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Wird Meta jetzt zum Casino? Was hinter den Zocker-Plänen von Mark Zuckerberg steckt

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Mark Zuckerberg hat einen Trend entdeckt – wieder einmal, nachdem andere ihm zuvorgekommen sind. Als Kurzvideos auf TikTok explodierten, baute der Meta-Chef Reels. Als viele Nutzer Twitter verließen, kam Threads. Als Dating-Apps florierten, launchte er Facebook Dating. Und nun, da das Online-Wetten boomt, steigt der 42-Jährige mit ein paar Jahren Verspätung ebenfalls ins Geschäft ein.

Intern heißt das Projekt „Arena“, und es soll eine App werden, die mit Anbietern wie Polymarket und Kalshi konkurriert: Plattformen, auf denen Nutzer in Echtzeit darauf tippen können, wer die nächste Wahl gewinnt, ob die FED die Zinsen senkt oder, ob Donald Trump in der nächsten Woche McDonald’s in einer Rede erwähnt.

Die Meldung zu den „Arena“-Plänen, über die zuerst die „New York Times“ berichtete, verbreitete sich am Dienstag wie ein Lauffeuer. Denn der Markt hat verstanden, was Metas möglicher Einstieg bedeutet: Wenn ein Konzern mit über drei Milliarden Mitgliedern auf Facebook und Instagram anfängt, seine Nutzer zum Wetten zu verleiten, gibt es viel zu verlieren – und noch mehr zu gewinnen.

„Meta zeigt, dass wir uns noch in den Anfängen des Experiments mit Prognosemärkten befinden“, sagt Jonathan D. Cohen gegenüber WELT. Der Historiker und Buchautor forscht zu Online-Glücksspiel. Die bisherige Dominanz des Marktführers Kalshi dürfte bald enden, glaubt Cohen. „Vielleicht begreifen wir noch gar nicht, in welchem Ausmaß sich der Markt ändern wird – wie viele neue Plattformen es geben wird und wie sehr das Glücksspiel noch weiter in jeden Winkel des amerikanischen Lebens vordringen wird.“

Bis 2018 waren Online-Wetten in den USA praktisch verboten. Dann kippte der Supreme Court das Verbot – und was folgte, war eine Expansion auf Millionen Handys, deren Ausmaße und Glücksrittertum beinahe an die Zeiten des Goldrausches erinnert.

Heute wettet Amerika. Und zwar im großen Stil. Rund 150 Milliarden Dollar setzten Amerikaner im letzten Jahr laut American Gaming Association allein auf Sportergebnisse – fast ausschließlich über ihre Smartphones oder Laptops. Das entspricht einem Anstieg von elf Prozent gegenüber 2024. 39 Bundesstaaten haben Online-Sportwetten inzwischen legalisiert. Knapp 22 Prozent aller US-Erwachsenen geben laut einer Erhebung des Siena College Research Instituts an, mindestens ein aktives Konto bei einem Anbieter zu haben. Bei Männern zwischen 18 und 49 Jahren ist es fast jeder Zweite.

Prediction Markets: Wetten mit intellektuellem Anstrich

„Wir erleben die größte und schnellste Explosion des Glücksspiels, die dieses Land je gesehen hat“, sagt Cait Huble von der NGO National Council on Problem Gambling. Beim öffentlichen Bewusstsein hinke man aber ein Jahrzehnt hinter anderen Suchtproblemen zurück – was zu unvorhersehbaren Schäden führen könnte.

Parallel zu dieser Entwicklung ist eine zweite Industrie entstanden, die sich selbst lieber nicht als Glücksspiel bezeichnet: die sogenannten Prediction Markets. Polymarket und Kalshi – die zwei dominierenden Plattformen – behaupten, keine Spielhöllen zu betreiben, sondern Informationsmärkte. Das Konzept: Je mehr Menschen mit echtem Geld auf Ereignisse wetten, desto genauer werden die Wahrscheinlichkeiten, die dabei entstehen. Prognosen durch den Geldbeutel sozusagen.

Der Durchbruch der Anbieter kam spätestens bei der Präsidentschaftswahl 2024. Milliarden von Dollar wurden auf die Kandidaten gesetzt, und die Plattformen lieferten treffsichere Vorhersagen – teils besser als klassische Meinungsumfragen. Seitdem sind sie nicht mehr aus dem politischen Diskurs wegzudenken. So wurde Kalshi im vergangenen Jahr zum offiziellen Partner des Senders CNN.

Polymarket-Chef Shayne Coplan formulierte es so: Prediction Markets seien „das Präziseste, was die Menschheit je hatte“, wenn es darum gehe, die Zukunft vorherzusagen. Experten ziehen das in Zweifel, aber der Erfolg gibt den Anbietern bislang recht. 2025 erzielten Kalshi und Polymarket zusammen ein Handelsvolumen von rund 50 Milliarden Dollar, im laufenden Jahr rechnen die Unternehmer abermals mit einem deutlichen Anstieg. Und laut einem Bericht von Eilers & Krejcik, einem auf Sport und Gaming spezialisierten Forschungsunternehmen, könnte der Wert bis Ende dieses Jahrzehnts eine Billion Dollar erreichen.

Traditionelle Sportwetten-Apps unterliegen der Regulierung durch die Bundesstaaten mit all ihren Schutzmaßnahmen – Spielersperren, Werbebeschränkungen und Beteiligung an Suchtpräventions-Initiativen. Prediction Markets hingegen fallen unter die Bundesbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC). Das bedeutet: Sie sind sogar legal in Bundesstaaten, die Online-Wetten eigentlich verboten haben – ohne derselben staatlichen Aufsicht, der andere Anbieter oder Casinos unterliegen.

Kalshi-Chef Tarek Mansour besteht auf den Unterschied: Seine Plattform betreibe kein Glücksspiel, sondern handle mit Verträgen auf Ereignisse. Acht Bundesstaaten sehen das anders und haben Kalshi mit Unterlassungsklagen überzogen. Die Trump-Regierung jedoch scheint keinen Handlungsbedarf zu sehen, weshalb eine Entscheidung bislang aussteht. Am Ende wird wohl der Supreme Court entscheiden müssen.

Heather Wardle, Professorin für Glücksspielforschung an der Universität Glasgow, sieht dringenden Handlungsbedarf. „Die Unternehmen nutzen alle Informationen, Daten und Erkenntnisse, die sie über Menschen haben, um ihre Gewinne zu steigern“, sagte sie gegenüber „Psychology Today“. Ist genau das nun auch bei Meta geplant? Das Unternehmen selbst bestreitet laut „New York Times“, dass die „Arena“-App direkt mit Facebook, Whatsapp und Instagram verknüpft sein soll.

Mittlerweile ist das Phänomen der Onlinewetten auch zum Forschungsthema geworden. So untersuchte eine Studie von Forschern der University of Southern California 2024, was nach der Legalisierung von Online-Sportwetten passierte. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit einer Privatinsolvenz stieg um zehn Prozent, der Wert von Schulden, die an Inkassobüros weitergegeben wurden, erhöhte sich um acht Prozent.

Am häufigsten betroffen sind junge Männer. Zwei Millionen Erwachsene in den USA erfüllen laut der Universität Rochester derzeit die klinischen Kriterien für eine Glücksspielstörung – eine Erkrankung, die den Forschern zufolge in dieselbe Diagnosekategorie fällt wie Alkohol- und Drogenabhängigkeit.

Zuckerbergs letzter Plan war ein Milliardengrab

Jonathan D. Cohen fordert deshalb eine strengere Regulierung der Plattformen. „Wir sprechen zum Beispiel von 19-jährigen Männern, die im Keller ihrer Eltern eine Excel-Tabelle mit drei KI-Codezeilen erstellt haben und dann glauben, sie hätten das Wettsystem durchschaut und müssten nie wieder einem richtigen Job nachgehen.“ Und die Strategie der Plattformen sei klar: „Das Wetten per Handy soll so alltäglich und leicht zugänglich werden wie das Spielen von Candy Crush.“

Dazu kommt die politische Komponente. Im April erhoben Bundesstaatsanwälte in New York City Anklage gegen ein Mitglied der US-Spezialeinheiten, weil der Mann streng vertrauliche Informationen nutzte, um Wetten auf den geheimen Plan zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro abzuschließen.

Das Problembewusstsein ist in letzter Zeit also gewachsen. Mike DeWine, republikanischer Gouverneur von Ohio beispielsweise, sagte, dass der heute nicht mehr für die Legalisierung stimmen würde, und setzt sich mittlerweile für höhere Steuern auf Sportwetteinnahmen ein. Der demokratische Senator aus Massachusetts, John F. Keenan, wiederum, erklärte, er hätte nie gedacht, „dass daraus wird, was es jetzt ist“ – und brachte den „Bettor Health Act“ ein, der unter anderem aggressive Push-Benachrichtigungen einschränken soll.

Das könnte auch Zuckerbergs „Arena“-Pläne betreffen. Was das Experiment so interessant macht: Meta hat mehr Erfahrung als irgendjemand sonst auf der Welt darin, Menschen auf einer Plattform zu halten und ihr Nutzerverhalten zu analysieren.

In der Branche wurde wohl schon länger damit gerechnet, dass ein neuer Player auf den Markt drängt. „Der Markt hat bereits eine bemerkenswerte Größe erreicht“, sagte Daniel Marin, CEO des Krypto-Unternehmens Nexus Labs, Ende des letzten Jahres. „Und wenn neue Akteure einfach undurchsichtige Systeme mit besserer Benutzeroberfläche replizieren, werden sie den Sektor nicht wirklich voranbringen.“

Ob „Arena“ den Markt aufwirbeln wird, werden die kommenden Monate zeigen. Die Voraussetzungen jedenfalls sind ziemlich gut in einer Gesellschaft, in der Wetten auf die Zukunft – auf Wahlen, auf Krisen, auf Katastrophen – zum normalen Freizeitvergnügen geworden sind. Andererseits: Zuckerbergs letztes Großprojekt, das 3-D-Universum „Metaverse“, wurde ein milliardenschwerer Flop. Wahrscheinlich kann bald auch darauf gewettet werden, ob Zuckerberg mit der „Arena“ scheitert oder triumphiert.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.