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Dieser Krieg ist kein Heimsieg

Erst klingelt die Warn-App, dann knallt es im Himmel: Israels Alltag findet seit einer Woche im Takt der Raketen- und Drohnenangriffe des Irans und der libanesischen Hisbollah statt. Bei jedem Alarm, teils mehrmals täglich und auch in der Nacht, müssen sich die rund zehn Millionen Einwohner in Schutzbunker begeben. Um die 500 Raketen und mehrere hundert Drohnen wurden nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums bisher allein aus dem Iran geschossen. Zuletzt wurden die Angriffe weniger.

Die Stimmung in Israel wirkt ernst, aber nicht ängstlich. Zehn Menschen wurden bei den iranischen Gegenangriffen bisher getötet, die Zahl der Verletzten liegt bei etwa hundert. Das ist weniger als in der ersten Woche des Zwölf-Tages-Krieges im vergangenen Sommer. Dieser Tage verletzten sich die meisten Menschen auf dem Weg in die Bunker.

93 Prozent der jüdischen Israelis unterstützen den amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran. Das zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des größten Meinungsinstituts im Land, dem Israel Democracy Institute (IDI).

Macht das den umstrittenen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nun zum Gewinner der jüngsten Eskalation im Nahen und Mittleren Osten?

Generell gilt: In Zeiten von Krieg rücken die jüdischen Israelis zusammen. Innenpolitische Spannungen geraten in den Hintergrund. Der IDI-Umfrage zufolge vertrauen 74 Prozent der jüdischen Israelis darauf, dass Netanjahu den Krieg „ziemlich oder sehr gut“ meistern wird. In der jüdisch-israelischen Rechten liegt das Vertrauen bei 85, in der jüdisch-israelischen Mitte bei 65 und in der jüdisch-israelischen Linken bei 40 Prozent. Allein die arabische Minderheit, die etwa ein Viertel der israelischen Bevölkerung ausmacht, zeigt sich überwältigend kritisch: Nur 26 Prozent der Befragten in dieser Gruppe stehen hinter dem Angriff auf den Iran.

Dazu muss man wissen: In den Orten, in denen viele der arabischen Minderheit zugehörigen Israelis leben, fehlen öffentliche Schutzbunker, die Gruppe gilt als von den Gegenangriffen am meisten gefährdet. Wie die Vereinigung für Bürgerrechte in Israel nach dem Zwölf-Tage-Krieg 2025 dokumentierte, verfügen nur elf von insgesamt 71 untersuchten arabischen Kommunen über öffentliche Schutzbunker. Der größte Mangel besteht in der Negevwüste, wo die Minderheit der Beduinen teils in staatlich nicht anerkannten Behausungen lebt.

Dass es also nicht das eine Israel gibt, sondern unterschiedliche politische Interessen, zeigt auch die innenpolitische Dynamik. Anfang November findet die nächste Parlamentswahl statt. Es könnte ein knappes Rennen werden zwischen Netanjahus Regierung und der Opposition. Eine Umfrage der Zeitung Maariv vom 27. Februar, einen Tag vor Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran, deutete ein knappes Rennen an. Netanjahus Regierung käme demnach auf 50, die Opposition auf 60 Sitze in der Knesset, Israels Parlament. Für eine Regierungsmehrheit werden aber mehr als 60 Sitze gebraucht. Bleiben die Werte so, dann wird es unmöglich für Netanjahu, genug Stimmen für eine stabile Koalition zu bekommen.

Die jüdisch-israelischen Oppositionsparteien allerdings sind stark zersplittert und wären auf die Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien in der Opposition angewiesen, um eine Koalition zu bilden. Dieses Vorhaben aber gilt als gescheitert. Bei der Wahl im Frühjahr 2021 hatte der rechte Netanjahu-Gegner Naftali Bennett eine Koalition mit dem mittigen Politiker Yair Lapid und mit vielen kleineren linken Parteien sowie einer arabischen Partei gebildet. Doch das Bündnis aus insgesamt acht Parteien war nicht stabil genug, um interne Differenzen auszuhalten. Es zerbrach nach nur einem Jahr und könnte doch Spätfolgen haben: Einige israelische Politikanalysten gingen nach dem Bruch davon aus, dass Bennetts rechte Wähler die Zusammenarbeit mit der arabischen Partei nicht verzeihen würden.

Dieses Jahr will Naftali Bennett trotzdem erneut antreten, präsentiert sich nun als großer Unterstützer des Krieges. „Jede Stunde unserer derzeitigen Operation im Iran ist ein weiterer Schritt zur Zerschlagung der iranischen Todesmaschine, die über 30 Jahre lang aufgebaut wurde“, teilte Bennett diese Woche in einer veröffentlichten Erklärung mit.

Iran-Krieg als Wahlkampfthema

Auch Oppositionsführer Yair Lapid, Chef der Partei „Zukunft jetzt“, sagte, dass es im Krieg so etwas wie eine Opposition nicht gebe und dass er sich in all seinen Jahren seiner politischen Karriere „an keinen solchen Konsens zu irgendeinem Thema erinnern“ könne. Bennetts und Lapids Aussagen lassen sich als Versuch deuten, Netanjahu den Irankrieg nicht als Wahlkampfthema zu überlassen – und sich abzusichern gegen mögliche Attacken aus dem gegnerischen Lager. In der Vergangenheit hatten Netanjahu und seine teils rechtsextremen Parteien wiederholt versucht, die Opposition als vermeintliche Anarchisten zu diffamieren.

Widerspruch kommt deshalb vor allem von Stimmen, die politisch nichts mehr zu verlieren haben. „Dies ist ein amerikanischer Krieg. Niemand ist in den Krieg gezogen, um Israel zu retten“, kritisierte etwa der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert im Gespräch mit der Zeitung Haaretz. Olmert gehört zu den lautesten Kritikern Netanjahus und repräsentiert jenen Teil der israelischen Gesellschaft, die dem Premier sein Versagen rund um den Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 nicht verzeiht.

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