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Schön kaputt

Wenn man von oben schaut, von den weltbekannten Festungsmauern der alten Stadt, dann erscheint einem Carcassonne als ein glücklicher Ort. Die schmalen Gassen, die hübsch gedeckten Häuser, die Brücke, die sich seit dem Mittelalter über den Fluss spannt. Auf der anderen Seite schmiegen sich Weinreben an den Burghügel.

Was man nicht sieht von hier oben, sind die Sorgen der Stadt. Die verfallenen Häuser und verwitterten Fensterläden. Die vielen Geschäfte, die jetzt leer stehen. Den kleinen Laden gleich neben dem Rathaus zum Beispiel. Die Schaufensterscheiben sind abgeklebt, ein Rollgitter heruntergelassen. Man sieht auch nicht, dass der Stadt Ärzte fehlen. Oder dass in einigen Vierteln immer mehr Drogen gehandelt werden und Waffen. Gerade erst hat in Carcassonne ein Prozess gegen zwölf mutmaßliche Mitglieder eines Dealerrings begonnen, unter ihnen zwei Tschetschenen.

„Sie haben das Wort.“ Christophe Barthès steht am Eingang einer kleinen Halle am Rande von Carcassonne. Er hat die Menschen an diesem Abend eingeladen, ihm ihre Sorgen vorzutragen. Draußen regnet es in Strömen, trotzdem sind rund vierzig Menschen gekommen. Tropfend eilen sie herein. Barthès, ein kräftiger Mann in Jeans und Sakko, begrüßt jeden von ihnen mit Handschlag.

Christophe Barthès ist Abgeordneter des Rassemblement National (RN), seit 2022 sitzt der heute 59-Jährige für die rechtsnationale Partei im französischen Parlament. Nun will er Bürgermeister werden.

Am 15. März finden in Frankreich Kommunalwahlen statt. In fast 35.000 Städten und Gemeinden wird am selben Tag gewählt. Eine Woche später wird in einer zweiten Runde endgültig über die Zusammensetzung der Lokalparlamente und damit über die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister entschieden. Kommunalwahlen sind in Frankreich ein nationales Ereignis, zumal in diesem Jahr. Sie sind ein großer Test und ein Sprungbrett für den Präsidentschaftswahlkampf. Denn schon in gut zwölf Monaten wird ein neuer Präsident gewählt oder eine Präsidentin.

Viele Augen richten sich deshalb auf den RN. Die Partei Marine Le Pens ist national so stark wie nie, aber in den Städten und Gemeinden ist sie schwach vertreten. Nur in elf Kommunen stellt sie bislang den Bürgermeister. Um das zu ändern, hat der RN eine Reihe von Städten ausgewählt, die er glaubt, erobern zu können. Eine davon ist Carcassonne. Ein Sieg hier wäre wertvoll. Die Stadt steht wegen ihrer berühmten Festung für das reiche kulturelle Erbe des Landes. Und für viele seiner gegenwärtigen Probleme. Ein Wahlplakat des RN zeigt Barthès, den Kandidaten, vor den Türmen der Festungsanlage. Dazu das Versprechen: „Sicherheit, Ruhe und Sauberkeit in Carcassonne“.

Die Stadt sei nicht zum Niedergang verdammt, eröffnet Barthès die Versammlung. Er wolle keine unhaltbaren Versprechen abgeben, sondern ein paar konkrete Vorschläge machen: „Bürgermeister zu sein, bedeutet, den Alltag der Menschen zu verbessern.“ Mehr Videokameras und berittene Polizisten sollen künftig für mehr Sicherheit sorgen. Außerdem will Barthès Mediziner, die bereits im Ruhestand sind, dafür gewinnen, noch einmal auszuhelfen. Carcassonne hat 46.000 Einwohner und bald nur noch fünf Hausärzte. Barthès spricht mit dem harten Akzent des französischen Südens, manchmal wirkt er ein wenig unbeholfen.

Ein Mann, Mitte 60, mit kurzem Bürstenhaarschnitt, meldet sich. Er will wissen, ob die Müllabfuhr häufiger komme, wenn Barthès Bürgermeister sei. Ein anderer, der in einem Vorort wohnt, sorgt sich wegen der immer öfter auftretenden Waldbrände. Eine Frau um die 50 fragt nach den Plänen des RN für neue Radwege. Radwege schön und gut, fährt ein älterer Herr dazwischen, aber Radfahrer müssten sich auch an die Verkehrsregeln halten. Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt meldet sich noch einmal und gibt sich als ehemaliger Gendarm zu erkennen: Was werde der RN gegen die illegalen Autorennen unternehmen, die einige Jugendliche in der Stadt veranstalten? Durchgreifen, entgegnet Barthès: „Glauben Sie mir!“

Ein paar Tage vorher hatte ich Barthès geschrieben und gefragt, ob er Zeit für ein Gespräch habe. Die Antwort kam schnell: Es tue ihm leid, aber er stehe nicht zur Verfügung. Warum nicht, blieb offen. Auch mit den Kollegen der regionalen Presse, erfahre ich, spricht der RN-Mann nicht. Einer öffentlichen Debatte mit den anderen Kandidaten ist er ferngeblieben. Der RN ist mittlerweile die bedeutendste Partei Frankreichs. Aber ihr Verhältnis zu Journalisten bleibt angespannt. Nach der Versammlung spreche ich Barthès an. „Kommen Sie“, sagt er, ein paar Minuten sprechen wir jetzt doch miteinander.

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