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Was man in dieser Dunkelheit sehen kann

1.

Fangen wir mal so an. Im Aufgang meines Charkiwer Hauses gibt es zehn Wohnungen. Im Erdgeschoss war eine Musikschule, die zu Beginn der russischen Vollinvasion geschlossen wurde. Im ersten Stock wohnt niemand – die alte Frau aus der einen Wohnung ist vor dem Beginn des Krieges gestorben, die Familie aus der anderen Wohnung gleich nach Kriegsausbruch weggezogen. Im zweiten Stock wohnt ein alter Mann. Noch vor zehn Jahren war er eine ziemlich imposante Erscheinung. Er lebt allein. Einkaufen geht er immer seltener – das Treppensteigen fällt ihm schwer. Neben ihm wohnt eine Familie, die das Treppenhaus in Ordnung hält und den Schlüssel zum Dachboden hat. Im dritten Stock steht auch eine Wohnung leer, wahrscheinlich ist die Familie ausgereist. In der Wohnung daneben lebt ein Geschäftsmann, einsilbig und einsam. Seine Familie hat er aus der Stadt weggebracht. In der vierten Etage ist eine Wohnung leer, die Bewohner sind zu Kriegsbeginn weggezogen, die andere Familie ist noch da, sie harren während der Raketenangriffe zu Hause aus. Im fünften Stock wird eine Wohnung vermietet, die Besitzer sind ausgezogen, in der anderen Wohnung lebe ich.

Meistens haben wir Strom, Wasser und Heizung. In den letzten Monaten jedoch verfällt das Haus nach den Angriffen in Starre. Der Strom bleibt aus, das Wasser bleibt aus. Binnen weniger Stunden kühlt das Gebäude aus wie ein auf der Autobahn überfahrenes Tier. Und mit ihm frieren seine wenigen verbliebenen Bewohner. Dann wird alles instand gesetzt, und das Haus erwacht wieder zum Leben. In diesem Winter frieren alle. Unsere Städte werden zerstört, man versucht, sie zu töten. Manchmal denke ich, dass ein Haus, wenn man es vergisst und das Licht nicht einschaltet, einfach erfriert. Und seine Bewohner auch. Dafür braucht es nicht lange. Einen Tag vielleicht. Oder zwei. Und jetzt lassen Sie uns über die Zukunft sprechen.

2.

Über die Zukunft zu sprechen, ist besonders vage, wenn der Gegenwart jegliches Gleichgewicht fehlt. Krieg – das ist vor allem ein zerbrochenes Zeitgefühl: Du versuchst, dich an den Moment zu klammern, in dem du gerade lebst, und verlässt dich weniger auf das Morgen. Der Luftalarm ist eine einfache Erinnerung daran, dass all deine Pläne korrigiert und von einem Außenstehenden umgeworfen werden können, von jemandem, der mit deinen Vorhaben überhaupt nichts zu tun hat. Wenn du in einem totalen Vernichtungskrieg zu sehr auf die Zukunft baust, wirst du verwundbar und dysfunktional, denn die Zukunft kann dich jeden Augenblick im Stich lassen. Wenn du dich hingegen von der Notwendigkeit, zu überleben, der Notwendigkeit, durchzukommen, leiten lässt, hast du bessere Chancen. Wie dem auch sei, für visionäre Vorstellungen bleibt relativ wenig Raum.

Mit dem Beginn der Vollinvasion hat für viele von uns, Ukrainer, die zeitliche Kontinuität einen Bruch erlitten, die Linearität, die Ordnung ist verloren gegangen. Ein Leben im Krieg ist ein Leben ohne Garantien. Aber selbst in diesen allerdunkelsten Zeiten müssen wir formulieren, was morgen mit uns sein könnte. Einfach um auf das Schlimmste gefasst zu sein. Und um uns, falls es anders kommt, über das Beste nicht zu wundern.

3.

Wie sollen wir über eine Zukunft sprechen, über deren Format in Verhandlungen entschieden wird? Wie sollen wir die eigenen Vorstellungen und Erwartungen an die Zukunft mit der Rhetorik eines Besatzers, der sich vor allem unsere Kapitulation wünscht, in Einklang bringen? Wir haben eine Vorstellung davon, wie die Welt aussehen sollte, wenn wir erwachen. Aber wir wissen nur zu gut, dass bei Weitem nicht alle unsere Erwartungen zu erfüllen sein werden. Gerechtigkeit ist kein zwingender Bestandteil unserer Wirklichkeit. Aber unser Streben nach Gerechtigkeit ist natürlich und ungebrochen. Meiner Meinung nach ist es genau das, was es heute vielen von uns ermöglicht, nicht in Illusionen zu verfallen und doch die eigene Würde zu bewahren. Denn was ist Würde? Sich nicht dafür zu rechtfertigen, dass man das Verlangen und den Anspruch hat, man selbst zu sein. Sich nicht zu verleugnen. Keine Angst zu haben, man selbst zu sein.

Im Moment der tiefsten Dunkelheit von Licht zu sprechen, ist das Schlimmste. Denn die Versuchung, daran zu glauben, dass die Dunkelheit keine vorübergehende Erscheinung ist, dass sie uns von nun an womöglich für immer begleiten wird, ist groß. Dabei sollten wir eine einfache Sache nicht vergessen: Die Zukunft der Dunkelheit ist ebenso ungewiss. Auch sie hängt von zahlreichen Faktoren ab. Und einer dieser Faktoren ist unsere Bereitschaft, diese Dunkelheit zu überstehen.

4.

Versuchen wir also, über die Zukunft zu sprechen. Was können wir mit Sicherheit von der Zukunft sagen? Wir wissen genau, von wo aus wir in sie eintreten werden. Eintreten werden wir von unserer heutigen tiefen Dunkelheit aus. Aus Dämmer und Schwarz. Und dieses Schwarz, diesen Dämmer haben wir in unserem Rücken als Teil unserer Erinnerung und unserer Erfahrung. Und als eine Konstante für die Zukunft, um die es uns hier geht. Denn eins ist klar: Die Zukunft – und mag sie noch so bunt sein – wird von den Zeichen dieses Dämmers, von seiner Präsenz in unserer Erfahrung geprägt sein. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Krieg ist meist nicht mit dem Kriegsende vorbei. Wir müssen uns klarmachen, dass wir es mit seinen Geistern und Schatten noch sehr lange zu tun haben werden. Das erfordert Anstrengungen. Das erfordert zukünftig eine intensive Auseinandersetzung mit der Erinnerung. Das erfordert schon heute eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen. Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, sind wir versucht, sie uns ideal vorzustellen. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass normalerweise unsere Vergangenheit ideal ist. Weil wir dazu neigen, sie zu idealisieren. Und was ist dann mit der Zukunft? In unserem Fall mit der Nachkriegszukunft?

5.

Die Zukunft wird keine Ähnlichkeit mit der Vergangenheit haben. Das ist in gewisser Weise eine Falle. Manche von uns – jene, die in der Ukraine leben, genauso wie diejenigen, die von außen Anteil nehmen – sprechen bewusst oder halbbewusst von der Zukunft in Kategorien der Vergangenheit. Und das ist ein großer Fehler. Denn so, wie es einmal gewesen ist, wird es nie mehr werden. Es wird anders. Was nicht heißen muss, dass die Zukunft nicht gut wird. Sie kann gut werden. Sie kann glücklich werden. Wir dürfen sie nur nicht mit dem vergleichen, was gewesen ist. Unsere Vergangenheit ist durch diesen Krieg unwiederbringlich und definitiv zerstört. Sie ist bereits zerstört und sie wird, daran möchte ich erinnern, tagtäglich weiter zerstört, denn während wir hier über die Zukunft sprechen, geht der Krieg weiter. Viele Dinge in den Beziehungen zwischen Staaten und vor allem zwischen Völkern werden mit einem an Bedingungen geknüpften oder bedingungslosen Einstellen des Feuers nicht automatisch wiederhergestellt. Das Gefühl von Offenheit stellt sich nicht wieder her, das Gefühl von Vertrauen stellt sich nicht wieder her. Die Reputation vieler Institutionen und führender Persönlichkeiten, Initiativen und Projekte stellt sich nicht wieder her. Und vor allem stellt sich das Gefühl von Sicherheit nicht wieder her. Es wird ein anderes sein, und es entsteht jetzt, in diesen Tagen, in diesen Monaten.

Worauf will ich hinaus? Die Strategie, die Gegenwart wie eine erzwungene Pause überstehen zu wollen, ist irreführend, irreführend ist ebenso die Vorstellung von der Zukunft als mögliche Restaurierung dessen, was einmal gewesen ist. Die Zukunft als eine aufgeschobene Version der Vergangenheit ist eine Illusion. Die Zukunft wird aus uns bestehen, die wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind, wie wir sein können.

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