„Eine meiner großen Schmerzen ist, dass meine Großeltern nicht erlebt haben, wie ich so richtig Erfolg hatte, und vielleicht auch hätte sie verwöhnen können. Das tut mir immer noch weh.“ In diesem Satz liegt alles: Herkunft, Liebe, Verlust. Und der Anfang von Alice Schwarzer (83).
Nach ihrer Geburt in Wuppertal kam sie nicht zu ihrer leiblichen Mutter, sondern zu den Großeltern. Die Mutter war 22, als Alice geboren wurde. Unehelich, ein Makel in jener Zeit. Das Kind wollte sie nicht. „Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Sie waren meine sozialen Eltern. Ich habe sie auch Papa und Mama genannt“, erzählt sie BILD. Dort fand sie Halt, Zugehörigkeit. „Ein Zuhause.“
Alice Schwarzers Beziehung zu ihrem Großvater
Liebe bekam sie vor allem von ihrem Papa alias Großvater. „Er war sanft, zugewandt, warm. Er wickelte mich, kochte Brei, trug mich hinaus in die Sonne.“ Von ihm hat Alice Schwarzer gelernt, „dass auch Männer fühlen und Mädchen denken können“. Er war der weiche Mann in ihrem Leben, derjenige, von dem das Gefühl kam. „Eigentlich hätte ich ihn Mama nennen müssen“, sagt sie heute. „Weil er all das verkörperte, was man damals nicht mit Männlichkeit verband.“
Mama war die Großmutter. „Klug, politisch, scharf im Denken. Der Kopf der Familie. Intellektuell prägend. Aber auch streng und fordernd“, erinnert sich Alice Schwarzer. Sie schmunzelt. „Meine Mutter war eigentlich ein Mann. Liebe zeigte sie selten offen. Sie kam in Spott daher, in Ironie. In diesem Spott verbarg sich das Lob. Und die Liebe. Und der Stolz auf mich.“
Alice Schwarzer: „Objektiv waren wir arm“
Die Ehe der Großeltern war schwierig, die Atmosphäre nicht immer leicht. Alice Schwarzer war früh Teil des Ganzen, kein Kind im klassischen Sinn. „Wir waren ein Trio und ich war eine von dreien.“ Sie übernahm Verantwortung, schützte den Großvater vor den Wutausbrüchen der Großmutter. Und doch antwortet sie heute klar auf die BILD-Frage, ob sie sich als Kind geliebt gefühlt habe. „Ja. Sehr.“ Es gab keine Gewalt, aber viel Ernst. Und sehr früh Selbstständigkeit.
Geld war knapp. „Objektiv waren wir arm. Schulden gehörten dazu. Aber das Gefühl von Mangel blieb aus.“ Die Großeltern hatten ein bürgerliches Selbstverständnis, auch wenn die Realität anders war. Und sie hatten Haltung. „Sie waren Anti-Nazis. Auch nach dem Krieg, als das noch immer nicht opportun war.“ Sie standen ein wenig daneben, fanden Anpassung verdächtig. „Spießig“ war bei ihnen das schlimmste Wort überhaupt. Lieber schräg, lieber unangepasst. Wenn ich widersprach, laut lachte oder Unsinn machte, wurde ich dafür gelobt.“
Die leibliche Mutter blieb präsent, aber auf Abstand. „Sie war so etwas wie meine ältere Schwester. Sie kam vorbei, war aber kein Vorbild für mich.“ Später, als Alice längst erwachsen war, begann ihre Mutter, „Mutter sein zu wollen“. Sie lacht. „Was natürlich für mich als Tochter, die die Mutter selten gesehen hat, ein bisschen anstrengend war.“ Verdrängung prägte ihre Beziehung. „Über das Früher wurde nicht gesprochen.“ Trotzdem hat Alice Schwarzer den Kontakt nie abgebrochen. „Ich habe sie begleitet bis zu ihrem Tod.“
Dass sie ein uneheliches Kind war, erfuhr Alice Schwarzer nicht zu Hause, sondern auf dem Schulhof. „Das war in der Tat eine Schande.“ Sie reagierte pragmatisch. „Ich habe das dann erfolgreich geleugnet und damit war das Kapitel erledigt.“ Und doch wurde diese Erfahrung Teil ihres Denkens. Sie sagt offen: „Ich bin ein ungewolltes Kind, und hätte es das Recht auf Abtreibung gegeben, würde ich nicht existieren.“
Schwarzer: „Ich zwänge mich nicht in eine Jeans“
In dieser Freiheit wuchs sie auf. „Nicht zu einem Jungen gemacht, nicht zu einem Mädchen dressiert. Sehr frei.“ Schon als Kind trug sie nur Kleider und Röcke, ihr Leben lang. Warum? „Ich bewege mich darin selbstverständlicher.“ Besitzen Sie Hosen? „Nicht viele.“ Auch eine Jeans? „Nein. Ich zwänge mich nicht in eine Jeans. Mein Schrank ist voll mit Kleidern. Manche von ihnen sind zwanzig Jahre alt.“ Sie behält Dinge lange. „Kleider, Menschen, Beziehungen.“
Auch Tiere gehören zu dieser Beständigkeit. Vor allem Katzen. Ihre erste Katze war ein Ersatz für eine Puppe. Der Großvater hatte einen Puppenwagen besorgt, mit einer Puppe, die „Mama“ und „Papa“ sagen konnte. Alice schraubte sie auseinander, suchte den Ursprung der Stimme – und verlor das Interesse. In der Scheune holte sie sich stattdessen ein Kätzchen. „Sie war dann meine Puppe. Ihr Name war Mucki.“
Katzen ziehen sich durch ihr Leben – und durch ihr neues Buch „Feminismus pur“ (erscheint am 11. Februar, 22 Euro). Da ist Lilly, die sich beim Tierarzt als Kater entpuppt. „Diese Hoden seien beim besten Willen nicht zu übersehen“, wurde mir gesagt. Der Name blieb dennoch. Als Alice einmal drei Wochen verreist war, revanchierte sich Lilly nachts im Bett. „Die Katze hat mir auf den Kopf gepisst.“ Alice Schwarzer lacht laut. „Das war die Strafe für mein Weggehen.“
Weggehen, neu anfangen. Das gehörte früh zu ihrem Leben. Schule verlief chaotisch, sie beendete sie mit der Mittleren Reife. „Ich wollte Innenarchitektin werden, begann fast eine Schreinerlehre. Diese scheiterte dann an der fehlenden Damentoilette.“ Büroarbeit langweilte sie zutiefst. Dann ein Gedanke, ein Entschluss: „Journalismus. Paris. Sprache lernen. Weitermachen, auch nach Niederlagen. Wenn ich einmal was entscheide, dann entscheide ich.“
An ihrer Seite damals: der Franzose Bruno aus Paris. Zehn Jahre lang. „Ein kluger, witziger, feiner Mann, der mich nicht einengte. Der beste Partner, den man haben kann. Wir liebten uns sehr.“ Humor war für sie entscheidend. „Bruno wäre nicht eingefallen zu denken, eine Frau ist weniger wert.“ Auch nach der Trennung blieben sie sich nah. „Wir sind ganz enge Freunde geblieben.“ Sein Tod vor fünf Jahren schmerzt noch immer. „Das fehlt. Er fehlt.“
Heute lebt sie seit vierzig Jahren mit „meiner Lebensgefährtin“. Der Fotografin Bettina Flitner (64). Alice sagt nicht „meine Frau. Sie gehört mir ja nicht, ist eine eigene Persönlichkeit“. Es passt zu ihrem Esprit, zu ihrem Humor, zu ihrem Lebensstil. Untreue? Keine Zeit dafür. „Ich bin ein sehr treuer Mensch.“
In „Feminismus pur“ verdichtet sie ihr Leben und ihre Karriere auf 99 Begriffe. Jeden Begriff erklärt sie in genau 1800 Zeichen. Eine bewusste Disziplin, ein Spiel mit der Form. Auf der leeren linken Seite bleibt Platz „für Gedanken der Leserinnen, für Widerspruch, für Weiterdenken. Es ist kein Lehrbuch, sondern eine Einladung zum Dialog“, erklärt Alice Schwarzer.
Eine Einladung auch an jüngere Frauen, um die sie sich sorgt. Als Feministin sieht sie „Rückschritte, Verwirrung, Überforderung“. Sie sieht Erwartungen, Begehrensdruck, Gewaltbilder. Und trotzdem bleibt Alice Schwarzer auch mit (oder trotz) 83 Jahren, wie sie immer war: beweglich im Kopf, spielerisch im Ton, unbeirrbar in der Haltung und im Optimismus. „Für mich ist das Glas immer halb voll.“
Am Ende steht keine glatte Bilanz. Sondern das Wissen, dass ein Leben aus vielen Schichten besteht: aus Liebe und Mangel, aus Freiheit und Pflicht, aus Sanftheit und Strenge. Alice Schwarzer trägt all das sichtbar in sich. Vielleicht ist genau das ihre größte Kraft: dass sie nichts davon verleugnet und trotzdem ihren Weg weitergeht.
Gerade sitzt sie an der neuen Ausgabe ihrer Zeitschrift „EMMA“. Seit 49 Jahren ist sie deren Chefredakteurin. Für sie sei das „kein Pflichtprogramm, sondern leidenschaftliche Arbeit“.