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Wie Stuttgart einst die Moderne prägte – und was davon bleibt

· Culture

Angesichts der zum internationalen Idiom gewordenen Zeitkunst ist kaum mehr vorstellbar, dass es auch einmal eine regionale Kunst gegeben hat, die in die Ränge aufgestiegen ist. So war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Süddeutschland Zentrum einer bedachtsamen Moderne, die ihre eigenen Traditionen ausgebildet und sie bis in die frühen 1970er-Jahre erfolgreich verteidigt hat. Mit ihren zwischen Expressionismus, Abstraktion und Konstruktivismus vermittelnden Handschriften machten Maler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Adolf Hölzel, Ida Kerkovius oder Gottfried Graf die Landeshauptstadt Baden-Württembergs zu einem weithin beachteten künstlerischen Mittelpunkt.

Es konnte gar nicht ausbleiben, dass zur Szene ein eigener Stamm von Sammlern gehörte, die noch anders als das Messepublikum heute, das von einem Kontinent zum nächsten jettet, in den Ateliers ihrer Künstler ein und ausging. Allen voran der Stuttgarter Max Brommer, der von Zeitgenossen als soignierter Schwabe beschrieben wurde, kultiviert, gebildet und immer auf der Suche nach einem repräsentativen Stück seiner Favoriten. Die Künstlerbeziehung muss so eng gewesen sein, dass nach Brommers Tod im Juli 1955 der Maler Willi Baumeister den ehrenden Nachruf schrieb.

Was Max Brommer mit seiner Frau Else zusammentrug, ist über die Generationen hinweg in Familienbesitz geblieben und nie geschlossen gezeigt worden. Es waren immer nur die Stuttgarter Museumsleute, die von den verborgenen Schätzen erzählten. Insofern ist es nun schon mehr als nur ein Ereignis der Landeskunstgeschichte, dass die Sammlung zu großen Teilen auf den Auktionsmarkt kommt. Das Stuttgarter Auktionshaus Nagel präsentiert ein Konvolut von Arbeiten, die den künstlerischen Spirit der Epoche eindrucksvoll belegen.

So Oskar Schlemmer, der allen Begradigungen und Härten der Bauhaus-Ideologie zum Trotz vom Weichbild der Figur nicht lassen wollte: Sein „Weiblicher Profilkopf nach links“ (1936), der „Barocke Knabenakt“ (um 1929) oder der „Kopf nach links geneigt“ (1931/32, laut Widmung auf der Rückseite wohl ein Gastgeschenk an die Brommers) machen Schlemmers figürliche Obsession wunderbar anschaulich und verdienen einen Museumsplatz. Das gilt geradeso für Willi Baumeister, der mit seiner „Afrikanischen Erzählung“ von 1942 und der Nachkriegsarbeit „Studie weiß und schwarz I“ vertreten ist.

Ein besonderer Reiz der Auktion liegt auch in ihren offenen Rändern. Dass der Sammlerblick über Stuttgart hinausging, belegt etwa die „Madre“ (1922) des italienischen Futuristen und Neoklassizisten Carlo Carrà, die mit ihrem unwirsch dreinblickenden Kind auf dem Arm einen Sonderplatz in der Brommerschen Villa eingenommen haben mag. Anders als Max Beckmanns gewalttätiges Frühbild „Judith und Holofernes“ (1912), das als Highlight der Auktion vom 15. Juli 2026 die Sammlung flankiert. Eine wilde Szene, die den jungen Maler beim Rohentwurf einer Aktfigur zeigt, an der der verstorbene Georg Baselitz gewiss seine Freude gehabt hätte, während Else und Max Brommer nur die Köpfe geschüttelt hätten.