DIE ZEIT: Herr Bjaljazki, wie geht es Ihnen?
Ales Bjaljazki: Ich habe einige gesundheitliche Probleme und komme gerade von ein paar Untersuchungen. Aber im Grunde geht es mir gut.
ZEIT: Vor zwei Tagen waren Sie noch im äußersten Osten von Belarus inhaftiert. Nun sind Sie in Freiheit – in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Wie fühlt sich das an?
Bjaljazki: Ein Teil von mir ist noch immer dort, in der Strafkolonie. Aber ich versuche, mich so schnell wie möglich zu akklimatisieren. Zugleich berauscht mich die Freiheit regelrecht. Ich bin betrunken davon!
ZEIT: Sie sprachen auch davon, dass es sich anfühlte, als seien Sie vom Meeresgrund zur Wasseroberfläche aufgetaucht, um endlich wieder Luft und Sonne zu tanken.
Bjaljazki: Ja, so kann man das auch beschreiben. Ich habe meine Frau lange nicht gesehen, konnte nicht mit meinen Freunden sprechen, nicht mit meinem Sohn. Es ist einfach eine große Freude. Die Gefühle überwältigen mich.
ZEIT: Lassen Sie uns dennoch über die Haft sprechen, die Umstände. Was können Sie darüber sagen?
Bjaljazki: Es herrschen dort harsche Umstände. Aber als politische Gefangene wurden wir noch einmal gesondert behandelt. Wir waren mit gelben Abzeichen als solche gekennzeichnet und unterlagen ständiger Kontrolle. Wir wurden oft bestraft, angeblich, weil wir gegen die „Regeln der inneren Ordnung“ verstoßen hatten. Dazu gehörte nicht viel. Es reichte, einen Knopf nicht richtig zugemacht zu haben, sich nicht richtig rasiert oder die Zelle nicht richtig geputzt zu haben.
ZEIT: Wie wurden Sie bestraft?
Bjaljazki: Die Sendungen, die du von deinen Angehörigen bekommst, werden gestrichen. Oder man kommt in eine Einzelzelle. Dort ist es so kalt, dass du nicht schlafen kannst. Und sie verweigern dir den Kontakt zu deinen Liebsten. In einem Jahr habe ich nur einen Brief erhalten, meine Frau bekam keinen einzigen von mir. Das ist eine bewusste Methode: die Menschen zu isolieren, sie psychologisch und moralisch unter Druck setzen.
ZEIT: Als Sie den Friedensnobelpreis erhielten, waren Sie schon in Haft. Wie haben Sie überhaupt davon erfahren?
Bjaljazki: Das hat mir jemand auf dem Gefängnisgang zugerufen. Es lief gerade das Gerichtsverfahren gegen mich, ich war noch im Untersuchungsgefängnis. Jeden Tag wurde ich von meiner Zelle zum Anwalt geführt. Und an einem dieser Tage habe ich das von einem anderen Gefangenen erfahren, der sagte: Ales, du bist Nobelpreisträger! Ich konnte das gar nicht glauben. Aber der Anwalt hat es mir dann bestätigt.
ZEIT: Warum waren Sie so überrascht?
Bjaljazki: Ich hatte es einfach nicht erwartet. Es gab immer so viele würdige Kandidaten. Natürlich ist es eine große Ehre. Aber dieser Preis gilt nicht mir, sondern der gesamten belarussischen Zivilgesellschaft, die für die Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit in Belarus kämpft. Und für all jene, die einen wirklichen Wandel wollen – und dafür ins Gefängnis mussten. Das ist eine Auszeichnung für uns alle.
ZEIT: Hat Ihnen der Nobelpreis im Gefängnis geholfen?
Bjaljazki: Das hat mich bestimmt geschützt. Meine Haftstrafe wurde danach nicht mehr verlängert, wie das bei anderen politischen Gefangenen üblich war. Und dadurch blieben mir wohl auch die schlimmsten Repressionen erspart.
ZEIT: Andere politische Gefangene haben von Folter und Gewalt berichtet.
Bjaljazki: Ich kenne diese Fälle natürlich. Einige Menschen sind sogar in Haft gestorben. Ich wurde nicht gefoltert und nicht geschlagen.
ZEIT: Woher nahmen Sie die Kraft, das alles zu ertragen?
Bjaljazki: Was blieb mir anderes übrig? Man muss durchhalten. Aber ich war immer davon überzeugt, dass wir früher oder später freikommen werden. Vielleicht hatte ich nicht erwartet, dass es so lange dauert, aber nun ist es passiert.
ZEIT: Sie wurden 2021 festgenommen, ein Jahr nach den großen Anti-Lukaschenko-Protesten, auf die eine massive Repressionswelle folgte, mit vielen Festnahmen und Verhaftungen. Später wurden Sie wegen des Vorwurfs von „Schmuggel“ und „Organisation und Vorbereitung von Handlungen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen“, zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Bjaljazki: Es war damals eine bewusste Entscheidung von mir, nicht aus dem Land auszureisen, als es immer gefährlicher wurde. Ich wollte bleiben. Aber es gibt Dinge, die wir nicht vorhersehen konnten – und auf die wir keinen Einfluss hatten. Wie darauf, dass Russland 2022 die Ukraine überfiel. Und Belarus war mittendrin, von dort aus wurde die russische Invasion auf die Ukraine gestartet. Die Ukraine kämpft für ihre demokratische, europäische Zukunft, ein Kampf, den ich voll und ganz unterstütze. Aber in dieser verzweifelten Lage waren wir politischen Gefangenen schnell vergessen. Wir wurden zu Geiseln dieser Situation.
ZEIT: Unter US-Präsident Donald Trump kam wieder Bewegung in die Sache, in den vergangenen Monaten wurden viele politische Gefangene freigelassen. Was wissen Sie über die Umstände Ihrer Freilassung?
Bjaljazki: Das war natürlich ein Handel: politische Gefangene gegen Aufhebung der Sanktionen. Wir sind Geiseln des Regimes. Aber seitdem es diese Freilassungen gab, hat der Druck in der Haft gegen uns nachgelassen. Das haben wir gespürt – und natürlich darauf gehofft, freizukommen. In meiner Strafkolonie waren 20 politische Gefangene. Aber freigekommen bin nur ich. Sie müssen alle freigelassen werden! Und die Repressionen in Belarus müssen aufhören. Derzeit ist es so: Lukaschenko tauscht Gefangene gegen Sanktionen, sperrt aber immer wieder neue ein. Man muss diese repressive Maschine stoppen.
ZEIT: Wie?
Bjaljazki: Mir scheint, dass die europäische Position hier sehr konsequent war. Sie war die Grundlage dafür, dass die politischen Gefangenen freikommen. Wenn es den politischen Druck und die wirtschaftlichen Sanktionen nicht gäbe, säßen wir wohl noch weiter im Gefängnis.
ZEIT: Aber es waren die Amerikaner, die diese Freilassungen verhandelt haben.
Bjaljazki: Ja, das stimmt, die Amerikaner haben hier einen anderen Zugang, eine andere Taktik.
ZEIT: Sie fordern also mehr Druck auf Lukaschenko?
Bjaljazki: Man muss die Psychologie totalitärer Systeme verstehen: Ihre Herrscher verstehen nur Stärke. Jedes Angebot zu Verhandlungen, zur Normalisierung der Beziehungen oder der Lockerung der Sanktionen sehen sie als Schwäche an.
ZEIT: Sie haben in den 1990er-Jahren die wichtigste Menschenrechtsorganisation in Belarus gegründet, um politische Gefangene zu unterstützen. Sie wurden selbst zu einem: Schon 2011 bis 2014 saßen Sie im Gefängnis. Man merkt Ihnen den professionellen Blick auf das Thema an. Ist es nicht etwas anderes, wenn man von diesen Repressionen selbst betroffen ist?
Bjaljazki: Natürlich. Wenn du das selbst erleben musst, verstehst du das natürlich anders. Und etwas, was natürlich heute anders ist als 2014: Sie haben mich aus meinem Land geworfen.
ZEIT: Politische Gefangene wurden zuletzt bei ihrer Freilassung direkt außer Landes gebracht, in die EU oder in die Ukraine.
Bjaljazki: Ja. Ich habe keine Möglichkeit, nach Belarus zurückzukehren, in meine geliebte Heimat, wo ich mein ganzes Leben lang gelebt habe.
ZEIT: Wie sehen Sie die Lage in Belarus heute – und was wissen Sie überhaupt darüber?
Bjaljazki: Im Straflager sind ständig neue politische Gefangene angekommen. Das war natürlich ein Zeichen, dass die Repressionen weitergehen – oder sogar schlimmer werden. Das belarussische Regime ist poststalinistisch. Es gibt zwar keine Massenerschießungen mehr. Aber die Massenverhaftungen, die Angst, der Terror gegen die Zivilbevölkerung, um jeden Wunsch nach Freiheit im Keim zu ersticken, das ist ähnlich.
ZEIT: Trotzdem sprechen Sie immer wieder davon, dass Sie fest daran glauben, dass sich etwas verändern wird. Woher nehmen Sie diese Hoffnung?
Bjaljazki: Ich werde nie die Tausenden Menschen vergessen, die im Sommer 2020 auf die Straße gegangen sind, um einen demokratischen Wandel zu fordern. Es mag sein, dass ein Teil von ihnen ausgereist ist oder Angst hat. Die Lage ist schwer. Aber diese Menschen sind nicht verschwunden. Ich bin überzeugt, dass es früher oder später zu einem Wandel kommen wird.
