Die Biathlon-WM in Lenzerheide (Schweiz) ist auf der Zielgeraden (bis 23.2.). In BILD spricht Olympiasiegerin Andrea Henkel (47) über das deutsche Team, den amerikanischen Shootingstar Campbell Wright, über ihr Leben in den USA mit Ehemann Tim Burke (43) – und ihren neuen gemeinsamen Lieblingssport.

BILD: Wie ist das bei Ihnen zu Hause? Beide ehemalige Biathleten. Gibt es Wettkämpfe zwischen Ihnen?

Andrea Henkel: Nein, wir machen keine Wettkämpfe mehr.

Trainieren Sie zusammen?

Ja, wir gehen zusammen laufen mit unseren Hunden.

Aber nicht mehr mit Schießen?

Nee! Also jagen vielleicht. Dann schießen wir auch.

Haben Sie einen Jagdschein?

Ja, ich habe in den USA einen gemacht.

Worauf schießen Sie denn?

Auf Vögel, Waldschnepfen. So eine Art Auerhahn. Das ist relativ limitiert und es ist auch keine Garantie, dass man da loszieht und dann einen Vogel hat am Ende vom Tag. Fasane gibt es auch.

Ist die Treffsicherheit noch so gut wie damals am Schießstand?

Das ist ein anderes Schießen. Es bewegt sich. Man muss auch sehr reaktiv sein. Es geht auch eher darum, im Wald zu sein, umherzulaufen, zusammen mit unseren Hunden.

Das klingt sehr naturverbunden …

Wir wohnen ja auch mitten im Wald.

Manchmal ein Bär im Garten

Sie haben ein Haus gebaut. Wo genau?

Lake Placid ist ungefähr zehn Minuten entfernt. Also es ist nicht einsam. Wir wohnen zwischen Lake Placid und dem Biathlon-Stadion. Sobald man außerhalb vom Ort wohnt, wohnt man im Wald. Aber nicht nur wir.

Haben Sie noch mehr Tiere außer den Hunden?

Nein, nur Heidi und Frieda. Und ab und zu einen Bären im Garten. Aber das passiert nicht oft.

Woher kommt die Leidenschaft fürs Jagen, für die Natur?

Tim ist so groß geworden: Jagen, Fischen, Hund. Und das ist seine Leidenschaft. Auch zum Abschalten, zum Beispiel beim ­Fliegenfischen.

Was ist eine deutsche Eigenschaft, die Sie mit in die USA genommen haben?

Also ich persönlich muss immer pünktlich sein. Ich glaube, ich bin entspannter da drüben, vor allem, wenn es darum geht. Aber ich selbst muss pünktlich sein. Und wir haben europäische Fenster in unserem Haus. Also nicht diese, die man hochschiebt wie in Amerika.

Wie nah sind Sie noch dran am deutschen Team?

Also wenn ich mal alle wiedersehe, die damals auch noch dabei waren oder schon dabei waren – das ist schön. Mit der Franzi (Preuß; d.Red.) texte ich gelegentlich.

Und beim Team der USA?

Ich habe keine offizielle Rolle. Und wir versuchen das auch in Tims Bereich und meinen Bereich zu trennen. Aber es sind ja viele Lehrgänge im Sommer in Lake Placid. Also, ich kenne die Athleten. Und wenn da mal jemand eine Frage hat, dann bin ich auch immer offen dafür. Tim fragt auch manchmal, ob ich vorbeikommen kann und ein paar Medaillen und Pokale zeigen kann. Und ein paar Geschichten dazu erzählen. Manchmal mache ich auch eine alternative Trainingseinheit: Was man eigentlich mit dem Körper alles so machen kann, anstatt nur geradeaus zu laufen.

Wie sehen Sie die deutsche Mannschaft aktuell?

Mehrere Mädels können vorne reinlaufen, nicht nur eine. Und dann kommen auch junge nach. Ich denke mal, bei den Frauen sieht es gut aus (Anm. d. Red.: Franziska Preuß holte Gold in der Verfolgung und Silber im Sprint, die Mixed-Staffel Bronze, Stand: 19.2.).

Und bei den Männern?

Die laufen gut. Und das ist immer eine gute Grundlage, um dann auch vorn zu sein. Es ist natürlich so, dass die Norweger und Franzosen dominieren.

Wie groß ist die Begeisterung für Biathlon in den USA?

Es gibt Biathlon-Zentren in allen Bundesstaaten, wo auch Schnee ist. Es gibt dann auch irgendwo ­einen Schießstand. Und es gibt ganz viele Langläufer. Man braucht natürlich auch immer Galionsfiguren. Die Amerikaner schauen meistens hauptsächlich auf die Olympischen Spiele und alles zwischendrin wird ignoriert.

Kann Campbell Wright, der als erster US-Athlet in dieser Sportart zweimal WM-Silber holte, einen Biathlon-Boom in den USA auslösen?

Ja, er ist noch jung und ihm selbst ist wichtig, nicht einfach nur in der Mannschaft zu sein, sondern auch vorn dabei zu sein.

Der nächste Weltcup-Winter im Biathlon, also der olympische Winter, soll mit einem Wettbewerb im Münchner Olympiapark starten. Im Oktober auf Ski-Rollern. Eine gute Idee?

Es hat bestimmt alles ein Für und Wider. Für die europäischen Mannschaften ist es sicherlich machbar. Aber für Mannschaften von anderen Kontinenten wird es schwierig, für genau dieses Event nach Europa zu kommen und dann wieder zurückzugehen. Grundsätzlich ist es schon attraktiv, in München ein Event zu haben und den Sport noch mehr an die Menschen heranzubringen.

Wenn Sie Rennen sehen, Weltcups in Deutschland, die WM – juckt es da noch, dabeizusein?

Ich weiß ja, dass ich nicht da in dem Bereich laufen würde, wo man jubelt. Also von dem her hält sich das in Grenzen mit dem Jucken. Was ich am meisten vermisse, ist eher die ganze Struktur. Das Athletenleben ist ja eigentlich relativ simpel: Man hat seine Helfer, man hat sein Team um sich rum, die sich immer kümmern. Und wenn man dann rauskommt aus dieser Welt, ist man dann wirklich auf sich gestellt. Mir war auch bewusst, dass ich danach direkt was brauche, um dann nicht nur mal kurz Urlaub zu machen.

Sind Sie auch froh, manche Dinge nicht mehr machen zu müssen?

Müssen müsste ich ja sowieso nicht. Ich wollte irgendwann nicht mehr so viel reisen. Aber ich habe es ja auch ausgereizt mit meinen 36 Jahren damals. Solange, wie es ging, kann ich sagen.

Sie haben aber auch auf Reisen immer Laufschuhe dabei. Sind Sie noch voll im Training?

Ich bewege mich schon viel, aber eher so zum Wohlfühlen. Es fühlt sich jetzt schon komisch an, wenn man nicht mehr so kann, wie man mal konnte. Ich brauche schon meine Bewegung, meine Frischluft. Aber wenn das jetzt mal einen Tag nicht ist, dann ist das auch okay.