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BILD: Sie sind beide seit über einem halben Jahrhundert im Geschäft, sehr erfolgreich, aber spielen angeblich erst jetzt zum allerersten Mal ein Paar. Stimmt das wirklich?

Heiner Lauterbach: Ja, das stimmt.

Iris Berben: Und das wundert uns beide auch. Aber vielleicht passen wir erst jetzt im Alter so richtig gut zusammen … (lacht)

Heiner Lauterbach: Aber dass wir jetzt ein Paar spielen, ist wirklich nur Zufall.

Dürfen wir annehmen, dass Sie sich gut und lange kennen? Oder sogar befreundet sind?

Heiner Lauterbach: Befreundet waren wir früher eigentlich nicht. Bevor wir 2020 zusammen ,Unter Freunden stirbt man nicht‘ gedreht haben, kannten wir uns zwar irgendwie. Aber nur, wie man sich eben kennt unter Kollegen …

Iris Berben: … von Filmbällen, der Berlinale oder weil wir lange in der gleichen Stadt gelebt haben. Richtig befreundet waren wir nicht, das stimmt. Aber ich habe Heiner stets wahrgenommen, weil er ja eine große, lang anhaltende und beeindruckende Karriere hat.

Heiner Lauterbach: Dito.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung?

Heiner Lauterbach: Was in den Siebzigern und Achtzigern in München Schwabing in irgendwelchen Bars passiert ist, hat man ja, wenn überhaupt, nur noch lücken- und schemenhaft im Kopf. Da kann ich für nichts garantieren. Ich glaube aber, das erste Mal getroffen haben wir uns in Berlin, in dem alten Schlosshotel. Das muss ungefähr 1994 gewesen sein.

Ihr neuer Film „Ein fast perfekter Antrag“ (Kinostart: 26. Februar) zeigt, dass Leben und Liebe noch lange nicht vorbei sind, wenn man über 50 ist. Können Sie das unterschreiben?

Iris Berben: Oh ja! Sehr!

Heiner Lauterbach: Wir leben – Gott sei Dank – in reflektierten Zeiten, in denen wir das auch so wahrnehmen können. Als ich jung war, also in den Siebzigerjahren, war man mit Mitte 20 steinalt. Ich erinnere mich an die ,Bacardi‘-Werbung, darin waren damals nur sehr junge, sehr schöne Menschen zu sehen. Ich habe damals schon gedacht, dass wir in einer Gesellschaft unbedingt auch ältere Menschen brauchen. Das hat sich seither schon verändert.

Iris Berben: Das hat sich gesellschaftlich vielleicht verändert, aber auf der Leinwand eher weniger. Die Sehnsucht, die Liebe, die Leidenschaft und die Zärtlichkeit hören mit dem Älterwerden doch nicht auf. Es gibt kein bestimmtes Alter, in dem man sagt: Das ist jetzt vorbei. Wir beide kommen allerdings aus einer anderen Zeit …

Heiner Lauterbach: … in der die Alten schneller gealtert sind. Die Männer meist sogar, bedingt durch den Krieg und die Gefangenschaft, noch schneller.

Iris Berben: Viele Frauen sind irgendwann in ihrem Grau und Beige verschwunden. Was das betrifft, haben wir uns verändert. Man kann sich kleiden, wie man möchte, ohne dass es albern wirkt. Aber es ist immer noch nicht selbstverständlich, dass Frauen auch selbstverständlich altern. Bei Männern ist das Altern hingegen weiterhin „spannend“. Da wird die Männlichkeit sogar noch mal ganz anders definiert.

Was der Film allerdings zeigt: Frauen werden mit den Jahren bisweilen immer cooler. Und Männer etwas …

Heiner Lauterbach: … tüdelig? (lacht)

Was denken Sie: Ist das wirklich so?

Heiner Lauterbach: Das kann ich von mir nicht behaupten.

Iris Berben: Ich sicher auch nicht. Im Alltag sehen wir diese selbstbestimmten, coolen Frauen jetzt häufiger. Frauen, die selbstbestimmt, unabhängig sind und gesehen werden wollen. Wir müssen das aber immer noch einfordern. Wir leben in einer Welt, die sich über Perfektion definiert. Das haben wir auch diesem kleinen Apparat zu verdanken (deutet auf das iPhone des BILD-Reporters), wo Sichtbarkeit oft mit 25 aufhört. Wir müssen weiterhin laut sein.

Heiner Lauterbach: Und zu den Männern: Dass wir im Alter verschroben sind, ist eine Frage des Typs. Ich glaube, diese Eigenschaft ist auch nicht geschlechtsspezifisch.

Iris Berben: Das stimmt. Ich kenne übrigens auch sehr tüdelige Frauen.

Heiner Lauterbach: Ich glaube, Männer haben oft ein Problem, wenn sie aufhören zu arbeiten. Da sind Frauen anders. Aber viele Männer definieren sich in unserem Kulturkreis traditionell sehr stark über ihre Arbeit. Auf der Arbeit sind sie wer. Und dann kommen sie nach Hause, gehen in Rente – und sind plötzlich niemand mehr. Das ist natürlich ein Problem.

Sind Sie demnach froh, dass Sie einen Beruf ausüben, in dem Sie immer selbst definiert haben, wer Sie sind? Und wie lange Sie arbeiten wollen?

Heiner Lauterbach: Darüber bin ich sehr froh, ja.

Iris Berben: Natürlich. Was für ein Privileg! Und das Privileg ist ja nicht nur, dass wir nicht das Bedürfnis haben, über Rente nachzudenken. Sondern auch, dass wir die Dinge, die wir gerne machen, so lange machen, wie es unsere Kraft, unsere Leidenschaft, unsere Lust und die Lust der Zuschauer zulassen.

Heiner Lauterbach: Ich denke, wir werden irgendwann ganz organisch ausgeleitet aus unserem Beruf. So wie ein Herpes, der den Körper verlässt. Es wird langsam einfach immer weniger. Aber klar ist ja auch: Für Hundertjährige gibt es halt nur sehr wenige Rollen.

Mit Verlaub: Das Immer-weniger-Werden trifft ja auf Sie beide nicht zu.

Heiner Lauterbach: Mag sein. Aber das wird so kommen. Irgendwann werde ich 80, irgendwann 90, so Gott will. Diese Figuren kommen nur in jedem zwanzigsten Drehbuch vor. Das Gute daran ist: Ich kann mich an den Gedanken gewöhnen. Wenn ich von heute auf morgen arbeitslos würde, wüsste ich nicht, was ich machen würde.

Könnten Sie damit gut umgehen, dass keiner mehr anruft?

Iris Berben: Ich hoffe immer, ich bin souverän genug, wenn es um die Frage geht, wie sehr ich das alles brauche, den Erfolg, die kreative Arbeit, die Anerkennung. Und, dass ich klug genug bin, um zu wissen, dass ich meine Zeit hatte und es weniger wird. Ich bin wirklich gespannt, ob ich so souverän bleibe. Aber noch ist dieser Zeitpunkt nicht gekommen, und dafür bedanke ich mich – bei wem auch immer.

Heiner Lauterbach: Letztendlich ist alles, was wir jetzt haben, schon die Zugabe. Wir sind beide über 70. Die Filme, die wir jetzt noch machen können, sind wunderbare Extras. Wenn ich ab morgen nichts mehr zu tun hätte, hätte ich eine sehr schöne Karriere gehabt. Ein Vorteil ist vielleicht auch: Wir sind in einem Beruf, in dem wir immer besser werden können, wenn wir es wollen. Bei Sportlern ist es ganz extrem: Da ist mit Mitte 30 Schluss. In fast jedem anderen Beruf wirst du im Laufe der Jahre schlechter. Iris ist, wie ich, auch so ein Mensch, der sich ständig verbessern möchte, immer neugierig ist.

Iris Berben: Oh ja! Und ich hatte immer eher Lust auf die Dinge, von denen ich vorher nicht wusste, ob ich sie überhaupt schaffe.

Ist das vergleichbar mit einem sportlichen Ehrgeiz?

Iris Berben: Nein. Das ist bei mir Leidenschaft und Neugierde. Ich will mich weiter ausprobieren. Wir sind nie fertig. Und diese Unberechenbarkeit ist ja auch das Schöne an diesem Beruf und auch sonst im Leben.

Schönheit ist ein gutes Stichwort: Sie sind beide immer auch wegen Ihres guten Aussehens bewertet worden.

Iris Berben: Ja, ich wurde anfangs ausschließlich über meine Äußerlichkeit wahrgenommen.

Heiner Lauterbach: Ich habe mich nie als besonders schön empfunden und glaube auch nicht, dass ich so wahrgenommen werde. Aber ich weiß, dass es schöne Menschen in unserem Beruf schwer haben. Das gilt für Frauen wie für Männer.

Iris Berben: Schöne Frauen müssen sich immer erst mal beweisen. Das Aussehen kann ein guter Türöffner sein. Aber du musst drinbleiben. Und erst dort zeigt es sich, ob sich zum guten Aussehen auch Talent entwickelt.

Eine Parallele zum Film ist vielleicht auch, dass Sie beide Ihre großen Lieben erst um die 50 gefunden haben.

Iris Berben: Ich hatte vorher auch schon eine große Liebe. Aber die Botschaft ist vielleicht: Es gibt nicht nur eine Chance im Leben. Es gibt zwei, drei, vier, fünf Chancen. Es gibt keine Regeln. Das Alter ist keine Regel. Und auch die Liebe kennt keine Regeln.

Wie meinen Sie das?

Iris Berben: Die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht, von dem Partner wahrgenommen zu werden, gemeinsam durchs Leben zu gehen, die hört nie auf. Nicht mit 50 und auch nicht mit 70. Vielleicht hat man mit 20 einen anderen Druck. Aber heute weiß ich: Wir müssen alle Chancen wahrnehmen. Und wenn wir sie bekommen, dürfen wir nicht ängstlich sein. Ja, wir können auch scheitern, aber wir haben es probiert.

Heiner Lauterbach: Das würde ich genau so unterschreiben.

Herr Lauterbach, Sie betreiben auch die Plattform „Meet Your Master“. Gibt es etwas, das Sie von Iris Berben gelernt haben?

Iris Berben: Ich bin sehr gespannt.

Heiner Lauterbach: Ich habe ja im Laufe meines Lebens viel dummes Zeug geredet, auch über den Feminismus. Und ich habe in letzter Zeit oft gedacht: Wenn alle Feministinnen so wären wie Iris, hätte ich früher nicht so viel dummes Zeug gesagt. Wie Iris für ihre Sache kämpft, ist unglaublich. Ich bin übrigens für absolute Gleichberechtigung, war ich immer. Egal, ob es um Männer und Frauen geht, um Schwarz oder Weiß und um was auch immer. Mir sind alle Unterschiede völlig wurscht. Ich finde auch, dass alle gleich viel verdienen sollten, das nur am Rande. Aber der Feminismus und seine Protagonistinnen waren mir lange viel zu verhärmt. Das hatte nichts mehr mit der Sache zu tun, für die ich ja, wie gesagt, grundsätzlich bin. Aber wenn alle Feministinnen so wären,wie Iris, wäre ich von Anfang an mit ihnen auf die Straße mitgegangen. Also um zu protestieren, versteht sich.

Iris Berben: Okay, Heiner, du weißt ja: Es ist nie zu spät!