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Die Drohnen fliegen schon im Hafen

Im Hamburger Hafen herrscht ständiges Gewusel, Carrierkräne und Gabelstapler fahren hin und her. Aber eine fremde Drohne über der Szenerie fällt auf. Solche Sichtungen sind noch nicht Alltag, aber sie kommen vor, bestätigen mehrere Sicherheitsbeamte, sowie ein großes Hafenunternehmen, gegenüber der ZEIT. Und es seien keine Drohnen aus dem Baumarkt, sondern die größeren Modelle. Geeignet, um damit eine Logistikkette, einen bestimmten Rüstungstransport, oder eine Werft auszuspionieren. 

Ob Russland dahintersteckt? Belegt ist das nicht, und bekannt ist auch, dass Drogenbanden inzwischen Drohnen einsetzen, um Container mit Schmuggelladungen von Kokain zu finden. Aber, so wird es im Rathaus ausgedrückt, „wir wären völlig naiv, die Gefahren durch fremde Mächte nicht zu sehen“. 

Hamburg sieht sich selbst gern als liberal und besonders friedfertig. Doch schon jetzt spielt die Rüstungsbranche in der Stadt eine größere Rolle, als gemeinhin bekannt. Und allein der Umstand, dass, wenn immer mehr Waffen, Waffenteile und Munition in Deutschland produziert werden, auch immer größere Mengen über den Hafen verschifft werden, lässt Hamburg stärker in den Fokus rücken. Die Bedrohung durch Drohnen sei darum gerade ein großes Thema, heißt es in Senatskreisen, man plane eine Gegenstrategie. 

Was bedeutet das alles für die Stadt, und für ihre Sicherheit?

Auf der Elbinsel Steinwerder, gegenüber den Landungsbrücken, hat Rüstung eine Tradition von 125 Jahren. Hier haben sie 1889 mit dem Bau des Kreuzers Condor begonnen, hier haben sie das mächtige Linienschiff „Kaiser Karl der Große“ 1899 vom Stapel laufen lassen und hier schweißten sie ab 1936 die Stahlplatten für die „Bismarck“ zusammen, ein gewaltiges Schlachtschiff, von der NS-Propaganda gefeiert. Heute ist die Großwerft Blohm + Voss die bekannteste Rüstungsschmiede der Hansestadt, neben
Airbus in Finkenwerder, das dort allerdings Zivilmaschinen baut. Blohm + Voss fertigt an der Elbe zahlreiche Fregatten und Korvetten, und setzt Schiffe der Marine instand. Seit 2021 gehört die Hamburger Institution zur Bremer Lürssen-Gruppe, genauer, zur Rüstungssparte „Naval Vessel Lürssen“, kurz NVL.

Besonders Über- und Unterwasserdrohnen sind gerade gefragt, auch in Hamburg sollen sie gebaut werden

In der vergangenen Woche nun kamen Gerüchte auf, Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall prüfe eine Übernahme der Werft. Ein Sprecher will das gegenüber der ZEIT nicht kommentieren, und auch keine Fragen dazu beantworten, welche Rolle Hamburg momentan für Rheinmetall spielt. Die Marineführung, immerhin einer der wichtigsten Kunden von NVL, will zu einer möglichen Übernahme ebenfalls nichts sagen, und bei NVL heißt es knapp: „Zu Spekulationen äußern wir uns grundsätzlich nicht öffentlich.“ 

Für das Unternehmen mit Sitz in Bremen wäre es allerdings ein überraschender Zeitpunkt, sich von der Werft zu trennen. Denn die Rüstungsbranche brummt, die Auftragsbücher der meisten Unternehmen sind voll. Geheimdienste und Militärs warnen, dass Russland ab 2029 in der Lage sei, die NATO in Europa militärisch zu bedrohen. Das Regime in Moskau rüstet gewaltig auf, weit über dem Bedarf, den der brutale Krieg in der Ukraine erforderlich macht. Darauf reagiert der Westen: Vor wenigen Wochen haben die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten beschlossen, künftig 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Streitkräfte ausgeben zu wollen. 

Davon profitieren die Marinen, die neue Kriegsschiffe und Spezialboote erhalten sollen. Auch unbemannte schwimmende und tauchende Systeme – genannt Über- und Unterwasserdrohnen – sind stark gefragt. NVL will in diesen Markt einsteigen. In Hamburg sollen solche Boote künftig gebaut werden, etwa für Patrouillendienste auf der Ostsee und die Überwachung von Pipelines am Meeresboden. Dazu hat NVL mit dem britischen Bootsbauer Kraken gerade ein gemeinsames Unternehmen gegründet. „Das deutsch-britische Joint Venture plant den schnellen Aufbau von Produktionskapazitäten für autonome Überwasserdrohnen am NVL-Standort Blohm + Voss in Hamburg“, teilt die Bremer Gruppe im August mit. Das klingt nicht nach Verkaufsabsichten.

Welche Bedeutung Blohm + Voss hat, zeigte sich an einem regnerischen Tag im Juli. In einem ihrer Werftgebäude versammelten sich Vertreter der Agentur für Arbeit, des Unternehmens und der Bundeswehr. Reinhold Wellen, operativer Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, und Oberstleutnant Jörn Plischke vom Landeskommando stellten ihre Pläne für die Übung „Red Storm Bravo“ vor, mit der sie Ende September in Hamburg gemeinsam mit Unternehmen üben wollen, was deren jeweilige Aufgabe im Verteidigungsfall sein wird. Blohm + Voss wird dabei einer der wichtigsten Partner aus der Wirtschaft sein. Die Werksfeuerwehr trainiert bei der Übung, wie sie Brände bekämpfen kann und ein Stab plant – was also passieren muss, wenn der Verteidigungsfall ausgerufen wird. Auch die anderen Rüstungsunternehmen sollten sich darauf vorbereiten, heißt es bei der Bundeswehr.