„Wer weiß schon wirklich, was es zu bewahren gilt“
Manchmal ist Leipzig wie Venedig zur Mittagszeit ohne Kanäle. So voll. Wenn die Bräute los sind. Und die Böhsen Onkelz. Und Bach. Die Bräute verabschieden sich mit Aperol aus Wasserflaschen von ihrem Single-Sein. Die Onkelz-Fanhorden trinken sich warm für den Tournee-Auftakt ihrer Combo im Bundesliga-Stadion der Red-Bull-Mannschaft. Und Bach ist hier noch mehr los als sonst im Epizentrum des globalen Bach-Wahns. Weil Bachfest ist.
Ein ganz besonderes musikalisches Volksfest, das im Juni wieder zehn Tage lang stattgefunden hat. Jedes Geschäft hat irgendwelche Noten ins Fenster gestellt. Vergoldete Bach-Duplikate sitzen an jeder Ecke herum und dudeln. Auf dem Marktplatz vor der alten Messe singt ein Chor samt Orchester und Jazzquartett zur höheren Ehre Gottes Bach und Depeche Modes „Personal Jesus“. In jeder Kirche wird geprobt. Man konnte über die fünfzig fantastischsten der fantastischen Kantaten Bachs abstimmen. Und die werden jetzt von den fantastischsten Ensembles aufgeführt. Menschen stehen Schlange um die Bach-Devotionalien, tragen Programmhefte offen und Bach-Taschen, in denen man Partituren vermuten könnte.
Ob ihn das nicht ängstigen sollte, dieses erwartbare Expertentum, dieses gewissermaßen authentische Habitat, in dem er nachher Choralvorspiele vorträgt und eine Englische Suite, das habe er sich gestern noch selbst gefragt, erzählt der Pianist Martin Stadtfeld. Was komisch klingt, denn hier und mit Bach hat eigentlich alles angefangen. Hier hat er 2002 als erster Deutscher den Bachwettbewerb gewonnen.
Dann hat er – ohne überhaupt einen Plattenvertrag zu haben – die Goldbergvariationen aufgenommen. Da war er ungefähr so jung wie Glenn Gould, als der sich 1955 in New York in den Columbia-Studios für seine dann legendäre Version der „Aria mit verschiedenen Veraenderungen“ auf sein Höckerchen vor den Flügel setzte. Stadtfeld traute sich was. Nicht jeder mochte das. Ganz viele, gerade die Jungen, mochten das sehr. Stadtfeld – smart, gut aussehend, elegant – wurde schon als deutscher Lang Lang gefeiert. Jedenfalls als hiesige Antwort auf den chinesischen Wunderknubbel.
Absurde Erwartungen
Ein Vierteljahrhundert später hat Stadtfeld – smart, gut aussehend, elegant, ein bisschen grau geworden – so wenig Lampenfieber, wie er Angst vor Lordsiegelbewahrern hat. „Das absolute Kennerpublikum“, sagt er, „dessen ganz bestimmte Erwartungshaltung man erfüllen zu müssen meint, ist weniger geworden.“ Die hatte, sagt Stadtfeld, schon fast kafkaeske Züge angenommen. „Etwas bedienen zu sollen, das man nicht ermessen kann.“ Aber wer weiß schon wirklich, was es da zu bewahren gilt? Es war ja keiner dabei 1740. Seit seinen „Goldbergvariationen“, sagt Stadtfeld, „ist eine größere Offenheit für neue andere Zugänge entstanden, gibt es eine neue große Neugier“. Das kann frei machen. Das Zeitalter der Orthodoxie ist vorbei. Stadtfeld ist entspannt.
Wir sitzen im „Bachstüb’l“ ums Eck vom Bach-Archiv, gegenüber der Thomaskirche. Alles furchterregend authentisch. Man könnte Bachs Forelle essen. Das wäre nicht so furchterregend authentisch. Der trank nämlich Unmengen Kaffee und aß angeblich gern „Stolzen Heinrich“ (Bratwurst in einer Sauce aus Bier, Zwiebeln und Gewürzkuchen), was die Körperfülle erklären würde auf dem einzig halbwegs authentischen Konterfei, das es von ihm gibt, und an das sich sogar jeder Onkelz-Anhänger am Ende des Tages erinnert, weil es an jedem zweiten Haus der Stadt hängt.
Wie wohl jeder Pianist habe auch er, sagt Martin Stadtfeld über seinem Leipziger Allerlei, eine Phase im Leben gehabt, als er sich fragte, was er wohl wert wäre, wenn er nicht mehr Pianist wäre, wenn er scheitern würde. Da hat ihn das existenzielle Ringen um seine Berufung eingeholt, in dem er zuvor nie gefangen gewesen war. Da war er weniger frei, verkopft, hat sich gefragt, was er sich vorher nie gefragt hat, was er denn der Interpretationsgeschichte hinzufügen könnte. Hat Neues gesucht in den Partituren wie Läuse im Pelz eines Dackels. Hat sich selbst blockiert.
Konzertpianist hat er als Berufswunsch schon mit sieben in die Freundschaftsalben seiner Kumpel geschrieben, mit denen er draußen tobte und daheim lustige Klassikrätsel veranstaltete. In Gackenbach im Westerwald war das (545 Einwohner zwischen Koblenz, Limburg und Montabaur, tolle Kirche mit tollen Orgeln). Klavier war seine erste große Liebe. Das erste Instrument habe die ganze Familie mit dem Van aus Koblenz abtransportiert, da war ein Räumungsverkauf. Ein Westerwälder Kantor habe ihn dann endgültig infiziert mit Bach. Ein klassischer Dorf-Musikinfluencer, der aus Laienchören geradezu göttliche Funken schlagen konnte. Mit dem saß der kleine Martin zusammen, und der nahm ihn mit in die harmonische Wunderwelt des Thomaskantors, in der Stadtfeld sich bis heute heimisch fühlt wie nirgends sonst. Sie nahmen Fugen und betexteten sie. Ein paar Zeilen hat er heute noch drauf.
Komponieren am Computer
Der Yamaha-Flügel, den er mit zwölf bekam, steht jetzt in Wanne-Eickel. Dort ist Stadtfeld hängen geblieben, da wohnt er mit seiner Frau (die aus Dortmund kommt und keine Musikerin ist) und seinem Sohn (13, Schalke- und Cello-Fan). Dort im Souterrain steht der Flügel jetzt, in Stadtfelds Studio. Da übt er, nicht viel am Flügel, viel im Kopf. Da schreibt er Musik. Komponieren will er das nicht nennen, weil man erst Komponist sei, wenn man davon leben würde (eine Logik, nach der es kaum mehr als zwei Handvoll klassische Komponisten in Deutschland gäbe). Das habe ihn frei gemacht.
Angefangen hat das, als sein Sohn geboren wurde. Da saß er da an seiner Wiege und dachte Musik. Und irgendwann waren 45 Minuten fertig im Kopf. Die hat er erst auf dem Klavier nachgestellt. Inzwischen tondichtet er mit dem Computer. Alben für die Jugend. Meditationen über Musik von Bach oder Chopin. Choralvorspiele wie die von heute Abend.
Wir sind im Schumann-Haus, in dem Clara und Robert von 1840 an ihre vielleicht glücklichste Zeit verbrachten. In dem Salon, in dem Streichquartette uraufgeführt wurden. Und Liederzyklen. Eine der vielen Leipziger Komponierwohnungen. Penibel rekonstruiert. Ein Museum, ein Konzertsaal, eine Grundschule in einem. Stadtfelds Künstlerzimmer ist neben der „Schildkrötengruppe“. Ein Blüthner-Flügel steht da und ein Klavierstimmer bereit. Der muss ein weites Herz haben. Sie bauen die Tastatur aus, legen Filzstreifen ein, um den Weg des Hammers auf die Saiten zu verkürzen und die Schärfe aus dem Ton zu nehmen. Drei Töne pro Oktave muss der Mann weniger wohltemperiert stimmen.
Auf den Schonbezügen über den Stühlen stehen die Namen jener, die ehemals hier saßen. Hector Berlioz, Franz Liszt, Felix Mendelssohn, Henriette Schröder-Devrient. Schumanns „Kinderszenen“ wird Martin Stadtfeld nachher spielen. Bachs Choralvorspiel, die dritte Englische Suite, eigene Choralvorspiele und zum ersten Mal öffentlich seine erste Sonate. Die und das andere, was er da im heimischen Souterrain geschrieben hat und später regelmäßig in seine inzwischen mehr als zwei Dutzend Alben eingebaut hat, haben ihn befreit aus dem Originalzwang und ihm Subjektivität ermöglicht.
Es war eine neue Vorbereitung auf Bach und Beethoven und Chopin: „Einen Spaziergang durch das Werk. Noch einmal unvoreingenommen in jeden kleinen Gang hineinschauen, hineinfühlen.“ Um dazu zurückzukehren, wie Musik ursprünglich entstand, durch Intuition. Um emotionale Brücken zu bauen zwischen dem Tonsetzer und seinem nachgeborenen Publikum. Durch das Gefühl, das Sosein des Pianisten. „Was dabei entsteht, hängt von der persönlichen Verfasstheit ab, vom emotionalen Zustand, in den man glücklicherweise – und wenn alles gut läuft – hineingerät. Auch vom Instrument, wie man mit ihm korrespondiert. Und ich liebe es, jeden Abend auf einem anderen Instrument zu spielen, jedes erzählt mir mindestens über eine kleine Stelle etwas Neues.“
Ein Stück wie ein bürgerlicher Salon
Das Instrument im Schumann-Haus ist vielleicht – aller Filzerei zum Trotz – ein bisschen zu groß. Stadtfeld breitet den Werkzeugkasten seiner kompositorischen Handwerkskunst aus in seinen Vorspielen von Chorälen, die heute selbst unter den gut 60 Gläubigen niemand mehr kennt. Er verwandelt Schumanns „Kinderszenen“ in abgründige Geschichten aus einer nicht zwangsläufig glücklichen Kindheit. Und spielt, was ihm seit zwei Jahren im Kopf herumspukte und was er kurz vorher noch verändert hat – seine erste Sonate.
Es ist ein Stück wie ein bürgerlicher Salon. Ein bisschen, als würden all die, die hier mal gesessen haben vor fast zweihundert Jahren, Zwiesprache halten. Miteinander. Mit uns. Mit Stadtfeld. Liszt redet viel und Bach und Schumann und Chopin. Ein neoromantischer Reigen. Durch ein Netz aus Ernsthaftigkeit und Emotion geschützt vor dem Absturz ins pianistisch Vintagehafte. Virtuos und zerbrechlich. Ein Klangfarbenfest.
Dann spielt er Bach. Singt sich durch die dritte Englische Suite. Fliegt durch ein Präludium als Zugabe. Dann lässt er den Mond aufgehen. Draußen ist es lau. Bach hat man im Ohr. Die Schumanns im Sinn. Und irgendwo hinten links wummern die Onkelz. Eigentlich ist Deutschland doch ganz schön.