Wie die US-Demokraten den Reichtum der Wenigen gefördert haben
Millionen Amerikaner sind am 3. November 2026 zur Wahl aufgerufen. Die sogenannten Midterms, die Zwischenwahlen für das Repräsentantenhaus und knapp über ein Drittel der Sitze im Senat, werden als Abstimmung über die Politik von Präsident Donald Trump betrachtet. Je höher die Lebenshaltungskosten im Land, desto niedriger sind die Beliebtheitswerte des inzwischen 80‑Jährigen.
Doch die Wahlen sind auch für die US-Demokraten eine Richtungswahl. In der Partei liefern sich Establishment und Erneuerer ein Kräftemessen. Am Ende geht es darum, ob die Demokratische Partei dem Trumpismus etwas entgegenzusetzen hat. Denn mit ihrer bisherigen Politik hat sie jemandem wie Trump den roten Teppich ausgerollt, wie der Journalist Jörg Wimalasena schreibt.
„Die Undemokraten. Wie die Demokratische Partei Trump großmachte“ ist das erste Buch von Wimalasena, der unter anderem als US-Korrespondent für „Zeit online“ und als Autor für WELT gearbeitet hat. Es liest sich wie eine Zusammenfassung der kritischen Reportagen, mit denen sich der 38-Jährige in Deutschland als informierter und meinungsstarker Kenner der amerikanischen Politik profiliert hat. Wo sich die Berichterstattung sonst oft nur auf die neuesten Skandaläußerungen von Trump und Konsorten oder auf die selbstgefälligen Anti-Trump-Posen seiner Gegner stürzt, hat Wimalasena immer einen Blick auf die brodelnden, oder wohl eher lodernden, sozialen Konflikte hinter den Kulissen geworfen.
In seinem Buch schildert Wimalasena, wie sich die Demokraten in den vergangenen Jahrzehnten von einer Partei der Arbeiterklasse zu einem Bündnis aus urbaner, akademischer Mittelklasse und finanzkräftigen Eliten entwickelt haben. „Die Demokraten sind in weiten Teilen eine von Wirtschaftsinteressen dominierte Elitenpartei“, schreibt Wimalasena, der sich dabei vor allem den Einfluss von Großspendern auf das Programm und Personal der Partei genauer anschaut.
Die Folgen habe die Bevölkerung im ganzen Land zu spüren bekommen. „Das sozial ungerechte Amerika ist nicht nur von den Republikanern geformt worden“, heißt es bei Wimalasena. „Der Reichtum der Wenigen ist erkauft mit dem sozialen Abstieg der Vielen – und die Politik der Demokraten ist dafür mitverantwortlich.“
Obamas versäumte Revolution
Im Schnelldurchgang geht Wimalasena durch die jüngere Geschichte der Demokratischen Partei. Der Autor neigt nicht zu langatmigen Abhandlungen, sondern schreibt pointiert und kurzweilig. Vor allem Barack Obama habe es versäumt, eine Revolution gegen ein marodes Finanzsystem anzuführen, das Millionen von Menschen fahrlässig bis mutwillig in die Verarmung gestürzt hat. Stattdessen beruhigte der damalige Präsident die Wall-Street-Banker: „Meine Regierung ist das Einzige, was zwischen Ihnen und den Mistgabeln steht.“
Während man sich um die Banken kümmerte, wurde die Bevölkerung im Stich gelassen und musste das Versagen ausbaden. „Der Aufstieg Trumps hat nicht zuletzt in dieser Ungleichbehandlung von Wall Street und der einfachen Bevölkerung seine Ursache“, schreibt Wimalasena. Wer jedoch glaubte, dass sich die Demokraten nach Obamas fatalem Verhalten in der Finanzkrise eines Besseren belehren lassen würden, sah sich getäuscht, wie der Journalist ausführt.
Hillary Clinton? Habe sich vor allem für die Diversifizierung des obersten 1 Prozents eingesetzt und die übrigen 99 Prozent mit Verachtung gestraft (der legendäre „basket of deplorables“). Joe Biden? Ein entschiedener Befürworter der neoliberalen Revolution statt ihr Gegner, der seine Präsidentschaft allein der Unbeliebtheit von Trump verdankte und diese kläglich beendete. Kamala Harris? Ein Desaster aus identitätspolitischem Virtue Signalling und kitschigen Sonntagsreden mit Anti-Trump-Floskeln. „Die Harris-Kampagne hatte den inflationsgebeutelten Wählern nichts zu bieten, außer Plattitüden und ein wenig Star-Power“, so Wimalasena.
Wimalasena fasst die Politik der Demokraten wie folgt zusammen: „Jahrzehntelange neoliberale Politik auf Kosten der Arbeiterschaft im Land, Abhängigkeit von Geldgebern, ein von Eliten dominierter Wahlkampfbetrieb und woke identitätspolitische Lippenbekenntnisse als Ersatz für dringend notwendige Klassenpolitik. Nahezu 40 Jahre Umverteilung von unten nach oben hatten die US-Wähler derart von ihren politischen Institutionen entfremdet, dass Donald Trump nur noch die Ernte einfahren musste – mit seinen Kampfansagen an das Establishment nutzte er die Frustration im Land für sich.“ Trump habe es geschafft, die verlassene und verachtete Arbeiterklasse im Land wieder anzusprechen – wie, das hat die Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihren höchst lesenswerten Büchern „Fremd in ihrem Land“ und „Geraubter Stolz“ gezeigt.
Trotz allem versucht das Establishment der Demokraten weiterhin, die politischen Folgekosten ihres eigenen Versagens moralisch an Trump auszulagern. Doch die Anti-Trump-Rhetorik verfängt immer weniger. Folgt man Wimalasena, stärkt sie sogar den Trumpismus, der sich von der programmatischen Schwäche und strukturellen Heuchelei seiner Widersacher nährt. Anders gesagt: Wer gegen MAGA gewinnen will, muss eine andere Politik machen.
„Eine Rückkehr zum Status quo vor Donald Trump wird es nicht geben – wünschenswert wäre das ohnehin nicht“, schreibt Wimalasena. „In der aktuellen Krise des US-amerikanischen politischen Systems liegt eine Chance. Das Establishment beider Parteien wankt – die Bürger wollen Veränderung.“ Für Wimalasena ist es das Lager um Bernie Sanders, das bei den Demokraten für Veränderung steht.
Die entscheidende Frage – und damit landet man wieder bei den Midterms – ist, ob am Ende die Kräfte der Veränderung oder die der Beharrung die Oberhand behalten. Die Demokratische Partei mit ihren Institutionen sei jedenfalls noch immer fest in der Hand des Establishments, das Veränderungen zu unterbinden versucht. Daher auch der Titel des Buchs: „Die Undemokraten“. Doch die Stimmung könnte kippen, falls die Anti-Establishment-Kandidaten bei den Midterms erfolgreich sind. Wimalasena sieht gar einen Tea-Party-Moment auf die Demokraten zukommen.
Wer in diesen Tagen mehr über die wirklichen Konfliktlinien in der amerikanischen Politik erfahren will und sich nicht mit Allgemeinplätzen zufriedengibt, der muss zu „Die Undemokraten“ greifen. Das Buch wird bis zu den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren aktuell bleiben.
Jörg Wimalasena: Die Undemokraten. Wie die Demokratische Partei Trump großmachte. Brumaire-Verlag, 216 S., 19 Euro.