Wer ein Faible für Amélie oder Wes Anderson hat, wird entzückt sein
Bonnie Garmus war Mitte 60, als sie 2022 „Eine Frage der Chemie“ veröffentlichte. Wem das spät vorkommt, der denke an Delia Owens. „Der Gesang der Flusskrebse“ von 2018 trat seinen Siegeszug durch die Buchläden an, als Owens 69 war. Dass Garmus und Owens noch erfolgreiche Schriftstellerinnen wurden, nötigt Respekt ab. Garmus, 1957 in Seattle geboren, hat in jungen Jahren sogar literarisches Schreiben studiert, dann aber als Werbetexterin gearbeitet.
Das erste Kapitel ihres Erstlings, der mit Oscar-Preisträgerin Brie Larson zur Apple-Serie wurde, erzählt sie oft, habe sie in Wut geschrieben: Bei einem Meeting habe ein männlicher Kollege schamlos mit ihren Ideen geprahlt, was ihr klargemacht habe, dass sie ihre Zeit Besserem widmen sollte. Jetzt will sie an den Erfolg der Geschichte um Elizabeth Zott, jener Biochemikerin, die Wissenschaft und Emanzipation in einer TV-Kochshow in den Sixties verbindet, anknüpfen.
In „Peck & Peck“ (Piper, 26 Euro), das gerade auf der Bestsellerliste gelandet ist und das der deutsche Verlag in einer deutsch- und einer englischsprachigen Fassung anbietet, gibt es ein Echo der gerade geschilderten Urszene von Garmus’ Leben als Bestsellerautorin. Gegen Ende sagt nämlich die Schriftgestalterin Rainey Gray als Expertin in einem Strafprozess aus.
Es geht um die 1956 von Howard Kettler entworfene Schriftart Courier. Die habe einen Nachteil: die Serife am „f“. Sie selbst habe damals eine Schriftart entwickelt, „bei der die Serifen allesamt perfekt waren, einschließlich des ‚f‘. Aber sie haben lieber Howards Entwurf genommen statt meinen. Frauen in der Jury – Sie verstehen, was ich meine.“
Dass die weiblichen Geschworenen nicken, ist weniger unwahrscheinlich als die Tatsache, dass die Mutter des Angeklagten als Expertin auftritt. Denn Raineys Sohn Batter sitzt hier auf der Anklagebank. Batter ist ein junger Mann, dessen Liebe zur Lyrik ihn zum Copyboy in der Redaktion der Poesiezeitschrift „Peck & Peck“ macht. Die sitzt in einem skurrilen Gebäude in Manhattan, das an das berühmte Flatiron Building erinnert und von 39 Sonderlingen, den Redakteuren, bevölkert wird.
Wer ein Faible für die Süßlichkeit der „fabelhaften Welt der Amélie“ hat oder die an Kitsch grenzenden Bildwelten Wes Andersons, wird entzückt sein von diesem Setting. Alle anderen wird es wohl eher irritieren, was Garmus ihnen hier auftischt.
Denn die am Ende doch sehr räuberpistolige, in den frühen 1980er-Jahren spielende Story enthält offensichtlich eine Botschaft für unsere heutige Zeit, in der die schönen Künste durch die Konkurrenz von KI und Co. unter Druck sind. Über sein Wissen um die Lyrik sagt Batter einmal, es bringe ihm „keinen hochbezahlten Job ein“. Doch die Poesie werde aussterben, „ganz gleich, wie wichtig sie für unser Überleben ist, wenn die Peck & Pecks dieser Welt nicht für sie kämpfen.“
Gedichte als Inkommensurables, Menschliches in einer Welt, in der alles auf Verwertung aus ist – darunter macht es Garmus nicht. Warum nur, fragt man sich dann, hat ihr Roman so wenig zu sagen zum Zauber der Lyrik? Die Kraft, „mich aus meiner eigenen Welt herauszureißen und mir zu ermöglichen, die eines anderen Menschen zu erfahren“, gehe von einem gelungenen Gedicht aus, sagt Batter. Doch besser wird es 540 Seiten lang dann leider nicht.