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„Der Generalsekretär sollte wieder stärker als Mediator verhandeln“

DIE ZEIT: Herr Gowan, die Vereinten Nationen werden in dieser Woche 80 Jahre alt und stecken in ihrer schwersten Krise seit ihrer Gründung. Was können die UN überhaupt noch leisten?

Richard Gowan: Die UN können trotz aller Probleme viele Aufgaben besser bewältigen als jeder andere Akteur. Keine andere Organisation kann humanitäre Großeinsätze in Krisengebieten so effektiv managen. UN-Friedensmissionen mögen letztlich oft scheitern, aber sie können Konflikte in Ländern wie dem Südsudan zumindest eindämmen. Politisch sind die Vereinten Nationen zudem nach wie vor das einzige Forum, in dem alle Staaten ihre Stimmen zu Gaza oder der Ukraine erheben können. Das sehen wir zum Beispiel bei der Zweistaatenkonferenz zu Beginn der diesjährigen Generaldebatte.

ZEIT: Nahezu 150 Mitgliedsstaaten wollen auf der Konferenz Palästina als Staat anerkennen. Doch damit existiert der Staat Palästina noch nicht.

Gowan: Natürlich. Aber ohne diesen Schritt gäbe es noch weniger Hoffnung auf eine langfristige Lösung des Konfliktes.

ZEIT: Donald Trump hat die amerikanischen Zahlungen an die UN im Februar quasi über Nacht eingestellt. Welche Folgen hat das für die UN?

Gowan: 20 Prozent von mehr als 100.000 UN-Mitarbeitern müssen gehen, jeder denkt über seinen Arbeitsplatz nach. Wenn Sie sich derzeit mit UN-Beamten über Geopolitik unterhalten, schweift das Gespräch oft auf den Personalabbau in der Zentrale in New York ab. Wir sollten mehr Zeit damit verbringen, über die Folgen für Hunderte Millionen Menschen in der Welt zu sprechen. Das Budget des Welternährungsprogramms kam zu 40 Prozent aus den USA, das Budget des UN-Flüchtlingshilfswerks etwa zu 30 Prozent. Diese UN-Organisationen mussten ihre Einsätze drastisch reduzieren.

ZEIT: Was bedeutet das für die Menschen in den Krisengebieten?

Gowan: In Bangladesch wurde die monatliche Lebensmittelhilfe für Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar halbiert. In Nigeria musste das Welternährungsprogramm seine Hilfe für 1,3 Millionen Menschen einstellen. Im Sudan kann es nur noch 30 Prozent der bedürftigen Menschen versorgen. Im Libanon wird das UN-Flüchtlingshilfswerk bis Ende des Jahres sein gesamtes Gesundheitsprogramm beenden müssen. Ich könnte unzählige weitere Beispiele aus Haiti, Niger, Afghanistan und Jemen aufzählen. Die USA entziehen den UN aber nicht nur das Geld, sondern stellen sie grundsätzlich infrage.

ZEIT: Einige Hardliner in der zweiten Trump-Regierung fordern den Austritt der USA aus den Vereinten Nationen. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Gowan: Nein. Die Trump-Regierung stellt die internationale Rechtsordnung zwar grundsätzlich infrage. Aber sie hält an ihrer Vetostimme im Sicherheitsrat fest. Mit dem Veto können die USA zum Beispiel Israel verteidigen oder verhindern, dass UN-Beschlüsse amerikanische Interessen gefährden. Ich denke, die USA werden künftig bei vielen Entscheidungen als Störer agieren – oder einfach ihre Beiträge nicht zahlen. Eines ist klar: Die USA, Russland und China wollen die Macht der Vereinten Nationen einschränken. Doch auch die Beziehung zwischen der Biden-Regierung und den UN war nicht nur rosig.

ZEIT: Inwiefern?

Gowan: Grundsätzlich stand die Biden-Regierung hinter den UN. Sie hat humanitäre UN-Einsätze im Sudan unterstützt oder die UN als Plattform genutzt, um Russland nach Beginn seiner Invasion in der Ukraine zu isolieren. Aber als es um Gaza ging, stellten sich die USA plötzlich gegen die UN. Generalsekretär António Guterres war außerdem verärgert, dass Joe Biden ihn in vier Jahren nicht einmal ins Weiße Haus einlud – auch für ihn waren die UN einfach nicht wichtig genug.  

ZEIT: Versucht China das Vakuum zu füllen?

Gowan: Noch vor 20 Jahren hielt sich die chinesische Führung trotz ihres Vetorechts in den meisten Fragen zurück, außer wenn es um Taiwan ging. Das hat sich mit Xi Jinping geändert. Heute ist China ein entscheidender Player und nimmt mehr Einfluss auf die UN.

ZEIT: Welche Ziele verfolgt China damit?