Zwei Frauen, eine Mission
Was bisher geschah, zu erklären, wäre bei einem normalen Sonntagabendkrimi völlig egal. Wären wir im „Tatort“-Dezernat von Dortmund oder in Saarbrücken. Da wird der Horizont der horizontalen Erzählung ständig weiter aufgezogen, werden die Vor- und Nebengeschichten der Kommissare ständig weitergeschrieben. Da kümmert sich kein Mensch darum, jedem Seiteneinsteiger zu erklären, wer wie und warum mit wem zusammenhängt. Oder gerade nicht.
Da funktionieren Fälle auch ohne Ortskenntnis. Warum die zentrale Sonntagabendkrimi-Koordinationsstelle im Fall des Beginns einer neuen Ära des Kieler „Tatort“ nicht tat, was sie durchaus schon mal getan hat, nämlich zwei zusammengehörende Fälle, die man nicht versteht, wenn man nicht beide gesehen hat, an einem Abend zu versenden, bleibt wohl ein ewiges Welträtsel.
Hat sie aber. Und jetzt müssen wir hier, bevor wir zum Eigentlichen kommen können, erklären, was bisher geschah. Besser: Was vor „Unter Feinden“ geschah. Weil „Unter Feinden“ erzählt, wie es nach „Unter Freunden“, dem Fall, der vergangenen Sonntag an einem Kliff an der Kieler Förde hängen geblieben war, weitergeht.
Wir schreiben den ersten Herbst ohne Axel Milberg, der Kommissar Klaus Borowski war. Der Mann, für den in Kiel ein „Tatort“-Kommissariat eröffnet wurde und der jetzt seit anderthalb Jahren in Rente ist oder in der Justizvollzugsanstalt an der Förde einsitzt oder beides. Ganz genau weiß man das nicht, weil Borowski, der 44 Fälle lang dem Kieler „Tatort“ seinen Namen gab, mit keiner Silbe mehr erwähnt wird.
Mila Sahin (Almila Bagriacik), die letzte Überlebende des Abnutzungskampfes zwischen Borowski, dem von Einsamkeit umwehten Nordic-Noir-Veteranen, und all seinen kriminalistischen Zugehfrauen, musste sich – das war die Aufgabe von „Unter Freunden“, dem ersten Teil des von Lars Kraume geschriebenen und gefilmten Auftakts der neuen Kieler Ära – in dem Post-Borowski-Vakuum erstmal zurechtfinden. Und ganz langsam an ihre neue Kollegin gewöhnen.
Schneeweißchen und Rosenrot
Elli Krieger (Karoline Schuch) heißt die, ist Kriminalpsychologin und hatte in „Unter Freunden“ nicht sehr viel mehr zu tun, als sich mit Sahin so um die Mitte ihres ersten „Tatort“ herum ein sehr bemerkenswertes Dialogduell zu liefern. Das muss man unbedingt nachschauen, weil es sozusagen den Kern der beiden Figuren erklärt, die wie Schneeweißchen und Rosenrot aufeinander losgelassen werden: die extrovertierte, emotionale, immer nah an der Grenze zur Explosion herumtanzende Sahin und die stille, beobachtende Krieger, die Menschen und Geschichten immer von innen heraus verstehen will.
Der Fall, der in „Unter Feinden“ forterzählt wird, ist folgender: Eine Frau liegt tot am Ufer der Förde. Sie war Buchhalterin bei Prometheus, dem Stern am Kieler Start-up-Himmel. Es forscht an ultrascharfen Objektiven für den Einsatz im Weltraum. „See beyond“ heißt ihr Slogan. Was sich Sahin und Krieger im Folgenden zu Herzen nehmen. Der höchst verdächtige Lebenspartner der Frau ist auch bald tot.
Wir wissen, wer es war – der Prometheus-Sicherheitschef Franco Steiner (Sascha Geršak in einer Rolle, deren mangelnde Doppelbödigkeit nicht mal er überspielen kann). Und Jan Kuper, Sahins Kollege aus der Wirtschaftsabteilung des LKA. Den hatte Sahin gebeten, ihr bei der Durchsicht der Prometheus-Finanzen zu helfen. Dass sie damit den Bock zum Gärtner machte, konnte sie nicht ahnen. Kuper ist ein ganz ein korrupter. Und Prometheus finanziert sich mit seiner Hilfe und seiner Vorbildung aus dem Hamburger Rotlichtmilieu neben betrügerisch eingefahrenen EU-Fördermitteln vor allem durch Mafia-Millionen.
Sven Schelker ist Jan Kuper, und er ist fantastisch in seiner tänzerischen Bösartigkeit, seiner zersetzenden Coolness. Was er mit Lilith Stangenberg veranstaltet in „Unter Freunden“ ist bei allem, was man der ersten Geschichte der Sahin-Krieger-Ära vorwerfen kann, schon allein einen beherzten Gang in die ARD-Mediathek wert. Lilith Stangenberg, die Weltmeisterin der fiebrigen Figuren, ist Anna Nowak. Die kommt aus Berlin, ist Sahins ehemals beste Freundin, süchtig, flickerig, nervös. Mit Kuper führt sie einen Bienentanz auf, der einen mitreißt und an dessen Ende sie natürlich tot ist.
Mit ihren letzten Minuten fängt „Unter Feinden“ an. Es ist Herbst an einem See. Blätter fallen. Der letzte schwarze Schmetterling des Sommers flattert herum in einer Hütte. Kuper gibt Nowak ein Döschen mit Drogen. Sie schauen sich an. Sie weiß, was kommt. Das Kokain ist Heroin. Er sieht ihr beim Sterben zu. Dann kommt Sahin zum See und schreit. Und hat eine Mission.
Die Geschichte vom angeblichen Drogentod glaubt sie nicht. Sie verbeißt sich – das ist wohl das Erzählmuster der kommenden Kieler „Tatort“-Jahre – in die Ermittlung, und Krieger, die Zögerliche, reißt sie mit. „Unter Freunden“ war ein Polizeithriller – es ging um Korruption und Korpsgeist und Karriere im männlich dominierten Apparat –, „Unter Feinden“ ist ein Mafiathriller.
Der Obermafioso Luca Pelosi reitet mit zwei schwarzen panzerförmigen SUVs in Kiel ein. Das Gemorde ist ihm zu viel. Er will das Geld von Prometheus zurück. Er lädt Steiner zum Mittagsmahl in eine Pizzeria. „Der Pate“ grüßt freundlich aus der Filmgeschichte. Dass nicht alle das Gelage, das von Klischees trieft wie Bruschetta von Olivenöl, überleben, ist klar.
Es kommt, wie es kommen muss. „Prometheus“ stirbt, Sahin liefert sich auf der Jagd nach Kuper ein Duell mit ihrem neuen und doch ziemlich klischiert fiesen Chef (der Kupers Vorgesetzter war), von dem man hofft, dass es so nicht die nächsten Jahre weitergeht. Kiels ästhetische Gleichschaltung mit anderen „Tatort“-Metropolen schreitet voran. Es gibt einen hübschen Showdown. Wer bisher noch nicht Mitglied des wahrscheinlich noch zu gründenden Sven-Schelker-Fanclubs ist, muss den Mann tanzen sehen in Kupers Bude – verzückt von sich selbst, verloren, tödlich zerbrechlich. Mal schauen, wer die entsetzliche Lücke schließt, die sein Abgang am Ende reißt.