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Wie der Autor wieder zum Gott wurde

· Culture

Seit Jahren wird die Lesekrise beschworen. Immer neue Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche schlechter lesen. Gleichzeitig erlebt ein Genre einen Boom, den niemand vorhergesehen hätte und das ein ganz anderes Bild zeichnet: das einer Generation, die süchtig nach Romanen ist und sie verschlingt. „Young Adult“ und „Romantasy“ beherrschen den Buchmarkt, die Bestsellerlisten und sogar die Streaming-Plattformen wie Amazon Prime und Netflix. In Berlin-Schöneberg hat kürzlich eine Buchhandlung eröffnet, die nur Liebesromane anbietet.

Dass junge Leute nicht mehr lesen, ist ein Gerücht. Sie lesen nur anders. Zu den beliebtesten Plot-Mustern gehören etwa „erzwungene Nähe“, „schleichende Annäherung“, „von Feinden zu Liebenden“, „verbotene Liebe“, „nur ein Bett“ oder „der Auserwählte“. Unter den beliebtesten Helden befinden sich Werwölfe, Vampire, Eishockeyspieler, Eiskunstläuferinnen, Elite-Uni-Stipendiatinnen und Millionärserben. Aber der bemerkenswerteste Wandel in der jungen Lesekultur betrifft nicht den Inhalt der wie vom Fließband produzierten Romanreihen, sondern das Verhältnis zwischen Autor und Leser.

Ein Blick auf die Instagram-Accounts von Bestsellerautorinnen wie Elle Kennedy („Off Campus“), Mona Kasten („Maxton Hall“), D. C. Odesza („Dark Castle“) oder Tomi Adeyemi („Children of Blood and Bone“) eröffnet eine Welt, in der die Trennung von Autor und Werk nie stattgefunden zu haben scheint. Romantasy-Fans tun so, als hätten sie Roland Barthes’ Verkündung des Autoren-Todes in den 1960er-Jahren einfach überhört. Denn für sie ist der Autor alles: Gott (seine Deutung steht über allen anderen), Dienstleister (er muss liefern, was die Kunden sich wünschen) und bester Freund (ein enger Austausch mit zahlreichen Alltags-Updates via sozialer Medien wird erwartet).

Erstaunliche Wiederauferstehung

In einem „Zeit“-Interview verriet „Bookish Game“-Autorin Isabelle Herzog, dass ihre Leserinnen „extrem wütend werden“ könnten, wenn eine Geschichte auch nur ein bisschen anders verläuft, als sie es erwarten. Krankheitstage, an denen sie nicht täglich auf TikTok und Instagram poste, könne sie sich nicht leisten: „Wenn du dich nicht zeigst, ignorieren die Leute dein Buch.“ Während Literaturwissenschaftler seit Jahrzehnten die Autonomie des Textes feiern, erlebt der Autor im BookTok-Zeitalter eine erstaunliche Wiederauferstehung.

Die enge Bindung zwischen Leser und Autor geht heute sogar so weit, dass sich nicht nur Bücher ohne dauerpräsenten Autor schlechter verkaufen, sondern sogar Serien ohne Romanvorlage weniger Zuschauer finden. Wenn man mit Produzenten spricht, erfährt man, dass Streamer schon auch mal einen Roman extra schreiben und kurz vor Erscheinen der neuen Serie veröffentlichen lassen, um den Zuschauern nicht etwa das Gefühl zu geben, man könnte es mit einem Original ohne Buchgrundlage zu tun haben.

Neben Selfies, Buchzitaten und Rezensions-Screenshots finden sich auf den Accounts der Autorinnen auch allerhand sogenannte „Reveals“, also exklusive Enthüllungen: Cover-Reveals, Trope-Reveals, Farbschnitt-Reveals. Man merkt: Das sind Autorinnen, die wissen, wie man Spannung erzeugt und Cliffhanger setzt. Da stolpert man über Sätze wie: „Morgen verrate ich euch, welche dritte Trope in meinem neuen Roman neben ‚er verliebt sich zuerst‘ und ‚zweite Chance‘ noch vorkommt.“ Und die Leser in den Kommentarspalten können es kaum erwarten. Auch gibt es Videos, in denen die Schöpferinnen die meistgestellten Fan-Fragen beantworten, etwa die dringende „Wann gibt es wieder die Dark-Castle-Kerzen im Shop?“ Die New-Adult-Autorin wurde im Jahr 2026 zu einer Mischung aus Influencer, Marke und moralischer Instanz.

Wenn es um Verfilmungen geht, atmen Produzenten erleichtert auf, sobald der Romanautor seinen Segen gegeben hat, indem er etwa den Cast lobend in seinen sozialen Netzwerken teilt. So verkündete J. K. Rowling 2016 in einem „Observer“-Interview über die „Harry Potter“-Theaterinszenierung, dass Hermine „mit meinem uneingeschränkten Segen und meiner Begeisterung eine schwarze Frau sein kann“. Unerquicklich wird es für Filmemacher hingegen dann, wenn Autoren ihr literarisches Kind erst zur Adoption freigeben und es dann nach der Premiere nicht mehr wiedererkennen wollen.

Die Fantasy-Bestsellerautorin Tomi Adeyemi etwa hat sich jetzt öffentlich von der Verfilmung ihrer „Children of Blood and Bone“-Saga distanziert und bekanntgegeben, dass sie sich die Adaption nicht ansehen werde. Auf TikTok postete sie einen Chat mit der Darstellerin Amandla Stenberg, der zeigt, dass Adeyemi die Schauspielerin blockiert hat. Zuvor gab es Kontroversen darüber, ob Stenbergs Hautfarbe zu hell für ihre Rolle sei.

Für den starbesetzten Film, der im Januar 2027 erscheinen soll, könnte diese Haltung der Autorin den Todesstoß bedeuten. Einige Leser hingegen fühlen sich wiederum von Adeyemi selbst hintergangen, da diese die Adaption zunächst gegen jegliche Zweifel der Leser am Cast verteidigt habe. Für andere wiederum ist die Sache klar. „Amen“, schreibt ein Kommentator unter ihrem TikTok-Post: „Wenn du den Film nicht freigegeben hast, brauchen wir ihn nicht.“