Wie viele Tänzer braucht es für die perfekte Harmonie? Ein Wiener Experiment
An Impulstanz kommt nicht vorbei, wer wissen will, was den Tanz geprägt hat und was aktuell angesagt ist. Seit 1984 lädt das Festival im Hochsommer nach Wien. Unter der Leitung von Karl Regensburger, der es mit der 2021 verstorbenen Tanzlegende Ismael Ivo gründete, wurde es zum wichtigsten Tanztreffpunkt in Europa. Mit über 100 Vorstellungen, unzähligen Workshops und den in der ganzen Stadt berühmten Partys lockt Impulstanz auch dieses Jahr um die 200.000 Besucher an. Unter den Höhepunkten sind sensationelle Neuheiten und Klassiker.
Das Augenmerk auf das Kollektive sticht hervor. Viele Choreografien zeigen den Menschen unter Seinesgleichen, zwischen dem eigenen Rhythmus und dem der Gruppe. Darin spiegelt sich die heute immer fragilere Beziehung zwischen privatem und gesellschaftlichem Leben wider, verbunden mit der erdrückenden Einsicht, dass man den Polykrisen nicht als Einzelner entkommen kann. Wie soll man aber das aus dem Takt geratene Leben gemeinsam bewältigen, ohne von oben auf Linie gebracht, eingegliedert oder gar „gleichgeschaltet“ zu werden? Wie zusammen leben?
In der umjubelten Eröffnungsinszenierung „My Fierce Ignorant Step“ schafft es der griechische Choreograf Christos Papadopoulos, das tiefste Schwarz ins Utopische zu wenden. Zehn Tänzer stehen auf dunkler Bühne. Am Anfang wagt das Ensemble nur kleine, zögerliche Bewegungen; nach und nach werden sie größer und ausladender, ohne sich jedoch gegenseitig den Raum zu nehmen. Es ist das langsame Ertasten eines gemeinsamen Bewegungsspielraums. Ohne archaische Verschmelzungsfantasien, sondern immer mit Abständen für die Eigenbewegung.
Was Papadopoulos erschafft, nannte der Philosoph Roland Barthes einmal die Utopie der Idiorrhythmie, die Vergemeinschaftung von Distanzen. Die Tänzer synchronisieren sich selbst, statt sich synchronisieren zu lassen. Am Ende strotzen sie nur so vor Kraft und Freude, sodass es beim Schlussapplaus auch das Publikum aus den Sesseln reißt. Ein Ereignis!
Kann ein harmonisches Zusammenspiel auch bei größeren Gruppen gelingen? Barthes sah die besten Voraussetzungen für Idiorrhythmie bei acht bis zehn Menschen. Daran anschließend könnte man die „Numerical Series“ des chinesischen Tao Dance Theaters als Langzeitstudie zu den Effekten von Gruppengröße bezeichnen. 2008 in Peking von dem Choreografen Tao Ye und der Tänzerin und Kostümbildnerin Duan Ni mitgegründet, ist die vor drei Jahren mit dem Silbernen Löwen der Venediger Tanzbiennale ausgezeichnete Kompanie inzwischen weltberühmt. Bei „Numerical Series“ entspricht die Nummer im Titel auch der Anzahl der Tänzer. Vier Stücke werden gezeigt: „13“, „14“, „16“ und als Uraufführung „18“.
Während sich die Tänzer in „16“ von treibenden Bässen begleitet zu geometrischen Figuren formieren, die vom chinesischen Drachentanz beeinflusst sind, ist „18“ – mit zwei Tänzern mehr – eine Ode an die Kunst der Kalligrafie mit ihren fließenden Bewegungen. Die Choreografie, hier inspiriert von dem jahrhundertealten Gedicht „Körper, Schatten und Geist“ von Tao Yuanming, wirkt wie eine unaufhörliche Folge von Pinselstrichen, die einen filigranen Raum zwischen Licht und Schatten erschaffen.
Immer wieder verschwindet das Ensemble mit seinen wehenden Gewändern fast im Dunkel, bevor die Scheinwerfer wieder hochfahren und die minimalistische Bühne mit den feingliedrigen Bewegungen in voller Schönheit erstrahlen lassen. Auch hier wird immer wieder das Verhältnis von Kollektiv und Einzelnen austariert, wobei das Pendel mehr zum Kollektiven ausschlägt.
Wenn im furiosen „What the Body Does Not Remember“ Gipsplatten durch die Luft fliegen und Männer und Frauen sich in Kampfchoreos verwickeln, dann geht es um das Bedrohliche im Zwischenmenschlichen. Mit angehaltenem Atem verfolgt man die Wiederaufführung dieses Hits von 1987, der nichts an Schwung verloren hat. Für den damals 24-jährigen, von Jan Fabre kommenden Wim Vandekeybus war es der Durchbruch. Vandekeybus geht, auch mit seinem jüngsten Stück „Void“, an die Grenzen des Körpers, sucht die Gefahr und das Abgründige.
Verträumt und verspielt wirkt hingegen „Dancing with Bob“, das zwei wunderbare Klassiker mit Ausstattung von Robert Rauschenberg bündelt: Trisha Browns „Set and Reset“ (1983) und Merce Cunninghams „Travelogue“ (1977). Es sind Stücke aus der Hochzeit der Postmoderne, voller strukturalistischer Emphase und aleatorischer Neugier. Fast naiv und unschuldig erscheint einem das heute, nach dem Niedergang der Postmoderne und der Wiederkehr der Großkonflikte.
Das ist im Rahmen von Impulstanz gar kein Manko, sondern das notwendige Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Ausdrucksformen. Wer also wissen will, wo wir heute stehen, findet in Wien Antworten.
Impulstanz, bis 9. August 2026, Wien