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Kassel/Twistetal – Zwei kommen im gediegenen Business-Outfit, eine mit roter Schirmmütze, Skibrille und FFP-Maske. Die drei schieben sich schnell durch den vollen Flur bis vor Saal E 221 des Kasseler Landgerichts, reagieren nicht auf Fragen, die auf sie einprasseln. Das Interesse an dem Prozess, der hier am Montag beginnt, ist immens. Es geht um nicht weniger als einen der größten Lebensmittelskandale in der Geschichte Deutschlands. Denn ihre Schimmelwürste sollen 11 Menschen den Tod gebracht haben.

Fast sieben Jahre mussten die Angehörigen der Opfer auf Gerechtigkeit warten. Ihre Liebsten starben, weil Wurstfabrikant Wilke aus Twistetal (Hessen) nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wirtschaftliche Interessen vor das Wohl seiner nichts ahnenden Kunden stellte.

Schimmelwurst in Handel gebracht

Dem Ex-Geschäftsführer Klaus Peter Rohloff (57), seiner damaligen Stellvertreterin Ronny M. (55) und dem einstigen Produktionsleiter Frank Walter S. (58) werden unter anderem elffache fahrlässige Tötung, sieben­fache fahrlässige Körperverletzung, Betrug und Verstöße gegen das Lebensmittelrecht vorgeworfen. Wilke soll gammelige, verschimmelte und durch Listerien verseuchte Ware in den Handel gebracht haben – und dies ist nach Ansicht der StA den Angeklagten vorzuwerfen.

Anklageschrift umfasst 224 Seiten

Rohloff und S. lassen sich auf der Anklagebank nieder und lassen die Köpfe hängen. Mit verunsicherter Miene verfolgt der Hauptangeklagte die Verlesung erster Teile der 224-seitigen Anklageschrift, schreibt akribisch mit. Ronny M. hat die Brille abgenommen, schaut immer wieder zu Richter und Staatsanwalt. Frank Walter S. wirkt permanent beschämt.

Fast fünf Jahre lang gelangte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit Listerien belastete Wurst in den Handel. Die Opfer (47–86) sollen an den Folgen der Infektion gestorben sein. Viele der Betroffenen waren Patienten in Krankenhäusern oder Bewohner von Pflegeheimen. Das Robert-Koch-Institut konnte die Erkrankungen später auf einen gemeinsamen Bakterienstamm zurückführen.

Wurstfabrik als Brutstätte für Keime beschrieben

Die Spur führte zu Wilke – und erwies sich offenbar als Volltreffer. Die Anklage spricht von „katastrophalen hygienischen Bedingungen“, Fotos zeigen unfassbare Zustände in der Fabrik: völlig verschimmelte Würste und Leberkäselaibe, verdreckte Produktionsräume, Verwesungsgeruch. Kontrolleure beschrieben den Betrieb als ideale Brutstätte für Listerien. Nach Überzeugung der Anklage sollen außerdem verdorbene Waren aufbereitet und teilweise mit neuen Mindesthaltbarkeitsdaten wieder verkauft worden sein. Genannt werden unter anderem Bierschinken, Cervelatwurst und Hähnchengeschnetzeltes. Selbst bei internen Tests, die positiv auf Salmonellen und Listerien ausfielen, habe die Firma keine Rückrufe veranlasst.

Urteil frühestens Mitte August zu erwarten

Anklage gegen Wilke wurde bereits Ende 2022 erhoben, danach musste sich das Landgericht zunächst allein durch eine Beweisakte mit 160 Ordnern arbeiten. Gegen Rohloff richtet sich zusätzlich der Vorwurf der Insolvenzverschleppung. Sein Unternehmen soll Ende 2018 zahlungsunfähig gewesen sein. Der Antrag sei jedoch erst im Oktober 2019 erfolgt.

Jetzt lautet die große Frage: Kann nachgewiesen werden, dass belastete Wilke-Wurst für den Tod der elf Menschen verantwortlich war? Die Staatsanwaltschaft stellte für den Fall umfassender Geständnisse kürzere Haftstrafen in Aussicht. Bis ein Urteil gefällt wird, werden Angehörige und Opfer noch fünf Wochen ausharren und 14 weitere Verhandlungstermine erdulden müssen.