Voice of Freedom Повна версія

Wie Amerika wurde, was es heute ist. Und nie war

· Culture

Wir wollten nie wieder zurück nach Walnut Grove. Da waren wir westdeutschen Boomer lange genug. In Walnut Grove lebten die Ingalls’: Pa, Ma, Mary, Laura und Carrie. Gut zweihundert Folgen lang von 1974 an am Plum Creek. „Unsere kleine Farm“ hieß die Serie, die auf den neun zwischen 1932 und 1949 erschienenen, semiautobiografischen (Kinder-)Romanen der Laura Ingalls Wilder (1867–1957) basierten. Die haben sich bis heute weltweit gut 80 Millionen Mal verkauft. Die Serie lief in der ARD und erzählte von einer Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, in der Amerika wurde, was es vielleicht nie war, heute ist oder gern sein will. So genau kann man das ja manchmal nicht unterscheiden.

Der Himmel war weit. Das Leben einfach, aber tugendhaft. Aufrechte Siedler bauten Hütten in der Wildnis. Drogengeschichten gab’s und auch Rassismus. Aber insgesamt war sie weit weg, die böse Welt. Indianer, die man damals noch so nannte, kamen vor. Pa Ingalls (der bibeltreue Erzkonservative Michael Landon) trug die Bibel wie eine Monstranz durch die Wildnis des Mittleren Westens, er wusste immer Rat und wenn er nicht mehr weiterwusste, half halt Gott.

Ma Ingalls (Karen Grassle, die Landon gerade als Sexisten und unerträglichen Macho bezeichnet hat) stand zufrieden und still am Herd, feudelte die hölzerne Hütte und kochte. Die Mädchen trugen Häubchen und wuschen ihre Hände klaglos vor dem Essen. Eine Familie wie aus dem Vorwort einer Hauswirtschaftsschule der Tradwives. Wir haben sie gehasst.

In 110 Ländern lief „Unsere kleine Farm“. Sie läuft immer noch. Allein 2024, im Jubiläumsjahr, wurden fast 14 Milliarden Streamingminuten verzeichnet. So etwas kann das von einer eklatanten Themenkrise ausgehungerte Serienwesen natürlich nicht links liegen lassen. Zumal Laura Ingalls Wilders Geschichten gerade in Krisenzeiten der amerikanischen Identität gern Konjunktur haben. Und heute einen geradezu idealen Schauplatz abgeben, auf dem sich beinahe sämtliche aktuellen Kulturkriege austragen lassen.

Sich auf dieses Schlachtfeld zu begeben, ist ungefähr so gefährlich wie unbewaffnet und allein Ende des 19. Jahrhunderts zu den Wölfen von Wisconsin aufzubrechen. Kaum war ruchbar geworden, dass sich Rebecca Sonnenshine – von der die gallige und jeder Patriotismusfeier abholde Superhelden-Satire „The Boys“ stammt – für Netflix an eine Rückkehr nach Walnut Grove, zu den Ingalls’ und in die Weiten des Mittleren Westens machte, drohten Tradwives-Influencerinnen schon, das Projekt nach allen Regeln der Shitstormherbeiführung zu spammen, sollte die Neuvermessung dieses angeblichen Urmeters der amerikanischen Mythenbildung und Selbsttransformation in ihren Augen zu „woke“ werden.

Shitstormen – das schon mal vorab – müssen sie dann jetzt wohl. Was allerdings schon daran liegt, dass selbst die erzkonservative Laura Ingalls Wilder, deren Bücher voller zeitgeschuldeter Rassismen und verstörend verstockter Rollenmuster stecken, den heutigen Hohepriesterinnen angeblich traditioneller Weiblichkeit zu woke wäre. Man macht sich, den Kinder-Hass auf Pa und Ma und die gehorsame Kinderschar, die uns von Pa und Ma als leuchtende Beispiele der Tugendhaftigkeit vorgehalten wurden, jedenfalls mit leicht panischem Herzen auf den Weg nach Independence, Kansas, wo die Ingalls in der ersten Staffel landen. Sonnenshine ist in Sachen Opportunismus gegenüber dem Trump’schen Tradwife-Zeitgeist ziemlich unverdächtig. Bei Netflix weiß man es nie.

Sie haben in der „Liebesgeschichte einer Familie“ (Sonnenshine) versucht, was sonst gern schiefgeht, in dem Fall aber nur bedingt, alles richtig zu machen. Die Kleider, Korsetts und Unterröcke wurden nach Art des ausgehenden 19. Jahrhunderts zugeschnitten und gewaschen, die Schuhe mit der Hand genäht. Ein Berater vom Stamm der Osage sorgte dafür, dass den Geschichten, der Kultur, dem Leid der Indigenen, die in der neuerrichteten Serien-Farm nicht mehr nur als notwendiges Erzählübel am Weg herumstehen, sondern eines der zentralen Elemente der Handlung sind, Gerechtigkeit widerfährt.

Als hätte Ma Ingalls die Welt gefeudelt

Die angestrebte Unangreifbarkeit der Ingalls-Saga spiegelt sich schon in der beinahe astralen Sauberkeit der Bilder. So rein glänzt Sonnenshines Mittlerer Westen, als habe Ma Ingalls soeben noch über die Horizonte, durch Flure und die Straßen von Kansas gefeudelt. Der Himmel ist kostbar dramatisch, die Sonnenuntergänge grandios. Die Ingalls-Hütte kann man garantiert samt hyggeliger Innenausstattung demnächst in einem Schöner-Wohnen-Musterhauskatalog bestellen. Die Gewänder sind so rein wie weiland bei Michael Landon die Hände der Ingalls-Brut vor dem Gebet. Niemand macht sich schmutzig. Bärte sind so frisch rasiert, als wäre vor der Eisenbahnstation und der Kirche und der Schule ein Barber-Shop in Independence eröffnet worden.

Niemand in dieser vielköpfigen, sorgfältig mit unterschiedlich schattierten Gestalten unterschiedlicher Hautfarben vollgestellten Geschichte ist aus Gier hier, niemand aus Abenteuerlust oder aus Hurra-Patriotismus in Kansas gestrandet. Alle – vom schmierigen Bürgermeister, der als Einziger MAGA-mäßig großtönen darf, abgesehen – zweifeln, ob es überhaupt richtig war, sich auf den Weg zu machen. Dahin, wo noch nichts ist und alles klein und eng. Auf ein Land, das nicht frei ist, um das die Indigenen erst betrogen werden müssen.

Die Ingalls’ hat die wirtschaftliche Not in die Weite der Prärie getrieben. Es ging nicht anders. Sie hadern, sie streiten. Schulden verfolgen sie wie die Wölfe. Und wie die Männer in der Wildnis, die der Bürgerkrieg kalt und gnadenlos gemacht hat. Man muss wehrhaft sein. „Unsere kleine Farm“ ist eine Resilienzgeschichte. Und – jetzt müssen die Mom- und Tradwife-Influencerinnen besonders stark sein – die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung. Fast ein Entwicklungsroman. Ma Ingalls ist mitnichten die Urahnin der Tradwife-Königin Hannah Neeleman.

Erst möchte sie sich aus allem heraushalten, sich – schwanger mit Carrie, wie sie ist – auf die Farm und die Kinder konzentrieren. Sie kann aber nicht anders. Getrieben von einem untrüglichen Gerechtigkeitssinn mischt sie sich ein, erklärt den antiindigenen Populisten in der Trinkhalle von Independence den Krieg, schmeißt die kleine Gemeinde, die ohne sie wie aufgescheuchte Hühner herumlaufen würde. Und sie wird wieder, was sie war, bevor sie ihre Heimat verließ, um hinter dem Vagabunden herzuziehen, den sie liebt: Lehrerin. Mit Ma Ingalls kommt der Feminismus in den Mittleren Westen.

Und wir sind in froher Erwartung des nun aufbrausenden Shitstorms. Eine zweite Staffel von „Unsere kleine Farm“ ist längst bestellt.