„Zwei-Klassen-Rente droht“ – Verbraucherschützer fordern Nachbesserungen bei Frühstartrente
Verbraucherschützer fordern Änderungen an den Plänen der neuen staatlichen Altersvorsorge für Kinder. „Die Politik muss bei der Frühstartrente dringend nachbessern, damit alle Kinder gleichermaßen profitieren“, sagt Dorothea Mohn, Finanzexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv, gegenüber WELT AM SONNTAG.
Es sei zwar grundsätzlich eine gute Idee, allen ab 2020 Geborenen – dazu gehören viele der angehenden Erstklässler – ein staatlich finanziertes Startkapital für die Altersvorsorge zukommen zu lassen. Jedes Kind benötige allerdings von Beginn an ein eigenes Vorsorgekonto. Nur so lasse sich das mit dem Gesetz verbundene Bildungsziel erreichen, dass Kinder aus eigener Anschauung ein Verständnis für das Auf und Ab an den Börsen entwickeln.
Künftig soll jedes Kind vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro vom Staat für die Anlage am Kapitalmarkt erhalten. Innerhalb der zwölf Jahre addieren sich die staatlichen Einzahlungen auf 1440 Euro. Bei einer jährlichen Rendite von sechs Prozent am Aktienmarkt werden daraus bis zur Volljährigkeit knapp 2100 Euro. Losgehen soll es 2027.
Ausgezahlt wird nach dem 65. Geburtstag
Den Anfang macht der Geburtsjahrgang 2020: Für Kinder, die 2026 sechs Jahre alt geworden sind oder noch werden, gibt es die staatliche Förderung rückwirkend zum 1. Januar 2026. Von 2027 kommt jährlich der Jahrgang der dann Sechsjährigen dazu. Der entsprechende Gesetzentwurf soll am 12. August vom Bundeskabinett auf den Weg gebracht und im Herbst vom Bundestag beschlossen werden.
Für Kinder von Eltern, die keines der zertifizierten Altersvorsorgedepots bei einem privaten Anbieter wählen, legt der Staat das Geld zunächst über die Bundesbank an der Börse an. Die Ansprüche können danach immer noch bis zum 25. Lebensjahr in ein eigenes Altersvorsorgedepot überführt werden. Ausgezahlt werden darf das geförderte Kapital erst nach Vollendung des 65. Lebensjahres. Die Erträge sind bis dahin steuerfrei.
Das Problem aus Sicht der Verbraucherschützer ist: Wenn ein Kind nicht weiß, dass der Staat monatlich zehn Euro an den Aktienmärkten anlegt, und es den monatlichen Aufwuchs nicht in seinem eigenen Depot verfolgen kann, verpufft der angestrebte Bildungseffekt. Kritisch sehen die Verbraucherschützer in dem Zusammenhang auch, dass Eltern, Paten und Großeltern pro Jahr bis zu 6840 Euro zusätzlich in das Altersvorsorgedepot einzahlen können.
Würden in der Schule die Kontostände verglichen, würden bereits in jungen Jahren erhebliche Vermögensunterschiede sichtbar. „Die Frühstartrente droht zur Zwei-Klassen-Rente für Kinder zu werden, wenn nur Familien mit ausreichend Geld und Finanzwissen das volle Potenzial ausschöpfen können“, sagt Mohn.
In die gleiche Richtung gehen Einwände der Fondsbranche. „Die staatliche Auffanglösung für Kinder, deren Eltern kein Produkt auswählen, widerspricht dem Ziel der Finanzbildung“, sagt Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbandes BVI. Wer den Staat für sich anlegen lasse, beschäftige sich nicht selbst mit der Kapitalanlage und lerne nichts hinzu.
Die Bundesregierung geht im Gesetzentwurf davon aus, dass von den 700.000 Kindern, die jährlich geboren werden, rund 500.000 ein individuelles Depot haben werden. Demnach würden für knapp 30 Prozent der Sechsjährigen die zehn Euro zunächst bei der Bundesbank landen und dort kollektiv verwaltet. Laut Gesetzentwurf sind für die Frühstartrente im nächsten Jahr 198 Millionen Euro reserviert. 2030 sollen die Ausgaben mit den zusätzlichen Jahrgängen dann schon bei 411 Millionen Euro liegen.
Am Ende wird der erhoffte Bildungseffekt hauptsächlich von zwei Faktoren abhängen: Zum einen davon, wie offensiv die zehn Euro Startkapital im Monat von der Politik selbst und den Banken beworben werden. Viele Institute bereiten sich seit Monaten mit neuen Angeboten auf den Starttermin vor. Zum anderen davon, wie Schulen und Lehrer das Thema Frühstartrente in den Unterricht einbauen – und ob überhaupt.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.