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Moskau – Tote heißen „200er“, Verwundete „300er“, Deserteure „500er“. In Putins Armee hat sich eine eigene Sprache des Grauens entwickelt – und eine neue Sammlung enthüllt, wie systematisch die Entmenschlichung in Putins Armee funktioniert.

Grundlage sind 6739 Beschwerden russischer Soldaten und ihrer Angehörigen an Russlands sogenannte Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa (71). Das Exilmedium „Echo“ ließ die Dokumente von der Anthropologin Alexandra Archipova (49) und dem Psychologen Jurij Lapshin (54) auswerten. Das Ergebnis: das „Ethnografische Wörterbuch des Krieges“ mit 77 Einträgen aus der Sprachwelt von Putins Armee.

BILD hat die erschreckendsten Begriffe aus dem Wörterbuch zusammengetragen:

  • „Nullung“: Vor dem Krieg stand der Begriff für das Zurücksetzen eines Computers. Heute beschreibt er laut Wörterbuch die mutmaßliche Tötung eines Soldaten durch eigene Kameraden oder Vorgesetzte. Betroffene berichten außerdem von Drohungen, „genullt“ zu werden, wenn sie sich Befehlen widersetzten, um Urlaub baten oder ihre Bankkarte samt PIN nicht herausgaben.
  • 200er“, „300er“, „500er“: Gefallene werden zu „200ern“, Verwundete zu „300ern“, Deserteure zu „500ern“.
  • „Fleischsturm“: Gemeint sind Angriffe mit besonders hohen Verlusten. Laut den ausgewerteten Beschwerden werden immer wieder neue Soldaten gegen dieselben Stellungen geschickt, bis eine Position tatsächlich eingenommen ist.
  • „Grube“/„Keller“: Hinter dem harmlos klingenden Wort verbirgt sich laut zahlreichen Beschwerden ein inoffizielles Strafgefängnis innerhalb von Militäreinheiten. Ehemalige Soldaten berichten von Schlägen, Elektroschocks, Demütigungen und tagelanger Haft in mit Gittern abgedeckten Erdgruben.
  • „Sonderkontingent“: Bürokratischer Begriff für ehemalige Strafgefangene im Militärdienst.
  • „Schmutziger Himmel“: So nennen Soldaten einen Himmel, der permanent von Drohnen überwacht wird. Gemeint ist ein Zustand ständiger Bedrohung.
  • „Übergang in die Unsterblichkeit“: Einer der pathetischsten Begriffe des Lexikons. Gemeint ist schlicht der Tod eines Soldaten, der durch heroische Sprache verklärt wird.

Hochzeit für die Todes-Prämie

Eines der wohl verstörendsten Wörter des Lexikons ist die „Schwarze Witwe“. Der Begriff bezeichnet Frauen, die gezielt Soldaten heiraten, um später von deren Sold, Prämien oder Todesfallleistungen zu profitieren. Das Wörterbuch schildert mehrere Fälle, in denen Männer zur Vertragsunterzeichnung gedrängt, mit ihnen unbekannten Frauen verheiratet und kurz darauf an die Front geschickt worden sein sollen. In einem dokumentierten Fall soll eine Frau sogar öffentlich damit geprahlt haben, dass sie durch die Kriegszahlungen Millionen Rubel erhalte und sich im Todesfall ihres Mannes ein Haus kaufen könne.