DIE ZEIT: Verlieren junge Menschen das Vertrauen in traditionelle
Medien?
Richard Edelman: Ja. Sie verlassen sich viel mehr auf
peergetriebene Validierung, also auf die Einschätzung und Bewertung von anderen, und auf Onlinecommunitys als auf traditionelle Medien. Es begann vor 15 Jahren mit dem Aufstieg sozialer Netzwerke, verlief aber in Phasen. Die Pandemie und die lange Isolation führten zwangsläufig
dazu, dass man eher von Gleichaltrigen lernte und eine allgemeine Skepsis
gegenüber staatlichen Institutionen entwickelte, aber auch gegenüber den
Medien. Es ist sehr bedenklich, dass fast zwei Drittel der jungen
Menschen nicht mehr einschätzen können, ob Nachrichten von einer zuverlässigen Quelle stammen oder Desinformation sind.
ZEIT: Wie ist das
Lebensgefühl der jungen Menschen?
Edelman: Junge Menschen setzen keine Hoffnung mehr in die Zukunft. Wenn man sich Deutschland, die USA
oder Frankreich ansieht, findet man überall die gleiche Desillusionierung:
Nur wenige glauben noch, dass sie mal einen festen Job, ein höheres Einkommen
als ihre Eltern oder gar ein eigenes Haus besitzen werden. Das hat zu einem Vertrauensverlust
in die Institutionen und auch die Verantwortlichen geführt. Wenn zwei Drittel
der jungen Menschen sagen, dass Journalisten, Regierungs- oder
Wirtschaftsführer sie belügen, ist das ein echtes Problem.
ZEIT: Sie haben mit dem vor 25 Jahren begonnen. Ist das Vertrauen in Gesellschaften,
Regierungen und Unternehmen insgesamt zurückgegangen? Und ist das ein
internationaler Trend?
Edelman: Als wir mit
dem Barometer begannen, lag das höchste Vertrauen bei den NGOs, den Nichtregierungsorganisationen. Das hieß im Prinzip: Man vertraute auf die Alternative.
ZEIT: Sie meinen Organisationen wie Greenpeace.
Edelman: Ja, zum Beispiel Greenpeace, weil sie selbstlos sind. Das hielt bis zur Pandemie.
Dann genossen Regierungen wieder das höchste Vertrauen, weil sie am mächtigsten
waren.
ZEIT: Das war zu
Beginn der Pandemie?
Edelman: Ja, im März,
April 2020. Dann waren ein Jahr später die Konzerne die Spitzenreiter, weil sie
als die einzigen Institutionen angesehen wurden, die sowohl kompetent als auch
ethisch handelten. Es herrschte die Vorstellung, die Konzerne seien in der Lage, Public-private-Partnerships einzugehen, Jobs zu schaffen und auch
Impfstoffe während der Pandemie zu liefern. Der Vertrauensverlust gegenüber den Medien
war eine verzögerte Reaktion. In unserem jüngsten Barometer beobachten wir Anzeichen dafür, dass ein paralleles Ökosystem für Gesundheitsfragen entstanden ist. Zum Beispiel glauben junge
Menschen, dass sie durch die Suche im Netz Informationen finden können, die qualitativ
genauso gut sind wie die von einem Arzt.
ZEIT: Das ist
ziemlich schockierend.
Edelman: Es herrscht ein unumstößlicher Glaube, dass alles, was ich im Netz finde, gut genug ist. Die Universität Cambridge hat herausgefunden, dass junge Menschen, die journalistische Erzeugnisse konsumieren, zuerst die Schlagzeile lesen, dann die Kommentare und erst dann den Artikel. Sie machen also von der Zustimmung der
anderen abhängig, ob sie sich mit der Geschichte beschäftigen, statt sich auf
die journalistische Marke oder den Verfasser des Textes zu verlassen. Statt „Schlagzeile, Geschichte,
Kommentare“ gilt: „Schlagzeile, Kommentare, Geschichte“. Ein
erstaunlicher Befund. Es gibt kein Vertrauen in das, was der Experte
sagt. Die Zustimmung zu dem, was der Experte sagt, wird gecrowdsourct. Das ist
eine vollständige Umkehrung der Form.
ZEIT: Die Pandemie
war also beim Vertrauen der Gamechanger im negativen Sinn?
Edelman: Das ist der Teil der Pandemie, der oft übersehen wird: Junge Menschen fühlen sich verletzlich. Fast drei
Fünftel sagen, dass sie sich psychisch überfordert fühlen, seelische Probleme haben, unter Einsamkeit, Isolation, Depression leiden. Wörtlich sagte ein Viertel der jungen
Menschen, dass sie aufgrund der Pandemieerfahrung beschlossen haben, keine
Kinder zu bekommen. Das ist wirklich schockierend. Interessant sind Zahlen, die wir
gerade erhoben haben: Zwei Drittel der 18- bis 28-Jährigen sagen, dass
sie finanzielle Schwierigkeiten haben. Sie zahlen ihre Rechnungen zu spät, sie
haben Kreditkartenschulden angehäuft, sie lassen Mahlzeiten aus, weil sie nicht genügend Geld haben, sie können sich keine Gesundheitsversorgung leisten
oder haben ihren Job verloren und können sich keine Unterkunft leisten. Da
beginnt die Aggression, die Wut.
ZEIT: Gibt es eine
Verbindung zwischen dem Vertrauen in Regierungen und in die Medien?
Differenzieren junge Menschen da?
Edelman: Ich habe die
Theorie, dass Medien und Regierung in einer Art Umarmung gefangen sind. Fast
wie zwei Menschen, die einander umklammernd ertrinken. Es geht nicht nur
darum, wer an den Schalthebeln sitzt. Es geht auch darum, dass die Medien immer auf der Jagd
nach Klicks sind und daher immer mehr über umstrittene Politiker berichten, um mehr
Aufmerksamkeit, mehr Klicks, mehr Abos zu generieren – aber damit sprechen sie eher die Menschen an den politischen Rändern an als die in der Mitte.
Die wirtschaftlichen Ängste sind groß. Ebenso die Sorge vor Arbeitsplatzverlust,
dem Aufstieg von KI, vor Nationalismus, Protektionismus – insbesondere in einem
Markt wie Deutschland, der so stark auf den Export von Autos und Maschinen
angewiesen ist. Das ist eine echte Bedrohung.
Die erste Phase war: Okay, wir haben Covid überstanden. Die zweite Phase
ist: Oh mein Gott, ich habe wirtschaftliche Ängste. Und nun habe ich soziale
Ängste und einen richtigen Groll. Der kommt daher, dass ich das Gefühl habe, dass das System die Reichen bevorteilt, dass Wirtschaft, Regierung
und Medien alle gegen mich arbeiten, um einigen wenigen zu dienen. Wir haben beobachtet, dass das Gefühl, diskriminiert zu werden, in nur einem Jahr von 50 auf 63 Prozent gestiegen ist. Richtig schockierend ist, dass nun sogar Einkommensstarke glauben, sie würden benachteiligt. Sehr besorgniserregend ist auch, dass über die Hälfte der jungen
Erwachsenen, ob in Deutschland oder den USA, gewaltvolle Aktionen als legitimes
Mittel für Veränderung gutheißt, das beinhaltet physische Gewalt,
Onlineangriffe, Sachbeschädigung und Desinformation.