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»Ich bin kein PR-Gag«

DIE ZEIT: Frau Eta, Sie sind eine Anhängerin des spanischen Fußballs. Vor allem der legendäre Mittelfeldstratege Xavi, der jahrelang das Spiel des FC Barcelona geprägt hat, fasziniert Sie. Warum?

Marie-Louise Eta: Ich habe Xavi sehr gerne beim Fußballspielen zugesehen, als ich selbst noch spielte. Er war ein Vorbild. Später inspirierte mich Pep Guardiola, der beherrscht es als Trainer, unglaublich attraktiven Fußball spielen zu lassen. Beide Spanier stehen für eine besondere Art des Fußballs, offensiv, technisch präzise und das alles auch mit Spielwitz und Kreativität. Manchmal stelle ich mir vor, ich stünde dort auf dem Platz – oder daneben.

ZEIT: Eine schöne Vorstellung, die Realität ist noch eine andere: In Ihrem ersten Spiel als Trainerin des Bundesligisten Union verloren Sie gegen Wolfsburg, den Vorletzten der Tabelle. Ein bitterer Einstand?

Eta: Ich bin enttäuscht über die Niederlage, das sind wir alle im Verein. Trotzdem konnte ich beobachten, wie die Jungs meine Spielidee und unseren Matchplan in Teilen schon umgesetzt haben – oder es zumindest versuchten. Das ist viel wert. Unsere Stärke war die letzten Jahre eine gewisse defensive Stabilität. Um zu gewinnen, musst du dir aber eben auch Torchancen herausspielen.

ZEIT: Als wäre diese Aufgabe nicht schon groß genug, geht es dann doch gerade vor allem um Sie – die erste Frau als Cheftrainerin in der Geschichte der Bundesliga. Die Resonanz auf Ihre Berufung ist riesig, allein dieses Interview wird in Zeitungen aus vier europäischen Ländern erscheinen. Die Welt schaut auf Sie, aber auch auf die Reaktion Ihrer männlichen Kollegen. Wie war der Austausch mit dem Trainer Ihres ersten Gegners, Dieter Hecking?

Eta: Es war eine normale Begegnung unter Kollegen. Dieter und ich, wir kennen uns schon lange. Ich habe mich gefreut, ihn zu sehen. Wir haben uns viel Erfolg gewünscht – für die Zeit nach dem Abpfiff natürlich.

ZEIT: Am Freitag müssen Sie beim Tabellendritten Leipzig ran. Haben Sie Sorge, dass zu wenige Spiele bis zum Saisonende bleiben, um sich zu beweisen?

Eta: Ich kann nicht erwarten, dass von heute auf morgen alles funktioniert, was ich mir vornehme. Diese Zeit hat eine Mannschaft im Abstiegskampf nicht.

ZEIT: Trainer, die kurz vor Saisonende verpflichtet werden, nennt man im Fußballmilieu »Feuerwehrmann«. Was müssen Sie als Feuerwehrfrau können?

Eta: Es hilft schon ein bisschen, dass da eine neue Stimme zu den Spielern spricht. Es löst erst mal das Gefühl aus, jeder Spieler könne sich nun neu beweisen. Gleiche Chancen für alle. Meine Aufgabe ist es dann, auch wirklich alle mitzunehmen.

ZEIT: Worin besteht der Unterschied in der Zusammenarbeit mit Männern und der mit Frauen?

Eta: Es gibt keinen. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber so ist nun mal meine Wahrnehmung. Ich habe es mit Individuen zu tun. Jetzt können Sie sagen: Frauen sind sensibler oder Männer eitler. Für mich sind das Klischees. Es gibt genug sensible Männer, denen ich schon den Arm auf die Schulter legen musste. Es waren wiederum Frauen darunter, denen man als Trainer Feuer unterm Hintern machen muss. Deshalb habe ich gelernt, mich immer wieder zu fragen: Was braucht der Mensch, der vor mir steht, von mir, damit er die beste Leistung bringt?

ZEIT: Fußball ist eines der wenigen Mannschaftsspiele, bei denen alles gleich ist, bei beiden Geschlechtern: der Ball, die Größe des Spielfeldes, die Tore, die Spieldauer. Hat das keine Auswirkung auf das Spiel und somit auch auf das Training?

Eta: Männer sind nun mal athletischer, das gibt die Natur vor, deshalb ist das Spiel schneller. Das ist die physische Komponente. Hinzu kommt die Geschichte, die natürlich prägt: Vor noch nicht allzu langer Zeit war Frauenfußball noch verboten – in der Bundesrepublik und anderen Ländern auch. Die Frauen holen aber auf.

ZEIT: Sie empfinden die Aufmerksamkeit, die Sie in den vergangenen Tagen erfahren, eher als lästig, oder? Ist sie ein Symptom dafür, dass der Fußball der Gesellschaft noch hinterherhinkt?

Eta: Ich kann das Interesse verstehen. Mir ist bewusst, was das gesellschaftlich bedeutet. Da entsteht eine Verantwortung für mich – ob ich will oder nicht. Mir ging es nie vordergründig darum, die Rolle der Frau zu stärken. Ich wollte schon immer mit Leistung überzeugen. Ich möchte als Fußballtrainerin gesehen werden. Andererseits, es ist schon ein bisschen Wahnsinn, was hier passiert. Normalerweise kommen zu unseren Pressekonferenzen keine zehn Journalisten, vorige Woche waren es etwa 50. Und darunter waren auch internationale Kollegen.

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