Zahl der Vermissten im Himalaja steigt auf mehr als 1300 – China warnt vor weiteren Fluten
Die verheerende Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und China hat eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Mehr als 1300 Menschen werden inzwischen vermisst. Allein in Nepal stieg die Zahl dem örtlichen Katastrophenschutz zufolge auf 826, darunter fast 580 Touristen. Mindestens 353 Menschen kamen den Angaben der Polizei zufolge ums Leben.
Viele Tote wurden demnach viele Kilometer flussabwärts an der Grenze zu Indien entdeckt – sie waren am Mittwoch offenbar von den Fluten extrem weit mitgerissen worden. Ein Polizeisprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass oft nur noch Leichenteile gefunden wurden.
Die Zahl der Vermissten auf chinesischer Seite hatte sich zuvor bereits auf mehr als 550 Menschen verdoppelt, darunter 260 Ausländer, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete. Chinas Staatsmedien meldeten bislang nur drei Todesopfer in dem betroffenen Kreis in Tibet.
China warnt vor Risiko eines Dammbruchs
Chinas Behörden befürchten sogar mögliche weitere Fluten. Auf nepalesischer Seite habe sich an einer Flussmündung ein Stausee gebildet, berichtete das chinesische Staatsfernsehen unter Berufung auf das Ministerium für Wasserressourcen, es bestehe das Risiko eines Dammbruchs.
In dem neuen See hätten sich bereits zwei Millionen Kubikmeter Wasser gesammelt, weitere drei Millionen Kubikmeter könnten hinzukommen. Der See sei auch schon übergelaufen, hieß es.
Im Staatsfernsehen liefen Aufnahmen aus der Luft, die den See zeigten. Dieser soll nahe dem von der Sturzflut dramatisch überspülten Grenzposten Gyirong, doch noch auf dem Gebiet Nepals liegen. Die Behörden überwachten die Lage weiter und führten Berechnungen durch, hieß es.
Das erhöhte Risiko schließt sich damit an die ohnehin schwierigen Rettungsarbeiten an. Die betroffene Gebirgsgegend entlang der dortigen Flüsse ist schwer zugänglich. Chinas Rettungsmannschaften waren zunächst nach der Flut nur aus der Luft oder mit langen Autofahren an den von Schlammmassen eingeschlossenen Grenzübergang Gyirong herangekommen.
Das ganze Ausmaß der Zerstörung – auch Deutsche werden vermisst
Bilder und Videos aus dem Gebiet im Himalaja legten ein erschreckendes Ausmaß der Zerstörung nahe. Es ist davon auszugehen, dass die Opferzahlen weiter steigen. Den Behörden in Nepal zufolge waren hier mehr als 7400 Retter im Einsatz. Fast 240 Menschen konnten bisher lebend mit Helikoptern geborgen werden.
Der Chef der nepalesischen Touristenpolizei, Bishow Raj Adhikari, bestätigte der dpa, Hunderte Touristen seien bislang nicht erreichbar. Nach Angaben der nationalen Tourismusorganisation Nepal Tourism Board befinden sich darunter acht deutsche Staatsangehörige und eine Person aus der Schweiz.
Die Mehrheit der Vermissten seien Inder, zudem seien 65 Menschen aus den USA und 33 aus Großbritannien darunter, so die Behörde. Das Auswärtige Amt hatte auf Anfrage am Mittwoch erklärt, bislang keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen zu haben.
Die Rettungskräfte in den Katastrophengebieten beider Länder suchten derweil am Tag nach dem Unglück weiter mit Hochdruck nach Verschütteten. Weitere 111 Profiretter der Feuerwehr erreichten am Vormittag (Ortszeit) den Flughafen in Tingri, im Südwesten Tibets, um von dort ins Katastrophengebiet aufzubrechen, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete.
Die dicken Schlammmassen am dramatisch überspülten Grenzübergang Gyirong erschwerten aber die Rettungsarbeiten. Die Geröll- und Schlammlawinen haben zudem die Straßen für schweres Gerät und große Fahrzeuge unpassierbar gemacht und die Kommunikationsnetze teilweise zusammenbrechen lassen.
Am Mittwoch hatten gewaltige Schlamm- und Gesteinsmassen in der Gebirgsregion zwischen Nepal und dem Südwesten Tibets entlang des Flusses Bhotekoshi bis nach Zentralnepal hinein eine Schneise der Verwüstung geschlagen.
Die Flut riss Brücken mit sich, beschädigte Staudämme und ließ Häuser in Sekundenschnelle im Schlamm versinken, wie dramatische Videoaufnahmen zeigten. Der Moment des Unglücks wirkte wie aus einem Katastrophenfilm.
Australiens Ministerpräsident Anthony Albanese sprach auf X von einer unbekannten Anzahl australischer Staatsbürger in der Region. „Nepal ist ein Entwicklungsland. Es verfügt nicht über die Ressourcen, die in Australien für ein solches Ereignis zur Verfügung stünden. Daher ist die Informationsbeschaffung schwierig“, zitierten ihn australische Medien. Nach Informationen der Regierung in Canberra werden mindestens 34 Australier vermisst.
Die USA sagten Nepal Hilfe mit Notunterkünften, frischem Wasser und anderen Hilfsgütern zu. Insgesamt belaufe sich die Katastrophenhilfe auf 500.000 US-Dollar (rund 430.000 Euro), teilte das Außenministerium mit.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach, europäische Unterstützung zu mobilisieren. Der Erdbeobachtungsdienst Copernicus sei zur Kartografierung der betroffenen Gebiete aktiviert worden, schrieb sie auf X.
Aus dem Ausland kamen zahlreiche Beileidsbekundungen. Deutschlands Außenminister Johann Wadephul (CDU) sprach den Betroffenen und Rettungskräften auf X sein Mitgefühl aus. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) signalisierte Nepal Deutschlands Bereitschaft für Unterstützung. UN-Generalsekretär António Guterres sagte der Regierung in Nepal Hilfe durch Teams der Vereinten Nationen zu.
Unter den Vermissten sind nach Angaben von Nepals Tourismusorganisation Nepal Tourism Board auch US-Bürger, Inder und Briten. Die betroffene Region gilt als beliebtes Wandergebiet und Ziel von buddhistischen und hinduistischen Pilgern, die über Nepal zum heiligen Berg Kailash in Tibet wollen.
Bereits vor einem Jahr hat eine schwere Flut in dem Gebiet Menschen getötet und eine Brücke zerstört. Laut nepalesischen Medien hatte sich im Juli 2025 am Oberlauf des Lhende-Flusses in Tibet ein Gletschersee plötzlich in den Bhotekoshi-Fluss ergossen.
Suche nach der Ursache
Was die Flutwelle diesmal auslöste, wird noch untersucht. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutete jedoch nach ersten Analysen von Satellitenbildern, eine Gletscherlawine könnte zunächst einen Zufluss des Bhotekoshi blockiert haben, der im Hochland von Tibet entspringt, wie die „Kathmandu Post“ berichtete. Dadurch habe sich ein vorübergehender See gebildet, der anschließend über die Ufer getreten sei. Eine Flut aus Wasser, Eis und Geröll sei dann flussabwärts niedergegangen.
Die US-Erdbebenwarte USGS erklärte, in der Grenzregion zu Tibet seien durch einen Erdrutsch am Morgen (Ortszeit) Erschütterungen der Stärke 5,2 verzeichnet worden. Zunächst sei man von einem Erdbeben ausgegangen. Zusätzliche Analysen deuteten allerdings darauf hin, „dass die seismische Energie stattdessen durch einen Gletscherabbruch und Schuttfluss erzeugt wurde“, teilte die USGS mit.