Meine lieben Zaubermädchen,
wenn ihr das hier eines Tages lesen und verstehen werdet, verdreht ihr vielleicht die Augen. Weil Mütter manchmal oberpeinlich sind, wenn sie große Worte machen. Und Ratschläge von einem alten Mama-Dino irgendwie krass nerven. Trotzdem schreibe ich euch diesen Text zum Weltfrauentag. Und ich hoffe, dass ihr dann in einer Welt lebt, in der ihr euch fragt, was dieser 8. März denn überhaupt sollte.
Noch ist das nicht so. Ihr wachst einerseits in einer Zeit auf, in der Mädchen alles werden können. Astronautin, EU-Kommissionspräsidentin oder Wrestlerin. Andererseits wird uns Frauen immer noch von außen signalisiert, nicht richtig zu sein. Zu dick, zu faltig, zu laut, zu ehrgeizig, zu empfindlich: zu viel. Ich wünsche euch, dass ihr euch so selten wie möglich selbst so aburteilt.
Als ich jung war, hatte ich das Gefühl, stark sein zu müssen, um ernst genommen zu werden. Ich wollte klug wirken, souverän, unabhängig. Bloß nicht „zu emotional“ – dabei ist das ein großer Teil meines Wesens. Den Kopf hielt ich unterm Radar, war sein Inhalt auch noch so gut ausgebildet. Ich musste früh kapieren, dass Frauen sich oft besser vorbereiten müssen als Männer, um denselben Raum zu bekommen. Dass man uns schneller unterbricht. Schneller beurteilt. Schneller reduziert. Es hat mich unfassbar verunsichert.
Ich fürchte, diese Unarten wird es auch noch geben, wenn ihr erwachsen seid. Aber ich hoffe, Ihr geht anders damit um als ich. Ich hoffe, ihr glaubt nicht, ihr müsst härter und cooler sein als alle anderen. Ich hoffe, ihr lernt früh, dass Stärke viele Gesichter hat. Dass man klar sprechen und trotzdem freundlich sein kann. Dass man führen und trotzdem zweifeln darf. Dass man ehrgeizig sein und trotzdem lieben kann. Dass man weinen darf, wenn die Seele Luft braucht.
Und vor allem: Dass ihr euch nie kleiner macht, damit andere sich größer fühlen.
Es wird Menschen geben, die euch erklären wollen, wie eine „richtige“ Frau zu sein hat. Nicht zu fordernd, bitte nicht ganz so ambitioniert, und nicht sooo selbstbewusst. Wirkt unsympathisch!
NEIN!
Ihr dürft lächeln. Aber nur, wenn euch danach ist. Ihr dürft dankbar sein. Aber nicht für Selbstverständlichkeiten. Ihr dürft euch Dinge nehmen und sie einfordern: Raum, Respekt, Gehalt, Aufmerksamkeit.
Der Weltfrauentag ist kein blumenberankter Feiertag mit Piccolöchen und Rabattcodes für Bauch-weg-Höschen. Er ist eine Erinnerung daran, dass Rechte erkämpft wurden, die wir heute oft für selbstverständlich halten. Dass Frauen vor uns gestritten, protestiert und Türen eingetreten haben. Dafür wurden sie ausgegrenzt und diffamiert. Ihren Opfern haben wir es zu verdanken, dass wir wählen, studieren und Konten eröffnen dürfen. Oder Unternehmen führen.
Frauen sind Verbündete, keine Konkurrenz!
Freiheit fällt nicht vom Himmel. Wir müssen sie machen. Und sie selbst verteidigen. Ich hoffe so sehr, dass ihr nie erbittert darum kämpfen müsst. Aber ich wünsche euch, dass ihr es könntet. Dass ihr eure Stimme kennt und wisst, was euch zusteht. Dass ihr andere Frauen nicht als Konkurrenz, sondern als Verbündete seht.
Unter Frauen wird oft verglichen. Wer schafft mehr? Wer ist die bessere Mutter? Wer kann das enge Kleid besser tragen? Und wer ist die Multitasking-Oberqueen? Lasst euch nicht hineinziehen in diesen behämmerten Wettbewerb. Es gibt keinen Preis für Perfektion und Selbstkasteiung. Und selbst wenn, dann wäre er es nicht wert, seine Kraft darin zu versenken.
Ich wünsche euch ehrliche Freundinnen, die euch größer machen. Unterstützende Kolleginnen, die euch fördern. Männer, die keine Angst vor starken Frauen haben, und Liebespartner, die euch nicht kleinhalten, sondern mit euch wachsen. Und ich bitte euch inständig, dass ihr selbst so eine wunderbare Frau seid.
Ihr werdet Fehler machen. Ihr werdet euch unterschätzen. Ihr werdet vielleicht auch mal schweigen, obwohl ihr etwas hättet sagen sollen. Das ist okay. Wichtig ist nur, dass ihr euch nicht dauerhaft zurücknehmt und euch kleinmachen lasst.
Es gibt eine Sache, die ich euch besonders mitgeben möchte: Mädchen lernen früh, nett zu sein. Ich selbst bin harmoniebedürftig, vermeide Konflikte, wenn sie nicht unbedingt nötig sind. Ich habe nicht gelernt, wie man das besser oder anders macht. Aber Wut ist kein Makel. Sie erhitzt euren Magen, wenn eine Grenze überschritten wurde oder euch Ungerechtigkeit widerfährt. Ihr müsst Gemeinheiten nicht aushalten und schlucken. Schlagt zurück! Lasst euch nicht einreden, ihr wärt „zu sensibel“.
Hört nicht auf die Niemande!
Und noch etwas: Euer Wert hängt nicht davon ab, wie ihr ausseht. Ich hasse es, dass ihr in einer Welt voller Filter und Vergleiche aufwachst, und ich euch nicht für immer davor schützen kann. Es wird Tage geben, an denen ihr euch nicht schön fühlt. Vergesst dann nicht: Schönheit ist kein Leistungsnachweis. Sie ist individuell. Und sie liegt im Auge des Betrachters. Seid euch sicher: In meinen Augen seid ihr perfekt. Immer. Und auch wenn ich euch das irgendwann nicht mehr sagen können werde, so wird es jemanden geben, für den ihr die Schönsten seid. Sucht euch diesen Jemand und hört nicht auf die Niemande.
Wenn ich euch heute anschaue, sehe ich zwei witzige, freche, zahnlückige Gefühlsbomben, gefüllt mit Fantasie, Mut und reinster Liebe. Ich sehe, wie selbstverständlich ihr euch Räume nehmt. Wie ihr Fragen stellt, ohne Scham und vor allem: ohne euch zu entschuldigen. Wie ihr euch streitet und wieder versöhnt. Wie ihr euch behauptet. Bewahrt euch das!
Vielleicht werdet ihr irgendwann diesen Text lesen und denken: Mama hat übertrieben. So schlimm ist es doch gar nicht. Wenn das so ist, dann habe ich mein Ziel erreicht. Dann ist der Weltfrauentag vielleicht wirklich nur noch ein historisches Datum. Eine Erinnerung an Kämpfe, die nicht mehr geführt werden müssen. Bis dahin gilt: Seid klug. Seid laut, wenn es nötig ist. Seid solidarisch. Seid unbequem, wenn es gerecht ist. Seid zärtlich, wenn ihr wollt. Seid alles, was ihr sein möchtet.
Aber vor allem: Seid euch selbst verpflichtet und nicht den Erwartungen anderer.
Meine kleinen Mäuse, ich bin so stolz auf euch. Nicht, weil ihr Mädchen seid. Sondern weil ihr ihr seid.
Eure Mami