Von dem 2020 verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré stammt der Satz: „Der Schreibtisch ist ein gefährlicher Ort, um die Welt zu betrachten.“ Er gilt immer für Journalisten. Und er gilt eigentlich auch immer für Politikerinnen und Politiker.
Die deutsche Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hat heute entsprechend dieser Maxime gehandelt: Sie hat, mit offensichtlichem Geschick, der israelischen Seite abgerungen, dass sie eine knappe Stunde lang den Gazastreifen besichtigen durfte. Als erste deutsche Politikerin seit Kriegsbeginn.
Besichtigen, das ist natürlich ein (zu) großes Wort: Sie durfte sich nicht selbst aussuchen, was sie zu sehen bekam; sie war auf den Schutz durch die israelische Armee angewiesen; ihr Aufenthalt beschränkte sich auf Gegenden, die vollständig unter deren Kontrolle stehen. Und nach allem, was man bisher über den Besuch weiß, hat Klöckner auch nicht die Gelegenheit bekommen, mit Palästinensern vor Ort zu sprechen.
Trotzdem: Die Reise ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und gemessen an dem, was Klöckner im Vorfeld und unmittelbar im Anschluss dazu erklärte, hat sie ihn auch mit der richtigen Absicht getan. Sie ermahnte die Regierung des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu, den „Weg der Öffnung“ weiterzugehen. Das ist eine richtige und zugleich sehr freundlich formulierte Aufforderung, denn noch kann von einem „Weg der Öffnung“ keine Rede sein. Aber Klöckner weiß das natürlich und sagte denn auch ausdrücklich, dass sie mehr Zugang für Reporterinnen und Reporter wünsche. Medien fordern das seit Kriegsbeginn durchgängig und hartnäckig. Falls Klöckners Worte helfen sollten, wäre das begrüßenswert (auch wenn die Hoffnung nicht sehr groß ist). Auch mehr humanitäre Hilfe forderte die Bundestagspräsidentin zu Recht.
Nach ihrem Besuch erklärte Klöckner, zu ihrem Verständnis der Freundschaft zwischen Deutschland und Israel gehöre es, den eigenen Blick nicht aufzugeben — und wenn nötig auch dorthin zu schauen, wo die israelische Regierung eben nicht möchte, dass man hinschaue. So geht .
Nur ein Teil des Bildes
Natürlich wird Klöckner nun vorgeworfen, ihr Besuch sei überhaupt nicht hilfreich. So sagte zum Beispiel die Ko-Vorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, dass Klöckner die palästinensische Seite bei ihrem Besuch vernachlässigt habe. Sie müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, die Wirklichkeit in dieser Region nur einseitig wahrnehmen zu wollen.
Das ist ein generelles und reales Problem deutscher Regierungspolitik. Aber es an Klöckners Versuch festzumachen, sich wenigstens ein ausschnitthaftes Bild vor Ort zu machen, ist ziemlich kleine Münze. Klöckner selbst war klug genug, anschließend klarzustellen, dass sie natürlich nur einen „Teil des Bildes“ gesehen habe.
Und deshalb gehört auch dies zur Erkenntnis des heutigen Tages: So wichtig Klöckners Besuch war, so wünschenswert wäre es gewesen, dass vor ihr zum Beispiel der deutsche Außenminister oder der deutsche Bundeskanzler auf Zugang zum Gazastreifen gepocht hätten.
Statt Klöckner zu kritisieren, sollten viel mehr Politikerinnen und Politiker nach Gaza reisen. Wir brauchen mehr Besuche. Bessere Besuche. Mit tieferen Einsichten, unbedingt auch auf palästinensischer Seite.
Weg vom Schreibtisch, näher ran an die Realität: Kaum einer Debatte würde das mehr zu gesteigerter Qualität verhelfen als der um den Nahostkonflikt.