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Maria ist frei!

Sie lächelt so, als würde in ihr
ein Licht angehen. Sie hat noch immer diese kurzen Haare, nur dass sie jetzt
brünett sind, nicht mehr platinblond. Sie formt ein Herz mit ihren Händen, so
wie sie es in jenem magischen Sommer 2020 getan hat, als sich die belarussische
Gesellschaft gegen ihren Diktator erhob, und später dann im Gericht, als das
Urteil gegen sie fiel: elf Jahre Straflager. Fünf davon hat sie abgesessen. Seit
Samstag ist Maria Kolesnikowa, 43 Jahre alt, endlich frei.

Maria Kolesnikowa ist frei, ja, wirklich: Sie lebt! Sie ist frei! Diese Worte aufzuschreiben, fühlt sich unwirklich an, weil lange Zeit nichts darauf
hindeutete, dass die Musikerin und Ikone der belarussischen Freiheitsbewegung
jemals wieder dem Frauenstraflager Nummer 4 in Gomel entkommen würde. Am Anfang
hatte sie noch Pakete annehmen dürfen, dann nicht mehr: keine Briefe, kein
Essen, keine Medikamente, dafür Isolation. Sie, deren angebliche Flucht außer
Landes Lukaschenkos Schergen im September 2020 inszenieren wollten, samt Auto,
Pass und Ticket, widersetzte sich damals an der Grenze zur Ukraine: Zeterte auf
dem Rücksitz des Autos, zerriss ihren Pass, kletterte aus dem Fenster und
stiefelte zurück Richtung Belarus. Nun sollte sie gebrochen werden.  

Lukaschenko verändert seinen politischen Kurs

Mehr als zwei
Jahre lang war sie in der Frauenstrafanstalt verschwunden – niemand wusste, was
mit ihr ist. Ihr Vater Alexander nicht und ihre Schwester Tatjana Chomitsch
nicht, die aus dem Ausland für ihre ältere Schwester kämpfte. Anwälte hatte
Maria Kolesnikowa ohnehin nicht mehr, die waren alle verhaftet oder hatten ihre
Lizenzen verloren. Sprach man in jener Zeit mit Tatjana Chomitsch, merkte man
dieser unerschütterlich wirkenden Frau an, wie sie jedes Gerücht prüfte, sich
in Zuversicht übte, denn ihr ganzes Leben hatte sie der Rettung der Schwester
verschrieben. Doch manchmal entkam sie der Frage nicht, ob Maria noch am Leben
ist. Denn Kolesnikowa war in Haft schwer erkrankt, hatte drastisch an Gewicht
verloren, ein durchbrochenes Magengeschwür wurde notoperiert, sie landete auf
der Intensivstation
.

Und nun die
Bilder. Die Stimme. Das Lächeln. Das mit den Händen geformte Herz. Die ersten
Worte, mit denen sie an all die anderen erinnert, die noch in Straflagern
sitzen.

Ein Mensch
gerettet. Einer von 123, darunter so viele von Kolesnikowas politischen Weggefährten: der Anwalt Maxim Znak, der in seinem meisterhaften Werk die Hölle
des Gefängnisses in kurzen Notizen beschrieb, bis er in ebenjener Hölle vor
Jahren verschwand. Wie bei Kolesnikowa wusste niemand, ob er noch lebt. Oder Wiktor
Babariko
, ein Mäzen, den Kolesnikowa unterstützte, als er 2020 den Diktator
Alexander Lukaschenko herausforderte. Er wurde dafür ebenso wie sein Sohn
eingesperrt und zwischenzeitlich in Haft so übel zugerichtet, dass ein
Lungenflügel kollabierte. Oder Ales Beljazki, dieser stoische
Friedensnobelpreisträger, der sein Leben lang Freiheit vorlebte und deshalb so
oft im Gefängnis saß. So wie viele andere.

Die Freilassung kam nicht überraschend. In den
vergangenen anderthalb Jahren veränderte das Regime seinen politischen Kurs:
Lukaschenko begnadigte mehr als 450 Gefangene (während gleichzeitig Menschen weiterhin
festgenommen wurden), im Juni kam Sergej Tichanowski frei, Ehemann der belarussischen
Oppositionsführerin im Exil, Swetlana Tichanowskaja. Lukaschenko versuchte
damit, aus der politischen Isolation herauszufinden, in die er sich mit der
Gewalt gegen die Protestbewegung im Sommer 2020 hineinmanövrierte. Doch die
Freilassung an diesem Wochenende ist bislang die größte und bedeutendste: Die
meisten prominenten Oppositionellen sind nun frei. Der Schritt wurde von langer
Hand von der US-amerikanischen Seite vorbereitet.