Reine (NRW/Niedersachsen) – Nicht einmal 100 Einwohner hat Reine, dafür aber: zwei unterschiedliche Ortseingangsschilder, zwei Postleitzahlen, zwei Postboten, zwei Stromkreise, zwei Bürgermeister, zwei Polizeidienststellen und zwei Feuerwehren.
Herzlich willkommen im doppelten Dörfchen!
Die einmalige Zweimaligkeit des winzigen Reine liegt an der besonderen geografischen Lage: Die Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zerteilt das Dorf in zwei etwa gleich große Hälften.
Besonders skurril: Zwei Häuser stehen genau auf der Grenze. Ob die Bewohner Niedersachsen sind (Kreis Hameln-Pyrmont, PLZ 31855) oder Westfalen (Kreis Lippe, PLZ 32699), darüber entscheidet allein die Lage ihres Hauseingangs.
Im Alltag kann die Grenze verwirrend sein. „Bei uns klingelt immer der Pizza-Bote, weil es unsere Straße und Hausnummer zweimal gibt“, sagt Heinz Tasche (88) aus NRW. „Aber wir bestellen nie, sondern die aus Niedersachsen!“ Das störe ihn aber nicht weiter: „Alles Gewohnheitssache und irgendwie auch amüsant.“
Busse drehen an der Landesgrenze
Was ihn hingegen ärgert: „Einkaufen geht nur noch in Niedersachsen. Der Bus fährt nur dahin. Früher war das anders.“ Auch die wenigen westfälischen Kinder hätten es schwer: „Sie müssen mit dem Taxi zur Schule!“
Freitags ist Zuprosten im Vereinshaus
Die Müllabfuhren kommen an unterschiedlichen Tagen, die Kinder haben andere Ferienzeiten. „Auch die Busse fahren nur bis zur Grenze, drehen auf der Kreuzung und fahren jeweils zurück in ihr Bundesland“, erklärt Jens Kespohl (57, Unternehmer) vom Niedersächsischen Kameradschaftsverein Reine (NKV). Der hat 65 Mitglieder – aus beiden Dorfhälften. Immer freitags kommen sie zusammen.
Im Verein verstehen sich beide Hälften bestens. Neid? Gibt es im kleinen Reine nicht. „Es gibt ja auch Gemeinsamkeiten“, so Kespohl zu BILD. Das Dorffest feiert man gemeinsam, andere Veranstaltungen auch. „Wir sind sehr stolz auf den Zusammenhalt!“
Vor dem Kameradschaftshaus mit Schießanlage (10 Meter), das früher mal ein Schweinestall war, stehen Biertische und Bänke. „Wir feiern bald unser 100-jähriges“, freut sich Helmut Schwarze, Ex-Polizeibeamter. Auch beim Bier sei man sich einig: „Es muss günstig sein. Wir finanzieren uns ausschließlich selbst.“ Zurzeit gibt es Herforder Pils – aus NRW.
Oberschülerin Annabelle (16) lebt mit ihren Eltern in einem der ältesten Häuser von Reine. Es wurde 1746 erbaut und steht in NRW. „Ich bin von Anfang an in Niedersachsen zur Schule gegangen“, sagt sie. „Die Verkehrsanbindung ist besser, weil dorthin die Busse fahren.“ Ihr Opa lebt in Niedersachsen, auch Pferd Schoki hat dort seinen Stall. Klingt fern, ist aber nur ein paar Schritte entfernt.
Ihre niedersächsischen Mitschüler gucken immer ganz verdutzt, wenn sie erfahren, dass Annabelle aus NRW kommt. „Die fragen sich dann: Wie geht das überhaupt?“ Dann lacht sie und erklärt: „Jeder findet unser Dorf einfach skurril.“
Reine kämpfte einst gegen Reine
So beschaulich ging es in Reine nicht immer zu: Der Legende nach schossen die Dorfbewohner im Deutschen Krieg von 1866 aufeinander. Die eine Seite kämpfte für Preußen, die andere an der Seite Österreichs.
Die Grenze wurde vor rund 800 Jahren im gegenseitigen Einvernehmen der Grafen Hermann von Everstein und Heinrich von Sternberg gezogen. Bereits im Mittelalter verlief die Linie mitten durch die Reiner Kirche. Abendmahltisch und Altar gehörten zu zwei Gemeinden.
Wie wäre es denn mal mit einer Zusammenlegung?
Kamerad Kespohl: „Darauf legt hier, denke ich, niemand großen Wert, da es Reine ja auch zu etwas Besonderem macht.“ Und Schwarze fügt hinzu: „Jeder lässt den anderen, wie er ist. Es ist uns auch egal, ob einer mehr Müllgebühren zahlen muss als der andere.“ Wichtig ist: „Wir bekommen alle das gleiche Wasser – aus sieben Quellen. Und das schon seit Jahrzehnten! Initiiert von den alten Dorfbewohnern.“
Eines aber gibt es in den Reines nur einmal: den Friedhof, verwaltet von der Kirchengemeinde Bösingfeld. Die letzte Ruhe finden deshalb auch die niedersächsischen Reiner für gewöhnlich in der Erde NRWs.
Am Ende sind sie dann doch alle vereint.