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Toledo (Spanien) – Eine Zugfahrt endet in einer Katastrophe: Mindestens 69 Menschen verlieren ihr Leben, mehr als 200 werden verletzt. Jetzt verdichten sich die Hinweise auf eine verhängnisvolle Fehlerkette. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht ein Sicherheitssystem, das auch in Deutschland eingesetzt wird: die sogenannte linienförmige Zugbeeinflussung (LZB).

Am Mittwochmorgen war nahe Urda, rund 130 Kilometer südlich von Madrid, ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe auf einen stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo geprallt. Nach ersten Schätzungen kam es bei Tempo 160 bis 200 zu dem Zugunglück.

Was ist die LZB – und warum ist sie so wichtig?

Die linienförmige Zugbeeinflussung ist ein automatisches Zugsicherungssystem für Lokführer. Sie überwacht während der Fahrt ständig, wie schnell ein Zug fahren darf und wann er bremsen muss. Wird es gefährlich, kann das System automatisch eine Bremsung auslösen.

Besonders bei Hochgeschwindigkeitszügen ist das entscheidend: Wer mit Tempo 200 unterwegs ist, kann sich nicht allein darauf verlassen, rechtzeitig ein Signal am Gleis zu erkennen. Doch genau dieses Sicherheitssystem fiel offenbar am Unglücksmorgen gegen 8.30 Uhr auf einem rund 63 Kilometer langen Streckenabschnitt aus. Mehrere Züge mussten stoppen. Anschließend übernahm die Leitstelle in Madrid die Steuerung des Verkehrs.

Durfte der Zug überhaupt weiterfahren?

Hier dürfte die entscheidende Frage der Ermittler liegen: Warum erhielt der Renfe-Zug die Erlaubnis zur Weiterfahrt, obwohl der Iryo-Zug vor ihm noch auf demselben Gleis stand? Die Tageszeitung „El Mundo“ berichtet, dass ein Mitarbeiter der Leitstelle den Renfe-Lokführer um 8.36 Uhr angewiesen habe, das System neu zu starten und mit einem alternativen Sicherungssystem weiterzufahren.

Der Iryo-Zug konnte dagegen nicht wieder anfahren. Sein Lokführer meldete der Leitstelle, dass die LZB weiterhin nicht funktioniere. Um 8.53 Uhr kam es zur Katastrophe. Ob der technische Ausfall, eine falsche Entscheidung in der Leitstelle oder das Zusammenspiel mehrerer Fehler den Zusammenstoß verursachte, ist noch ungeklärt. Der betreffende Leitstellen-Mitarbeiter verweigerte bei der Polizei zunächst die Aussage.

Chef von Bahn-Betreiber wies vorher auf Probleme hin

Besonders brisant: Bereits am 5. Oktober hatte Iryo-Chef Fabrizio Favara vor einem Untersuchungsausschuss des spanischen Senats auf wiederholte LZB-Störungen hingewiesen. Er bezeichnete es laut Sitzungsprotokoll als „zwar sicheres, aber recht altes System“. Favara weiter: „Jedes Mal, wenn das Zugsignal den Kontakt zum Bodensignal verliert, hält der Zug an. Er kann sich nicht bewegen, und es dauert eine Weile, bis die Verbindung wiederhergestellt und der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.“

Nur 23 Tage später ereignete sich das Unglück. Ob die damals beschriebenen Probleme mit dem konkreten Ausfall zusammenhängen, müssen die Ermittler klären.

Gibt es dieses Sicherheitssystem auch in Deutschland?

Die linienförmige Zugbeeinflussung wurde von Siemens & Halske und der Deutschen Bundesbahn entwickelt, der Prototyp wurde 1963 getestet.

Die Deutsche Bahn bestätigte auf BILD-Anfrage, dass die LZB auf ausgewählten Schnellfahrstrecken auch in Deutschland eingesetzt wird, insbesondere bei Geschwindigkeiten über 160 km/h. Daneben gibt es in Deutschland die punktförmige Zugbeeinflussung (PZB), die Züge an bestimmten Stellen überwacht und bei gefährlichen Regelverstößen automatisch bremsen kann. Langfristig werden ältere Systeme zunehmend durch das europaweit einheitliche European Train Control System (ETCS) ersetzt.

Wichtig: Ein LZB-Ausfall bedeutet nicht automatisch, dass ein Zug ungesichert weiterfahren darf. Für solche Störungen gibt es besondere Vorschriften und alternative Sicherungsverfahren. Wie oft es auch in Deutschland zu LZB‑Ausfällen kommt, ist nicht bekannt.

Ermittler suchen nach der Ursache

Die Fahrdatenschreiber beider Unglückszüge wurden inzwischen sichergestellt. Ihre Auswertung soll klären, welche Befehle erteilt wurden, wie schnell die Züge tatsächlich fuhren und welche Sicherheitssysteme aktiv waren.

Die Suche nach Opfern ist inzwischen beendet. Doch die Behörden befürchten, dass die Zahl der Toten noch steigen könnte. Zahlreiche menschliche Überreste müssen erst identifiziert werden.