Mit Angela Merkel (70) stand zwar 16 Jahre lang eine Ostdeutsche an der Spitze der Bundesregierung. Das änderte aber nichts daran, dass auch im 35. Jahr nach dem Mauerfall die meisten Chefs in Deutschland Wessis sind.
Rund ein Fünftel der Deutschen sind aus dem Osten. Ihr Anteil an den Eliten beträgt aber lediglich zwölf Prozent. Die Zahlen stammen von Staatssekretär Carsten Schneider (48, SPD), Ostbeauftragter der Bundesregierung.
Der Thüringer mit Top-Job präsentierte am Montag seine aktuelle Eliten-Befragung. Untersucht wurden dafür zwölf Sektoren. In fast allen sind Ostdeutsche nicht so vertreten, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde.
Das gilt auch für 24 oberste und 90 obere Bundesbehörden sowie die fünf obersten Gerichte. Dort wurde die Herkunft von 10 647 Führungskräften und 333 Richtern abgefragt. Ergebnis: Von den Leitern oberster Bundesbehörden stammen aktuell 87,7 Prozent aus dem Westen, lediglich 5,3 Prozent aus dem Osten (ohne Berlin).
Die drei wichtigsten Gründe, warum es so wenig Ossis an die Spitze schaffen:
▶︎ der Elitetransfer im Zuge der Wiedervereinigung.
▶︎ das fortgesetzte Nachrücken Westdeutscher auf Führungspositionen.
▶︎ Viele Bundesbehörden haben ihren Hauptsitz im Westen und rekrutieren vor allem dort Personal.
Die befragten 685 Bosse sehen den Mangel an Ost-Chefs durchaus als Problem. Für die aus dem Osten besteht die Gefahr, dass die Interessenvertretung der Ostdeutschen leidet. Wessis fürchten, Ostdeutsche könnten sich als Bürger zweiter Klasse fühlen.
Ostbeauftragter Schneider sagt: „Ein ungleicher Anteil von Ostdeutschen in Entscheidungspositionen deutet auf eine ungleiche politische und gesellschaftliche Teilhabe hin.“ Das habe auch Auswirkungen auf das Vertrauen in Institutionen und damit auf die Stabilität der Demokratie.
Von den befragten Ost-Chefs empfinden fast 40 Prozent ihre Herkunft als Vorteil, rund 18 Prozent als starken Nachteil.
Eine Quote lehnen die meisten ab. Vor allem West-Chefs sind überzeugt, das erledige sich irgendwann von selbst.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (70, CDU, Ossi) sieht in den Zahlen zwar „einen kleinen Schritt nach vorn“. Sagt aber: „Für einen großen Schritt braucht es endlich eine gezielte Personalentwicklung“.