollziehen. Aber ich kann von meinen eigenen erzählen.

In der Februardunkelheit erwachten meine Frau und ich um vier Uhr morgens. Die Wände unserer Wohnung bebten von Explosionen. Die widerwärtige Erschütterung ging durch Mark und Bein. Meine Frau spähte ins Dunkel und stellte fest: „Es hat angefangen.“

Natürlich hatten wir, wie von der Regierung empfohlen, im Voraus einen Notfallkoffer gepackt. Genauer gesagt einen touristischen Notfallrucksack. Dennoch hatten wir nicht geglaubt, dass wir ihn brauchen würden. Bis zum letzten Tag des Friedens hatten wir nicht geglaubt, dass es tatsächlich zum Krieg käme. Es ging doch nicht an, nach allem, was war, noch dazu in Europa, im Europa des 21. Jahrhunderts, dass einfach wieder ein Land ein anderes einnehmen und mit einer riesigen Armee einmarschieren könnte. Oder? Das war unmöglich. Unmöglich. Diese Zeiten waren doch vorbei. So etwas gab es nicht mehr. Wir waren doch alle mit dem „Nie wieder“ aufgewachsen.