Wie so oft hat Stefan die Nase vorn
Es war einmal eine Zeit, da waren Stefan Aust und ich beide Chefredakteure. Stefan bei einer Stader Schülerzeitung namens „Wir“, ich bei der „Hansekogge“ am Hansagymnasium in Köln. Wir lernten uns bei einer Tagung der „Jungen Presse“ kennen. Das war ein Verein, der Schüler- und Jugendmagazine förderte, eine NGO, würde man heute sagen.
Es muss Anfang bis Mitte der 60er-Jahre gewesen sein, vor dem Abitur. Ich kann mich nicht erinnern, wo die Tagung stattfand, ganz sicher nicht in Köln oder Stade, eher schon in Duisburg oder Oberhausen. Ich habe allerdings eine vage Erinnerung an das Thema: Zensur. Denn das letzte Wort darüber, was in „unseren“ Schülerzeitungen erscheinen durfte, hatten nicht wir, die „Chefredakteure“, sondern die jeweiligen „Vertrauenslehrer“. Und sie achteten darauf, dass der gute Ruf der Schule nicht beschädigt wurde. Etwa dadurch, dass man in Texten, die sich mit der DDR beschäftigten, das Adjektiv „sogenannte“ oder die Anführungszeichen („DDR“) wegließ.
Stefan hatte schon damals eine Eigenschaft, die man heute „Strahlkraft“ nennen würde. Wenn er zu einem Redebeitrag anhob, richteten sich alle Augen auf ihn. Er sprach ruhig und in ganzen Sätzen, ohne sich zu verhaspeln, war sehr „fokussiert“. Wir vereinbarten: Sollte einer von uns jemals Chefredakteur des „Spiegel“ werden, würde er den anderen nachholen.
„St. Pauli Nachrichten“: Kontaktanzeigen als unterhaltsame Lektüre
Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen, um uns ein paar Jahre später in einer ganz anderen Umgebung wiederzutreffen. In der Redaktion der „St. Pauli Nachrichten“ nahe der Reeperbahn. Dazu muss man Folgendes wissen: Die „St. Pauli Nachrichten“, 1968 von Helmut Rosenberg, einem Altonaer Raritätenhändler, und dem St.-Pauli-Fotografen Günter Zint gegründet, waren eine Art Wochenzeitung im Boulevard-Format, deren Inhalt im Wesentlichen aus Kontaktanzeigen von Menschen bestand, die einen Partner, eine Partnerin oder den Anschluss an eine Gruppe mit besonderen Präferenzen suchten.
Diese Kontaktanzeigen waren eine unterhaltsame Lektüre, wären dem Blatt aber beinah zum Verhängnis geworden. Denn mit steigender Auflage und wachsender Popularität wurde auch die Bonner „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ auf das Blatt aufmerksam. Es drohte eine „Indizierung“, praktisch ein Vertriebsverbot.
Rosenberg wandte sich an eine bekannte Hamburger Anwältin, die ihn auf eine Lücke im Jugendschutzgesetz hinwies: Tageszeitungen können nicht indiziert werden. Worauf Rosenberg die „St. Pauli Nachrichten“ täglich erscheinen ließ. Montags bis freitags als dünne Alibi-Ausgabe in kleiner Auflage und am Wochenende als tabulose Alternative zur „Zeit“ und zur „Hamburger Morgenpost“.
Dazu brauchte er Leute, die eine Tageszeitung machen konnten. So kam Stefan Aust zu den „St. Pauli Nachrichten“.
Ich dagegen kam nur vorbei, um eine Geschichte über die „St. Pauli Nachrichten“ für den WDR zu machen. „Wenn du schon mal da bist, kannst du auch bleiben“, meinte der Verleger.
Es wurden ein paar wunderbare Wochen. Wir konnten machen, was wir wollten. Geschichten schreiben und umschreiben, vorzugsweise aus dem in Deutschland wenig bekannten Zürcher Boulevard-Blatt „Blick“; der Verleger kam einmal am Tag vorbei, brachte Bier und Cola mit und wollte wissen, wie es uns geht. Mitten auf St. Pauli zu arbeiten und zu leben, war wie ein Abenteuerurlaub mit Erfolgsgarantie. Wenn es an der Tür klingelte, konnte es der Postbote sein oder auch ein Mann mit seiner Frau, die unbedingt Aktmodell werden wollte, sich aber nicht traute, allein vorzusprechen.
Ich weiß nicht mehr, wann und wie diese fröhliche Idylle zu Ende ging. Dem Verleger war das Projekt zu groß geworden, er zog sich in sein Raritätengeschäft zurück, ich machte mich auf den Weg nach Köln, Stefan blieb in Hamburg und setzte seinen langen Marsch durch die Institutionen fort. Bei „Konkret“, einem sehr linken Monatsmagazin, das von Klaus-Rainer Röhl verlegt wurde, dem Mann der späteren RAF-Ikone Ulrike Meinhof, beim NDR-Fernsehen mit „investigativen Reportagen“, noch bevor der Begriff zu einer Marke wurde.
Außer Abitur und Führerschein kein weiterer Bildungsnachweis
Und schließlich als Leiter von „Spiegel TV“ in einem RTL-Fenster. Wenn ich in Hamburg zu tun hatte, trafen wir uns auf einen Schwatz an seinem Arbeitsplatz oder er nahm mich mit zu seinem Lieblingsitaliener, dem „Cuneo“ in der Davidstraße, schräg gegenüber der gleichnamigen Polizeiwache, die in jeder Reportage über St. Pauli eine Rolle spielt.
Wir waren gleich alt, lebten in verschiedenen Welten, hatten aber einiges gemeinsam. Wir kamen, wie man damals sagte, aus „kleinen Verhältnissen“, hatten außer Abitur und Führerschein keinen weiteren Bildungsnachweis und waren überzeugt, dass man vieles ausprobieren muss, bevor man weiß, was einem wirklich liegt, „learning by doing“.
Bei Stefan ist diese Eigenschaft noch wesentlich stärker ausgeprägt als bei mir. Er ist der Prototyp eines Multitaskers, schreibt ein Buch, dreht einen Film und bereitet eine Weltreise vor, alles gleichzeitig. Und plant schon die nächsten Projekte. Leben als „work in progress“. Allein sein Opus magnum, „Der Baader-Meinhof-Komplex“ über die erste Generation der „Rote Armee Fraktion“, 1985 als Buch veröffentlicht und 2008 verfilmt, garantiert ihm einen Ehrenplatz in der Hall of Fame der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.
Und außerdem: Stefan Aust hält Wort. Kaum war er zum Chefredakteur des „Spiegel“ berufen worden, holte er mich, wie versprochen, nach. Ich verdanke ihm 15 aufregende und produktive Jahre. Stefan verließ den „Spiegel“ zwei Jahre vor mir. Es dauerte nicht lange, und wir trafen uns wieder, bei der WELT.
So begleiten und verfolgen wir uns seit über 60 Jahren. Wären wir verheiratet, hätten wir die Diamantene Hochzeit bereits hinter uns. Und wie so oft in unserer Beziehung, hat Stefan wieder einmal die Nase vorn. Er feiert am 1. Juli seinen 80. Geburtstag. Ich muss mich noch ein paar Wochen gedulden, dann habe ich es auch geschafft.
Stefan, lass uns älter werden, aber nicht alt. Happy Everything!