Berlin – „Heute Morgen hab‘ ich gedacht, ich nehme mal diese. Es ist ja Frühling.“ Jens Spahn lächelt, als er von BILD auf die kleinen roten Marienkäfer auf seiner dunkelblauen Krawatte angesprochen wird. Ein verspieltes Detail bei einem Mann, der oft als kühl und kontrolliert wahrgenommen wird. „Meistens kaufe ich Krawatten in guter Zusammenarbeit mit meinem Mann“, sagt er. „Er hat auch bei Krawatten einen besseren Geschmack als ich.“
Spahn macht seit 20 Jahren Politik
Es sind solche Sätze mit einem Augenzwinkern, die viel erzählen über Jens Spahn (45), Fraktionschef der CDU/CSU im Bundestag. Einer, der seit mehr als 20 Jahren Politik macht. Und der doch fest verankert ist im 3000-Seelen-Dorf Ottenstein an der niederländischen Grenze. „In der Mitte steht die Kirche. Mein Elternhaus ist 200 Meter davon entfernt.“
Dort beginnt alles. Zwischen Dorfstraße und Kirchturm, zwischen den Jahren als Messdiener und der Ostereiersuche. „Als Kind würde ich mit Ostern als Erstes das Ostereiersuchen verbinden. Der Glaube war bei uns daheim selbstverständlich. Wir waren jeden Sonntag oder samstagabends in der Kirche. Ostern ist für jemanden, der wie ich eher Kultur-Christ, aber eben Christ ist, einfach ein schönes Fest.“
Für ihn ist Religion mehr als Ritual
Für den Christdemokraten ist Religion mehr als Ritual. Dieses Aufwachsen im Glauben ist bis heute sein Gerüst. „Das Wissen darum, dass da jemand ist, gibt mir eine tiefe innere Gelassenheit und Ruhe. Mein Glaube trägt mich. Gerade dann, wenn es schwer wird.“
Jens Spahn ist der Älteste von drei Geschwistern. Verantwortung war kein großes Wort, sondern Alltag. Bis heute gilt: „Wenn Schwester oder Bruder, unsere Mutter oder sonst jemand aus der Verwandtschaft anruft und ein Problem hat, bin ich da. Ich helfe und unterstütze. Familie steht für mich über allem.“
„Schliefen zu dritt in einem Zimmer“
Die Enge früher zu Hause hat ihn geprägt. „Wir haben erst zu dritt in einem Zimmer geschlafen. Später mein Bruder und ich. Natürlich war es auch nicht immer konfliktfrei. Aber es war Nähe. Zusammenhalt.“ Er lächelt. „Unser Dorf, das ist Geborgenheit.“ Wenn er heute dorthin zurückkehrt, zählt kein Amt. „Das ist einfach mein Zuhause. Da muss ich auch nichts erklären. Es geht nicht um Macht, sondern um den Menschen. Da bin ich einfach der Jens.“
Er gehört zum Stammtisch „Hau wech“, seitdem er ein Teenager war. „Wir haben schon viel Schnaps und Bier zusammen getrunken und so manches Jubiläum gefeiert.“ Jens Spahn redet mit Wärme und ein bisschen Stolz über diesen Freundeskreis. Ein Stück unverstelltes Leben. Kein Protokoll, kein politischer Druck, keine Schlagzeilen. Gerade für jemanden, der bundesweit bekannt ist, der im Fernsehen auftritt und politische Verantwortung trägt, ist es offenbar wichtig, zur Dorfgemeinschaft dazuzugehören.
Doch es gab auch Brüche. Sein Vater Georg Spahn († 77), kaufmännischer Angestellter, später schwer krank. „So eine Depression zu sehen, eine Schwere, und was sie machen kann mit einem Menschen. Das war hart und hat viel verändert bei mir.“ Zweimal traf die Krankheit in Schüben die Familie. „Als mein Vater später viel Unterstützung benötigte, veränderte sich das Vater-Sohn-Verhältnis sehr. Er wurde verletzlich. Die Rollen verschoben sich.“
Respekt vor der Mutter
Seine Mutter Ulla Spahn habe „die eigentliche Aufgabe gemeistert“, sagt Jens Spahn. „Da habe ich echt Respekt vor.“ Sein Vater starb vor zwei Jahren. Vermissen Sie ihn? Pause. „Vermissen …“ Er lächelt. „Ich bin dankbar. Für das, was war. Und vielleicht auch für das Ende eines langen Leidens. Am Ende war es für ihn, glaube ich, das Beste, dass er einschlafen durfte.“
Diese private Erfahrung habe ihn nachhaltig politisch geprägt. „Als Bundesgesundheitsminister bekam ich durch das persönliche Leid einen anderen Blick auf psychische Erkrankungen. Sensibler, informierter, weniger abstrakt.“ Er spricht auch über die Tabuisierung: „Depressionen sind immer noch mit vielen Tabus belegt.“
Wie erzählt man es dem Umfeld?
Auch in seinem Dorf stellte sich damals die Frage: „Kann man’s erzählen? Wie transparent macht man das? Wem erzählt man das? Wir sind dann als Familie offen damit umgegangen.“ Er habe „viel gelernt über diese Erkrankung, über das Versorgungsangebot in Deutschland“ – und auch darüber, „wie wir als Gesellschaft damit umgehen“.
Die Erkenntnis hat ihn demütiger gemacht. „Ich wünsche meinem Vater einfach, dass es ihm jetzt besser geht. Wir wissen bis heute nicht, warum er an Depressionen erkrankte. Meine Eltern haben verrückterweise tatsächlich mit Mitte 40 ihren Motorradführerschein gemacht. Wir Kinder wussten damals gar nicht, was los ist. Aber sie hatten Spaß. Das war wichtig.“
Leidenschaft für Politik begann früh
Politik war für ihn früh Leidenschaft. Mit 18, frisch den Führerschein gemacht, fuhr er am Tag nach seiner Geburtstagsparty zum CDU-Parteitag nach Bremen. „Politik war mein Hobby.“ Warum? „Ich wollte einen Unterschied machen.“ Zehn Jahre kämpfte er „für eine andere Migrationspolitik“. Als Gesundheitsminister führte er die Masern-Impfpflicht ein: „Es kann nicht sein, dass wir immer noch Masern in Deutschland haben.“
Und dann, ab 2020, kam Corona. „Das war die forderndste Zeit“, sagt er. Der 8. März 2021 sei ein Tag gewesen, an dem er „persönlich ziemlich durch war. Impfen lief nicht, Testen lief nicht. Ich bekam Druck von allen Seiten“. Weint man da auch mal als Politiker? „Geweint habe ich nicht. Es braucht ziemlich viel, um mich umzuhauen. Du bist halt fertig. Das gibt es auch in der Politik.“
Was ihn rettet, sind die einfachen Dinge. Das Patenkind, das ihn „Onkel Jens“ nennt. Der Gedanke an Ostern. An das Dorf. An seine Mutter, die noch dort lebt.
Heute führt er die Unionsfraktion. Ist dieser Job leichter? „Beides verlangt alles. Du musst es 150-prozentig wollen. Fraktionsvorsitzender zu sein, ist komplexer.“ Er sucht nach einem Bild. „Das ist wie Knorpel sein. Da kommt von vielen Seiten was. Meine Aufgabe ist es, alles in Balance zu bringen.“
Seit 2017 ist er mit Daniel verheiratet
Und dann ist da das Private, das ihm Halt gibt. Seit dem 22. Dezember 2017 ist Jens Spahn verheiratet mit Daniel Funke (44). Dass er ganz selbstverständlich von „meinem Mann“ spricht, war nicht immer denkbar.
Denn während er Messdiener war und sonntags in der Kirchenbank saß, merkte er längst, dass er nicht so fühlte wie viele seiner Freunde. „Ich hatte nie eine Freundin.“ Sein Outing war kein Knall, kein Schockmoment. Eher ein leises Wissen. Aber es war eine andere Zeit. „Es waren die 90er Jahre. In unserem Dorf gab es das nicht.“ Er beschreibt diese Jahre ohne Bitterkeit. „Heute nehme ich mit Freude zur Kenntnis, wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Partner leben. Früher ist man weggezogen oder hat sich verstellt.“
Sein Outing war kein Knall
Er verstellt sich nicht. Und doch dauerte es, bis er den Mut fand, mit seinen Eltern zu reden. „Ich war 16 oder 17.“ Ein Gespräch, das alles hätte verändern können in einer katholisch geprägten Familie, im Dorf, wo jeder jeden kennt. „Ich glaube, meine Mutter hatte es schon länger geahnt“, sagt Spahn. Was folgt, nennt er „ein großes Glück. Meine Eltern sind gut damit umgegangen“.
Und sein Glaube und die katholische Kirche? Seine Antwort überrascht in ihrer Nüchternheit: „Bei der Kirche hat mich ehrlicherweise nie interessiert, wie sie zu Homosexualität steht.“
Jens Spahn freut sich auf Ostern. Mit seinem Mann und dem achtjährigen Patenkind fliegt er nach London. Sie besuchen die Harry-Potter-Studios.