„Wer profitiert davon, wenn Frauen unzufrieden mit ihrem Körper sind?“
Dass sie einen ungesunden Hang zum positiven Denken hat, hat Rosalie Thomass mal gesagt. Das mit dem positiven Denken hilft auf jeden Fall bei dem Pensum, das die 39-jährige Münchnerin absolviert. Mehr als 50 Filme in 20 Jahren vor der Kamera hat sie gestemmt. Als Hexenmutter Barbara Blocksberg ist sie gerade im Kino zu sehen, ebenso als Hauptdarstellerin in „Lügen über meine Mutter“ nach dem gleichnamigen Roman von Daniela Dröscher. Und die fränkische „Tatort“-Kommissarin Emmy Rathgeber an der Seite von Fabian Hinrichs ist sie jetzt auch noch („Gottesgarten“, der erste Fall, läuft am 25. Oktober im Ersten).
Zweifache Mutter ist sie obendrein und liiert mit dem Filmregisseur Aron Lehmann. Stillstand ist Verbrechen bei Rosalie Thomass. Sie kommt von einem Buch zum nächsten. Man möchte einen Kanon daraus machen und die Liste seiner Tochter hinlegen – als Wegweiser für ein widerständiges Frauenleben.
Fynn: Hallo, Mr. Gott, hier spricht Anna
Das erste Buch, an das ich mich wirklich gut erinnern kann, empfinde ich im Nachhinein als recht heftig für ein Kind – vielleicht ist aber das Schonungslose daran genau die Ehrlichkeit, die ich als Kind zu schätzen wusste. Hier wird einem nichts vorgemacht. Fynns „Hallo, Mr. Gott, hier spricht Anna“ habe ich bestimmt zehnmal gelesen – und kann es quasi auswendig rezitieren. Die Geschichte endet ziemlich tragisch, spendet dabei aber auch viel Trost. Anna, vier Jahre alt ungefähr, flieht vor ihren furchtbaren Eltern, und wird nachts allein auf einem Hafengelände vom Erzähler Fynn aufgelesen.
Anna ist sehr weise und das, was man heute resilient nennt. Für mich lag in der Lektüre Trost: Auch wenn man mal das Gefühl hat, auf sich gestellt zu sein – es werden sich immer Menschen finden, mit denen man sich verbinden kann. Das mit dem Alleinsein war ein Lebensgefühl, mit dem ich mich identifizieren konnte, dieser Anspruch auch, dass man alles allein schaffen will. Angeblich waren meine ersten Worte: „Kann schon alleine.“ Die Bücher, die mich geprägt haben, erzählen oft Geschichten von Mädchen, die Widerstandskraft entwickeln müssen. Und das auch schaffen.
Philip Pullman: His Dark Materials
Eine meiner Lieblingslektüren in meiner Jugend war Philip Pullmans „His Dark Materials“-Trilogie. Pullman entwirft da eine fabelhafte Fantasy-Welt. Mit einer Heldin! Einem Kind, das seinen besten Freund retten muss. Die Herausforderungen, die Lyra Belacqua meistern muss, sind sehr gefährlich und wahnsinnig finster. Auch Pullmans Geschichte hat mir Halt gegeben, weil auch bei ihm die Kinder übergroße Kräfte entwickeln und gemeinsam gegen den Rest der Welt kämpfen. Auch die platonische Liebesgeschichte zwischen Lyra und Roger hat mir gefallen – die Erzählung, dass Mann und Frau nicht zwingend ein Paar werden müssen, sondern Freunde sein können füreinander, Gefährten.
Als ich darüber nachdachte, welche Bücher in meine Lesebiografie gehören, kam mir bei vielen in den Sinn, dass ich sie eigentlich mit dem Blick von heute mal wieder lesen müsste. Man verändert sich ja und entwickelt sich weiter. Das Genre Fantasy etwa ist eigentlich gar nicht mein Gebiet – und doch habe ich diese Trilogie mehrfach verschlungen. Die Ideen darin sind faszinierend, zum Beispiel das Magische Messer, das die beiden am Ende des ersten Teils finden. Mit dem kann man kleine Fenster in die Welt schneiden, Löcher in die Luft und durch diese Fenster dann in eine Parallelwelt entfliehen. Natürlich kann man sich darin aber auch aus den Augen verlieren. Letztlich sind Bücher auch magische Messer – sie ermöglichen uns Zugang zu anderen Welten.
Enid Blyton: Hanni und Nanni
Früher war das Lesen für mich vor allem ein Abtauchen – ein Weg, mich und meine Sehnsüchte wiederzufinden. Das Gefühl, dass man, auch wenn man sich allein glaubt, nicht allein ist. Ich liebte Geschichten, in denen sich herausstellt, dass das Kind gar nicht zu seiner Familie gehörte – eine kindliche Fantasie, der ich mich gerne hingab. Auch die Vorstellung, dass es irgendwo da draußen meine geheime Zwillingsschwester gibt, faszinierte mich. Deshalb las ich zeitweilig bevorzugt Zwillingsgeschichten. „Das doppelte Lottchen“ natürlich. „Hanni und Nanni“. Hier wäre mal interessant, aus heutiger Sicht zu schauen, was das eigentlich für Frauenbilder waren.
Meine Vertiefung in die Welt von Hanni und Nanni führte so weit, dass ich meine Mutter anflehte, auch ins Internat zu dürfen. Die war natürlich beleidigt – ich damals voller Unverständnis. Ich musste doch meine verlorene Zwillingsschwester finden – heute, wo ich selbst Mutter bin, verstehe ich die geringe Begeisterung meiner Mutter damals. Aber falls meine Zwillingsschwester das hier liest, kann sie sich gern bei mir melden.
Marlen Haushofer: Die Wand
Während meiner Schulzeit am Gymnasium fiel mir irgendwann auf, dass wir gar keine Bücher von Frauen lesen. Nicht mal Bücher über Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Schullektürekanon rein gar nichts mit mir zu tun hat, dass ich da gar nicht vorkomme. Es gibt keine interessanten Identifikationsfiguren für eine Frau in „Die Leiden des jungen Werther“ oder „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, in diesen ganzen Büchern über leidende Jungs oder mordende Männer. Wenn eine Frau vorkommt, dann als Art Trophäe, unerfüllte Sehnsucht oder Projektionsfläche ohne eigene Geschichte.
Deswegen beflügelte mich Marlen Haushofers „Die Wand“. Es war gut zu wissen, dass es sehr wohl auch schreibende Frauen gibt – und so ging ich auf die Suche nach mehr. Ich bin sehr dankbar, dass ich dann in meinem Deutsch-Leistungskurs – es war zufällig ein rein weiblicher – eine Lehrerin hatte, die mir spiegelte, dass meine Wahrnehmung stimmig ist.
Leo Tolstoi: Anna Karenina
In meiner Schulklasse entwickelte ich mit Freundinnen die Tradition, dass wir Theaterstücke, die wir durchnahmen, nicht einzeln jede für sich im stillen Kämmerlein studierten – sondern gemeinsam in verteilten Rollen laut lasen. Dieser Lesekreis war mitunter entlarvend, für die Stücke, genauer gesagt: den Umgang mit Frauenfiguren darin. Es war unterhaltsam und witzig – und auch kostbar, weil wir diskutieren und uns gegenseitig stützen konnten, dass wir nicht allein auf der Welt sind mit der Wahrnehmung. Schillers „Die Räuber“ kann ich als Einstieg für einen unterhaltsamen Lesekreis sehr empfehlen. Eines meiner Lieblingsbücher in der Kollegstufe war „Anna Karenina“, auch (oder weil?) ich dazu ein ambivalentes Verhältnis habe. Das Buch ist einerseits zum Niederknien, schon rein sprachlich: Wie kann man so schreiben! Ich frage mich, ob ich jemals dazu kommen werde, Russisch zu lernen – ich stelle es mir großartig vor, diesen Text im Original lesen zu können.
Als ich das zum ersten Mal las, faszinierte mich, wie ein männlicher Autor so lange vor meiner Zeit die Lebensrealität einer Frau so gut zeichnen konnte: ihre Ausweglosigkeit, ihre Unfreiheit, ihr Ringen um ein selbstbestimmtes Leben – ihre Sehnsucht! Andererseits verhandelt Tolstoi natürlich den Niedergang einer Frau, „die zu viel wollte“ – ich war mir nie ganz sicher, ob er das auch als Warnung an Frauen meinte. Oder ob er erschüttert wäre, wüsste er, dass es heute immer noch Männer gibt, die denken, sie hätten das Recht, über Frauen und ihre Körper zu bestimmen.
Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf …
Antonia Baums Roman handelt von drei Geschwistern, die mit ihrem verrückten, unkonventionellen Vater auf einem Schrottplatz leben – und dem zwiegespaltenen Verhältnis zu ihm. Ich mag Geschichten, die von Figuren in einem weniger bürgerlichen Umfeld erzählen. Mein Eindruck ist, dass es davon inzwischen mehr gibt als früher, vielleicht weil der Zugang zum Buchmarkt inzwischen nicht nur für Bildungsbürger offen ist. In „Anna Karenina“ macht zwar genau das auch den Reiz der Geschichte aus – diese Welten mit dem ganzen Reichtum an allem, mit diesen riesigen Ländereien, die der arme Lewin bestellen muss. Aber ich brauche auch Bücher, in denen ich meine Lebensrealität und mich wiederfinde. Und ich bin nicht so gediegen aufgewachsen. Bücher, in denen die Figuren kämpfen, auch mal mit sich selbst oder eben mit durchgeknallten Familienmitgliedern. Am Ende darf es aber gerne gut werden. Mir tut es gut, wenn ein bisschen Hoffnung und Humor enthalten sind.
Rachel Cusk: Lebenswerk: Über das Mutterwerden
Mit meinem eigenen Mutterwerden vor zehn Jahren habe ich erst einmal aufgehört zu lesen, weil ich einfach keine Zeit mehr hatte und keine geistigen Ressourcen, um länger als zwei Seiten an etwas dran zu bleiben. Und ich habe richtig lange gebraucht, um es mir zurückzuerobern. Für dieses Schmökern, Abtauchen in einer Erzählung, braucht man ja die Erlaubnis, auszusteigen. Man wird auch faul und streamt abends eine Serie oder eine Reality-Show, was mich zum Beispiel in arbeitsreichen Phasen sehr entspannt.
Irgendwann habe ich das Lesen dann doch vermisst und mich daran erinnert, dass es mal ein wirklich großer Teil meines Lebens war. Ich bin als Teenie übers Buch gebeugt zur S-Bahn gegangen und in der S-Bahn gesessen und wieder ausgestiegen und die Treppen hochgelaufen. Rachel Cusks Buch über Mutterschaft habe ich gelesen, um zu verstehen, was da in meinem Leben passiert ist. Es hat Jahre gedauert, bis mir Rachel Cusk in die Hände fiel. Lustigerweise hat mir das ein Mann empfohlen. Cusk hat mir dann alles erklärt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.
Bill Watterson: Calvin und Hobbes
Zur Geburt hat mir mein Schwiegervater, ein Buchhändler, die Gesamtausgabe der Calvin-und-Hobbes-Comics geschenkt. Drei Bände im Schuber. Das ist einer meiner größten Schätze im Bücherregal. Mir war ziemlich langweilig, weil ich nicht arbeiten konnte. Für ein anspruchsvolles Buch war allerdings der Nebel im Kopf zu dicht, vom Stillen und von den durchwachten Nächten. Die Comics waren mein Lichtblick in der Stillzeit.
Ich liebe Calvin und den Humor in den kurzen Strips. Ein paar frauenfeindliche Witze habe ich leider auch entdeckt. Ich versuche, so etwas immer im Kontext der jeweiligen Zeit zu betrachten und meinen Kindern gegenüber klar zu benennen, ob es das N-Wort bei Pippi Langstrumpf oder eben eine abwertende Aussage vom kindlichen Calvin gegenüber Susi Derkins ist. Es ist gut, dass sich Dinge ändern, dass wir auch Sprache kritisch hinterfragen – das sollten wir ihr unbedingt zutrauen.
Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter
Für meinen Film, der auf Daniela Dröschers Roman basiert und zu dem ich das Drehbuch geschrieben habe, habe ich mich extrem viel beschäftigt mit Körperkult, Bodyshaming und der Ausgrenzung von Menschen, die nicht einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Daniela Dröscher erzählt in ihrem autofiktionalen Buch – es spielt im Hunsrück in den 1980ern – von einer Frau, deren Mann sie permanent klein hält. Er demontiert seine Frau wegen ihres angeblich fülligen Körpers. Er behauptet, weil sie so dick sei, bekäme er keine Beförderung. Die Frau gerät deswegen in eine Endlosschleife aus Ab- und Zunehmen. Eigentlich hatte ich befürchtet, das Thema könnte durch sein, wenn der Film jetzt in die Kinos kommt. Leider beobachten wir gerade das Gegenteil.
In meinem Beruf war mein Körper übrigens auch immer ein Riesenthema. Verstanden habe ich das, ehrlich gesagt, nie so richtig. Ich fand mich immer recht durchschnittlich. Eine große Frau scheint aber in den Köpfen mancher Leute immer noch ein Störgefühl auszulösen – ich musste bei Dreharbeiten einmal in der Hocke laufen, damit ich nicht größer wirke als der Mann. Heute würde ich das nicht mehr machen, unvorstellbar. Mir hilft gegen diesen Druck, den es in meinem Beruf gibt, das System dahinter zu verstehen: Wer profitiert davon, wenn Frauen unzufrieden mit ihrem Körper sind?
Für die Recherche zu dem Film bin ich auch auf den Zusammenhang von Körperkult und Faschismus gestoßen – und den Begriff des body fascism. Es gibt einen Korridor, innerhalb dessen wird ein Ideal definiert: weiß, nicht übermäßig groß, schlank, fast kindlich. Dass dieses Ideal zurückkommt, finde ich schrecklich und sehr eindimensional. Ich selbst erfreue mich lieber an der Unterschiedlichkeit verschiedener Menschen und fahre gut damit, mich nicht über meinen Körper zu definieren.
Sharon Dodua Otoo: So, in etwa, ist es gewesen
Das vielleicht Irrwitzigste am Lesen ist ja, dass du allein bist und doch so viel Kontakt, so viel Zugang haben kannst zu anderen Welten, zu anderen Perspektiven. Bei Sharon Dodua Otoos „So, in etwa, ist es gewesen“ ging es mir jüngst genau so. Den Roman hat mir meine Buchhändlerin empfohlen, zum Glück! Hier bekam ich Einblick in eine ganz andere Lebensrealität als meine eigene. Otoo erzählt von einer schwarzen Frau, die des Mordes an ihrem Chef angeklagt wird, und von ihrem Großvater, der beim Untergang der Cap Arcona am Ende des Zweiten Weltkriegs beinahe ertrunken wäre.
Eigentlich weit weg von meinem Erleben, und trotzdem, das ist das Wunderbare, finde ich mich hier wieder, mit meinen Abgründen oder Sehnsüchten. Durch jedes Buch kann man sich in eine andere Welt begeben – und so viel lernen. Ich schlage beim Lesen auch gerne etwas nach, mit dem ich mich bisher nicht auskannte.