Wie sich das Jahr, in dem Hitler an die Macht kam, vom amerikanischen Ufer aus anfühlte
Soll man von einem neuen Genre sprechen? Oder ist es doch eher ein sehr altes Genre? Im zweiten Fall hätten wir es mit einer Chronik zu tun: Wichtiges und Nichtiges wird aneinandergereiht, als sei alles in gleicher Weise gültig; es geht nicht um historische Einordnung, sondern um das Klein-Klein des Alltags. Sollte es sich um ein neues Genre handeln, haben wir es allerdings eindeutig mit Literatur zu tun.
Der Autor präsentiert nicht willkürlich irgendwelche Fakten, er wählt aus. Er tut so, als würde er die historischen Zusammenhänge nicht kennen, hat sie aber in jedem Moment scharf im Hinterkopf. Er gestaltet den Stoff wie ein Romancier – dabei tut er so, als sei er nonchalant, schreibt aber in einem geschliffenen Stil. Im deutschen Sachbuch könnte man Florian Illies und Uwe Wittstock als Repräsentanten dieser Erzählmethode nennen. Als Urvater des Genres kann der Amerikaner Erik Larson gelten, der in seinem mit Recht gerühmten Buch „Tiergarten“ (in deutscher Übersetzung 2013 bei Hoffmann und Campe erschienen) schilderte, wie William E. Dodd – Amerikas Botschafter im Berlin des Jahres 1933 – vom Zeugen zum Gegner der Nazis wurde.
Johannes Ehrmann, ein Autor, der sich auf beiden Seiten des Atlantiks gleich gut auskennt, hat jetzt mit „Amerika ’33“ ein Buch vorgelegt, das ganz in der Tradition von Erik Larson steht. Anders als jener hat er keinen einzelnen Protagonisten, sondern gleich ein ganzes Rudel von ihnen: den Maler George Grosz, die Schauspielerin Marlene Dietrich, die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt, die amerikanische Arbeitsministerin Frances Perkins, den Komponisten Arnold Schönberg. Mit ihrer Hilfe erzählt er, wie sich das Jahr, in dem Hitler an die Macht kam, vom amerikanischen Ufer aus anfühlte.
Ehrmanns Ton ist ätzender als der von Larson. Immer wieder sieht man den Abdruck der ironischen Zungenspitze, die sich von innen gegen seine Wange presst. Etwa wenn er beschreibt, wie der damals schon weltberühmte Physiker Albert Einstein in Kalifornien der Journalistin Evelyn Seeley ein Interview gibt, und dann kommt naturgemäß ein Erdbeben: „Einstein …, welch wunderbarer Schluss für Seeleys Artikel, geht unbeirrt weiter, den Kopf gedankenvoll gesenkt, scheinbar völlig unbeeindruckt vom Beben seiner Welt.“
Das Buch ist wunderbar geschrieben. Aber ist es auch überzeugend? Nein, wenn es Ehrmanns Ehrgeiz gewesen sein sollte, Parallelen zwischen Franklin D. Roosevelt und Donald Trump zu ziehen. Das funktioniert auch dann nicht, wenn man die Hartherzigkeit der amerikanischen Regierung gegenüber jüdischen Flüchtlingen in Rechnung stellt, die Bewunderung mancher Roosevelt-Anhänger für den italienischen Faschismus und die autoritären Tendenzen seiner Präsidentschaft. Die Rechnung geht nicht einmal dann auf, wenn man ein historisches Faktum bedenkt, von dem 1933 noch kein Mensch etwas ahnen konnte: die schändliche Verschleppung der japanischen Zivilisten aus Kalifornien in Internierungslager in den Rocky Mountains. Denn um ernsthaft Trump zu gleichen, hätte Roosevelt natürlich mit Hitlerdeutschland verbündet sein müssen.
Aber vielleicht wollte Ehrmann gar nicht Roosevelt in die Nähe von Donald Trump rücken. Vielleicht wollte er vor allem erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man mitten in einer welthistorischen Krise gefangen ist und nicht weiß, wie die Chose enden wird. Das ist ihm glänzend gelungen. Sein Buch beginnt mit George Grosz, der sich am Anfang der Hitlerzeit mit seiner Frau in New York wiederfand. In Deutschland war er eine Berühmtheit gewesen, in Amerika war er ein Nebbich und ein Niemand. Seine beiden Söhne waren in Deutschland zurückgeblieben, und er wusste nicht, ob die Nazis sie kaschen würden – ein Albtraum.
Dann gab es natürlich die großen Illusionen. Die Nazis werden sich nicht an der Macht halten können, hieß es. Es wird bald vorbeigehen, auch. Marlene Dietrichs Mutter schrieb in einem Telegramm nach Amerika: „Hier durch Ruck nach rechts grundlegende Umwälzungen. Betreffen uns nicht. Zeitungsberichte sicher übertrieben.“ 1933 konnte man Hitler noch als Clown sehen und einen neuen Weltkrieg für unwahrscheinlich halten. Oświęcim war noch ein Bahnknotenpunkt in Polen und sonst nicht weiter bemerkenswert.
Interessant ist, dass in „Amerika ’33“ eine Leerstelle klafft: Nur an einer Stelle kommt der Name Charles Lindbergh vor, dabei war doch gerade eben sein Baby entführt worden. Später wurde er zu einem der führenden Nazipropagandisten. Pater Charles Coughlin wird überhaupt nicht erwähnt, obwohl er damals schon ein Medienstar war – rund ein Viertel der Amerikaner lauschte seinen Radiosendungen. Anno 1933 war Coughlin noch ein Unterstützer von Roosevelt; später wurde er ein schäumender Faschist, der gegen Linke und Juden hetzte. Auch kein Wort über George Sylvester Viereck, einen verkrachten deutsch-amerikanischen Dichter, der im Sommer 1933 in Berlin Hitler traf und sich als Agent Nazideutschlands in Washington anwerben ließ. Kurzum: Johannes Ehrmann lässt die Leute, die im Lauf der 1930er Jahre zu einer fünften Kolonne Nazideutschlands in den Vereinigten Staaten heranwuchsen, im Großen und Ganzen rechts liegen.
Sein Augenmerk liegt auf den Emigranten. Nicht alle zeichnet er als durchgehend sympathisch: Marlene Dietrich war zwar verlässlich antifaschistisch, konnte aber divenhaft und kalt sein. Einstein war privat ein Womanizer von der eher abstoßenden Sorte. Andere dagegen wachsen dem Leser in diesem Buch ans Herz, etwa Arnold Schönberg, der aus Trotz gegen die Nazis vom assimilierten Juden zum Zionisten wurde. Danach war ihm vor allem eines wichtig: die Zukunft seiner Kinder. Über Schönbergs Tochter Nuria hat Ehrmann Folgendes zu melden: „Sie habe einen fantastischen Vater gehabt“, wird sie später sagen. „Einen, der sang und durchs Haus tanzte und Quatsch machte.“ Das Bild des Erfinders der Zwölftonmusik, der mit seiner kleinen Tochter durchs Haus tanzt, ist vielleicht das schönste dieses Buches.
Wie hätten die dramatis personae in Ehrmanns als Sachbuch verkleidetem Roman wohl reagiert, wenn eine böse Fee ihnen 1933 geflüstert hätte, dass es zwölf Jahre dauern würde, dass am Ende die Welt in Trümmern liegen und ein Drittel des jüdischen Volkes die Hitlerei nicht überleben würde? Hätten sie sich umgebracht? Hätte man sie en gros in psychiatrische Kliniken einweisen müssen? Von den vielfältigen Gnaden, die Gott uns erweist, wird Ihm für eine zu wenig gedankt: dass wir alle zum Glück die Zukunft nicht kennen.
Johannes Ehrmann: Amerika ’33. Die große Krise der Freiheit. Klett-Cotta, 244 Seiten, 23 Euro